Auf Kosten der Lückenfüller

Wer bislang in Teilzeit ging, musste es bleiben. Es gab einen Weg hinein, aber zu selten einen hinaus. Wer die Stundenzahl nach einigen Jahren wieder aufstocken wollte, musste auf das Erbarmen der Chefin hoffen – oder gleich einen neuen Job suchen. In einem Land, in dem die Rollenbilder starr sind, erweist sich die Einbahnstraße der Teilzeit als fatal: Gerade Frauen steigen nach der Geburt ihrer Kinder erst einmal nicht wieder voll in den Beruf ein – und sitzen bald mit ihren 20 Stunden in der Woche in der Falle. Weniger Arbeitszeit heißt weniger Gehalt heißt weniger Rentenansprüche – und dafür auf lange Zeit eine große Abhängigkeit vom hauptverdienenden Mann, der seine Last ahnend gar nicht erst auf die Idee kommt, das eigene Stundenpensum im Büro zu reduzieren. Fast jede zweite abhängig beschäftigte Frau arbeitet in Teilzeit, aber nur jeder zehnte Mann.  Das Arbeitsrecht macht beide Geschlechter unfrei. Die einen bleiben wider Willen in der Teilzeit stecken. Die anderen wagen sich gar nicht erst aus der Vollzeit heraus.

Insofern gibt es auf den ersten Blick allen Grund zum Jubel über das, was die große Koalition unter dem Namen Brückenteilzeit zu Beginn des Jahres eingeführt hat. Künftig haben Beschäftigte neben dem bereits bestehenden Recht auf Teilzeit auch einen Anspruch, zu ihrem ursprünglichen Stundenpensum zurückzukehren. Die Sackgasse, die die Teilzeit oft war, wird somit zur Durchgangsstraße. Man kann rein und endlich auch wieder raus, ohne betteln zu müssen. In der Theorie macht das alle freier.

Vorausgesetzt, man hat den richtigen Job.

Denn das ist einmal mehr das große Manko dieses im Ansatz recht fortschrittlichen Gesetzes: Es zerschneidet den Arbeitsmarkt in einen Kreis der Privilegierten, die sich über neue Freiheiten freuen können, und einen großen Rest, der von der Selbstbestimmung über die eigene Arbeitszeit nur träumen kann.

Neue unsichere Jobs könnten entstehen

Das neue Gesetz gilt nur für Firmen, die mindestens 46 Mitarbeiter haben. Viele Arbeitnehmer profitieren somit gar nicht von der Neuregelung. Nach Schätzungen des Arbeitsministeriums bleibt ein ganzes Drittel der Beschäftigten außen vor, insgesamt rund 11,6 Millionen Menschen. Für einen weiteren Teil gilt das neue Recht nur eingeschränkt: In mittelgroßen Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern hat nur einer von 15 Beschäftigten Anspruch auf die Brückenteilzeit. Wollen mehr Kolleginnen und Kollegen für eine Weile kürzertreten, darf die Chefin den Wunsch ohne jede Begründung ablehnen. Voll in den Genuss des neuen Rechts kommen damit nur die wenigen, die in Großunternehmen arbeiten. Gerade Großkonzerne bieten ihren Beschäftigten aber schon jetzt mit Sabbaticals und Zeitkonten Möglichkeiten, die Arbeit nach eigenen Wünschen zu gestalten. Das neue Gesetz sichert hier nur längst gewährte Privilegien ab.  

Die gravierendste Kehrseite ist aber gar nicht einmal, dass die neue Regelung an so vielen Arbeitnehmern vorbeigeht. Sie profitieren nicht, verlieren aber auch nichts. Viel schlimmer ist, dass die Brückenteilzeit im großen Stil neue unsichere Jobs entstehen lassen könnte.

Man muss aufhorchen, wenn schon das Arbeitgeberlager auf diese Folge offen hinweist. Mit der Brückenteilzeit würden "als irrtümlich prekär beschriebene Beschäftigungsverhältnisse gefördert" – so gab es Gesamtmetall, der Verband der Metallindustrie, bei einer Anhörung im Bundestag zu bedenken.

Befristete Jobs sind eine Schande

Wer in Teilzeit geht, muss ersetzt werden. Die fehlenden Stunden dürfte eine neue Kollegin übernehmen, deren Vertrag ausläuft, sobald der Brückenteilzeitler nach ein, zwei, drei, vier oder fünf Jahren in seine Vollzeitposition zurückkehrt. Hinter den Glücklichen mit selbst gewählter reduzierter Arbeitszeit stehen die Lückenfüller, die bald wieder weg sind. Sie sind die personalpolitische Manövriermasse, um anderen Arbeitszeiten zu ermöglichen, die zum Leben passen, und so dürfen sie sich auch fühlen. Es entstehen Vertretungsjobs von vorübergehender Dauer, oft sogar mit geringem Stundenumfang.

Solche Jobs werden nicht irrtümlich als prekär bezeichnet, wie Gesamtmetall so beschwichtigend wie belehrend zu behaupten versucht. Diese Jobs sind ohne jeden Zweifel prekär. Sie dürften, als Teilzeitbeschäftigung, in vielen Fällen zu wenig Lohn einbringen, um damit wirklich über die Runden zu kommen. Sie bieten als Arbeit mit Ablaufdatum keine Perspektive, um das eigene Leben sinnvoll planen zu können. Die Flexibilität der einen Beschäftigten müssen die anderen mit Unsicherheit bezahlen. Der Luxus der Brückenteilzeit dürfte zu einer Explosion befristeter Stellen führen.

Befristete Jobs gehören an den Pranger

In der Bundestagsdebatte zum neuen Gesetz sagte der Unionsvertreter, man dürfte "Befristung nicht an den Pranger stellen". Aber genau da gehört sie hin. Und da sollte man sie nicht wegräumen, nur weil man sie jetzt zum Nebeneffekt eines als fortschrittlich empfundenen Gesetzes veredeln kann. Befristete Jobs sind eine Schande für jedes Unternehmen, das sie anbietet. Sie sind eine Belastung für jeden, der sich mit ihnen begnügen muss. Es gibt für sie keinen höheren Zweck, der sie heiligt.

Die SPD war einmal mit dem Versprechen angetreten, die in diesem Land ausgeuferten Zeitverträge zurückzudrängen. Spätestens in den Koalitionsverhandlungen hat sie diesen Anspruch weitgehend aufgegeben. Die Änderungen, die sich die Regierungsparteien für diese Legislaturperiode vorgenommen haben, dürften jedenfalls kaum verhindern, dass die neuen hübschen Teilzeitbrücken in den Unternehmen mit lauter hässlichen Zeitverträgen gestützt werden.

Es ist schon ein wenig schizophren: Die große Koalition verwehrt einerseits Millionen Beschäftigen das Recht auf befristete Teilzeit und beschränkt die Regelung auf große Unternehmen – weil sie nur die in der Lage sieht, das Personal so weitsichtig zu organisieren, dass ein Antrag auf vorübergehende Arbeitszeitreduzierung nicht gleich den ganzen Betrieb ins Stocken bringt. Dass die gleichen Unternehmen ihren Ersatz andererseits aber auch planen könnten, ohne auf die billige, bequeme und erstbeste Lösung eines prekären Vertretungsjobs zurückzugreifen, das will man ihnen dann lieber doch nicht zutrauen.