Ein Gesetz will Uwe Käbitz* auf seinen Touren durch die Straßen mit den Jahren entdeckt haben: Am meisten bestellen immer die, die ganz oben in den Häusern wohnen. Sie sparen sich das Schleppen  – und überlassen Käbitz die Stufen und die schwere Fracht. "Auf meiner Route gibt es einen, der im fünften Stock wohnt und sich alles nach Hause bringen lässt, schwere Säcke Katzenfutter, einmal sogar ein Fahrrad", sagt Käbitz. "Einen Fahrstuhl gibt es in solchen Häusern natürlich nie." Pro Tag, sagt der Mittfünfziger, hebe er rund eine Tonne Gewicht. Und in diesen Tagen, kurz vor Weihnachten, noch ein bisschen mehr.

Als Käbitz mit Mitte 40 arbeitslos wurde, stieß er in einem Anzeigenblatt auf ein Inserat von DHL. Der Paketdienst suchte Mitarbeiter im Lager, die im Schichtdienst mit anpacken. Käbitz wollte aber lieber geregelte Arbeitszeiten – und fragte, ob er nicht auch als Fahrer anfangen könne. "Am nächsten Morgen durfte ich direkt auf Probe arbeiten." Seit mehr als fünf Jahren fährt er Tag für Tag durch eine Großstadt in Norddeutschland. Freude mache das noch. Aber der Job, sagt Käbitz, sei härter geworden. 

Jeder fünfte bestellt Geschenke online

Weihnachten wäre ohne Menschen wie Uwe Käbitz inzwischen fast undenkbar. Mehr als drei Milliarden Pakete wurden allein im vergangenen Jahr zugestellt. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Anzahl der Pakete fast verdoppelt. Hochgetrieben wird das Sendungsvolumen durch den Onlinehandel. Die Deutschen lieben es, im Internet zu kaufen – gerade auch Geschenke. Jeder Fünfte bestellt seine Bücher, Playmobil-Piratenschiffe oder Konzertkarten inzwischen im Internet, wie die Beratungsgesellschaft EY kürzlich ermittelte. Das Budget, das die Kunden zu Weihnachten für Onlineshopping einplanen, ist laut der Studie im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent auf 282 Euro gestiegen. Wie im vergangenen Jahr auch hat die Post-Tochter DHL, der Marktführer im Zustellwesen, 10.000 Aushilfen fürs Saisongeschäft angestellt. 

Aber die Branche hat ein Problem: Menschen wie Uwe Käbitz werden auf dem Arbeitsmarkt zunehmend knapp. Die Post-Gewerkschaft DPVKOM geht von 5.000 Zustellerinnen und Zustellern aus, die in sämtlichen Bereichen des Konzerns fehlen. Ein DHL-Sprecher bestreitet, dass es bereits Engpässe gebe. "Wir haben rechtzeitig gesucht und deswegen keine Lücken", sagt er. Die Stellen zu besetzen, sei aber durchaus "eine Herausforderung".

Es reicht nur mit Nebenjob oder Partner

Erst vor wenigen Monaten hat die DHL daher eine große Rekrutierungskampagne gestartet. "Werde einer von uns", steht auf den Lieferfahrzeugen; in Werbeclips treten Fußball-Stars wie Thomas Müller und Mats Hummels im gelb-roten Zusteller-Dress auf. Wer sich für den Job interessiert, muss noch nicht einmal ein Anschreiben oder einen Lebenslauf hochladen – der Einstieg soll so einfach wie möglich sein. Nach Informationen von ZEIT ONLINE sollen seit August 90.000 Bewerbungen eingegangen sein. Die DHL will diese Zahl auf Anfrage nicht bestätigen. 

An die 200 Pakete trägt Zusteller Uwe Käbitz an einem Tag aus. Ein Paket darf höchstens  31,5 Kilo wiegen. Im vergangenen Jahr musste Käbitz wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Keine Seltenheit, sagt er. Viele seiner Kollegen bekämen mit der Zeit Schulterprobleme oder Bandscheibenvorfälle. 

Der Lohn fürs schwere Heben ist dagegen eher leichtgewichtig: 12,50 Euro in der Stunde bekommt Käbitz, im Monat 1.900 Euro brutto. "Ich kenne Kollegen, die in Vollzeit Pakete ausliefern und am Wochenende und nach Feierabend noch einen 450-Euro-Job machen", sagt er. Wenn seine Frau nicht auch noch in Vollzeit arbeiten würde, könnten sie sich ihre Zweizimmerwohnung kaum leisten.