Über eine Million Menschen hat sich bisher zu den Verlosungen des Vereins Mein Grundeinkommen angemeldet. Die Gewinnerinnen und Gewinner bekommen ein Jahr lang 1.000 Euro im Monat, bedingungslos. 2014 verloste Michael Bohmeyer, der Gründer des Vereins, das erste Grundeinkommen dieser Art, das über Crowdfunding finanziert wurde. Inzwischen sammelt Mein Grundeinkommen jährlich drei Millionen Euro über Spenden – und hat mehr als 250 Grundeinkommen verlost. Im vergangenen Jahr besuchte Bohmeyer zusammen mit der Autorin Claudia Cornelsen 24 zufällig ausgewählte Gewinner und sprach mit ihnen darüber, was das Grundeinkommen mit ihrem Leben gemacht hat. Daraus ist das Buch "Was würdest Du tun?" entstanden, das am 25. Januar im Econ Verlag erscheint. ZEIT ONLINE veröffentlicht einen leicht gekürzten und angepassten Abdruck daraus.  

Auf unserer Reise zu den 24 Gewinnerinnen und Gewinnern des bedingungslosen Grundeinkommens haben wir keineswegs nur Engel getroffen. Sondern auch Menschen, die ein Deutschland in den Grenzen von 1937 proklamieren, die für ihre Kinder keinen Unterhalt bezahlen, die das Sozialamt betrügen, die Steuern hinterziehen, die schwarzarbeiten und Drogen nehmen.

Michael Bohmeyer, geboren 1984, ist Gründer des Vereins Mein Grundeinkommen. Mit 16 gründete er sein erstes Start-up, mit Ende 20 hatte er ein erfolgreiches IT-Unternehmen. Die Beteiligung brachte ihm eine Art Grundeinkommen, das sein Leben veränderte. © Christian Stollwerk

Die Gewinnerinnen und Gewinner sind sehr reale Menschen: eine Hotel-Erbin, ein Managersohn, ein Beamter, Studierende und Mini-Jobber, Arbeitslose, Selbstständige und eine Unternehmerin. Sie leben in einer Landesbediensteten-Wohnung, in einem Einfamilienhaus, in einem Bauwagen, auf der Straße. Sie sind zwischen zwei und 67 Jahre alt. Die meisten haben einen Beruf gelernt, eine ist ungelernte Hilfskraft, eine andere promoviert. Sie bewegen sich politisch auf einem breiten Spektrum, gehen bis auf einen alle wählen, machen ihr Kreuz bei CDU, CSU, SPD, FDP, den Grünen, den Linken oder bei Die Partei; eine hat einmal "fast die AfD" gewählt.

Alle behaupten, bei ihnen sei durch den Gewinn nicht viel passiert und andere bräuchten die 1.000 Euro im Monat dringender. Gleichzeitig sagten fast alle, es habe ganz viel verändert – egal wie arm, egal wie reich.

Kein Künstler-Aussteiger-Schlaraffenland

Nüchtern betrachtet ist in gewisser Weise zwar nichts passiert. Keiner ist zum Mond geflogen, keiner hat einen Amoklauf gemacht. Keiner hat eine Revolution angezettelt, es ist keine Panik ausgebrochen. Volkswirtschaftlich hat sich in der Gruppe, soweit wir das beurteilen können, nicht viel verändert. Einer hat sich vorübergehend bei Hartz IV abgemeldet, einer ist jetzt nicht mehr versicherungspflichtig beschäftigt, sondern studiert.

Claudia Cornelsen, geboren 1966, hat Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie studiert und arbeitet seit 25 Jahren als Beraterin und Autorin. Sie initiiert derzeit einen wissenschaftlichen Thinktank zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen. © Oliver Bethke

Entgegen allen Befürchtungen zeigt das Experiment keine Hinweise auf soziale Katastrophen: weder die Einführung einer neoliberalen Ausbeutungsdystopie, wo ausgebrannte Menschen am Tropf des Sozialstaats hängen, noch eine sozialdarwinistische Anarchie mit einer totalen Verrohung der Gesellschaft. Es ist aber auch nicht das Künstler-Aussteiger-Schlaraffenland entstanden, wo die Leute bekifft und eigene Gedichte rezitierend am Strand faulenzen.

Trotzdem begann fast jedes Gespräch oder endete mit einem großen "Danke": Das Grundeinkommen hat Leben verändert. War eine neue Chance, ein Neuanfang, ein Geschenk des Himmels. Immer kam es zur rechten Zeit: an einem Tiefpunkt im Leben, an einem Wendepunkt, in einer Situation, wo alles aussichtslos schien, oder jemand gerade an einer Wegscheide stand. Das Grundeinkommen erwies sich als wirkungsvolle Medizin gegen eine chronische unheilbare Krankheit, als Stütze für den Stinkefinger gegenüber einem langjährigen Unterdrücker und als Grund, den Ehemann nicht zu verlassen. Und es war egal, ob bei einer jungen Familie, in der Lebensmitte oder zu Beginn der Rente. Das Grundeinkommen kam immer im richtigen Augenblick. Vermutlich gibt es keinen falschen. Genauso wie es auch keine falschen Gewinner gibt.