Jung und ausgebrannt – Seite 1

Tania Bergs* Probezeit war noch nicht vorbei, da saß sie auf der Arbeit vor ihrem Computer, starrte auf den Bildschirm und brach in Tränen aus. Berg ist Informatikerin und sollte sich an diesem Tag in eine neue Programmiersprache, genannt C#, einarbeiten. C# war nicht schwieriger als andere Sprachen, die Berg schon beherrschte, trotzdem blieb der Code, den sie seit Stunden anstarrte, ein Rätsel. "Mein Kopf war komplett leer", erinnert sie sich. Berg ging auf die Toilette, atmete tief durch und wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Dann ging sie zu ihrem Chef und sagte ihm, dass es ihr nicht gut gehe und dass sie nach Hause müsse. Obwohl Berg es nicht wollte, kamen ihr erneut die Tränen. "Ich habe private Probleme", log sie. Er nickte, sie nahm ihre Jacke und ging.

Seit diesem Tag im Oktober 2018 ist Berg nicht mehr in das Unternehmen zurückgekehrt. Als sie ihrem Mann zu Hause von ihrem Zusammenbruch erzählte und der zu ihr sagte: "Du bist nicht mehr du selbst", ging sie zum Hausarzt, um sich krankschreiben zu lassen. Der überwies sie zum Neurologen. Diagnose: Burn-out – mit 26 Jahren.

Zu jung für Burn-out?

Berg war erleichtert, dass es nun einen Grund für ihren scheinbar grundlosen Zusammenbruch gab. Die Symptome des Burn-outs – Erschöpfung und Überforderung mit kleinsten Aufgaben – passten zu ihren. Aber konnte das sein? In ihrem Alter? "Ich bin keine Managerin und musste nie mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten", sagt sie. Zu akzeptieren, dass sie nicht mehr gearbeitet hat als andere und von einem ganz "normalen" Vollzeitjob so überfordert war, fällt ihr bis heute schwer.

Burn-out, erstmals 1974 von dem Psychologen Herbert Freudenberger als "Zusammenbruch aufgrund von Überarbeitung oder Stress" erwähnt, galt lange als Manager- und Workaholic-Krankheit: Es ist der große Zusammenbruch, das Feuer, das nach Jahren, oft Jahrzehnten der Überarbeitung ausgeht, so zumindest wurde das Burn-out-Syndrom in den Medien jahrelang dargestellt und groß gemacht.

Im Auftrag der ZEIT hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft quer durch alle Berufsgruppen 1.000 Menschen befragt, was sie sich von ihrem Arbeitsplatz wünschen. In der Serie "Mein Job und ich" auf ZEIT ONLINE zeigen wir die Ergebnisse und erzählen die Geschichten dahinter. © Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

Aber ausbrennen, bevor man richtig gebrannt hat? Mit dieser Frage hadert nicht nur die 26-jährige Berg.

Anfang des Jahres löste die amerikanische Journalistin Anne Helen Petersen mit ihrem Essay "How Millenials Became the Burnout Generation" eine Diskussion über das Burn-out-Syndrom bei jungen Menschen aus. Sie beschreibt in ihrem Artikel eine Generation, die zwar ehrgeizig, perfektionistisch und beruflich erfolgreich ist, aber reihenweise an den einfachsten täglichen Aufgaben – Rechnungen bezahlen, Arzttermine ausmachen, Stiefel zum Schuster bringen, Stiefel vom Schuster wieder abholen – scheitert. Sie nennt es "errand paralysis", die Erledigungslähmung. "Es (das Burn-out) ist unser Leben", schreibt sie in ihrem Artikel. Die Hintergrundmusik, vor der das Leben ihrer Generation stattfinde, die Basistemperatur ihrer Körper.

Burn-out nicht als Folge jahrelangen Kaputtarbeitens, sondern als Dauerzustand, als "Basistemperatur" – mit Zahlen ist diese Annahme gar nicht so leicht zu belegen. Denn Burn-out ist in Deutschland keine eigenständige Diagnose, es wird von Ärzten unter dem Kürzel Z73 zusammengefasst. Z73 steht für "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung". Unter diesem Kürzel werden außerdem acht weitere schwer abgrenzbare Krankheiten zusammengefasst, zum Beispiel "Stress, andernorts nicht klassifiziert" oder "Einschränkung von Aktivitäten durch Behinderung". "Die Symptome der Erkrankung überschneiden sich zu gut 80 Prozent mit denen der Depression und lassen sich wissenschaftlich nicht eindeutig fassen", sagt Ulrich Voderholzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor eines Ratgebers über Burn-out und Depression.

Mehr Stress schon unter Studierenden

Gestiegen ist die Anzahl der Diagnosen mit dem Kürzel Z73 allemal, das zeigen die Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI): Wurden im Jahr 2009 lediglich rund 621.000 Patienten wegen solcher Probleme behandelt, waren es im Jahr 2017 bereits 945.706. Unter AOK-Versicherten hat sich die Zahl der Krankschreibungen aufgrund der Z73-Diagnose zwischen den Jahren 2008 und 2017 sogar verdreifacht. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts, warnt jedoch davor, diesen Zahlen zu viel Bedeutung beizumessen. Denn wie viele dieser Patienten wirklich unter Burn-out litten, lasse sich daran nicht ablesen.

Andere Studien, die sich nicht auf das Burn-out, sondern das allgemeine Stresslevel beziehen, bestätigen allerdings die These der gestressten Millennials. Jeder dritte amerikanische Student wurde in den Jahren 2016 und 2017 mit einer psychischen Krankheit diagnostiziert, fand eine US-weite Umfrage heraus. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in Deutschland. Eine Studie, die der AOK-Bundesverband 2016 in Auftrag gegeben hat, ergab: 53 Prozent der mehr als 18.000 befragten Studierenden stehen unter starkem Stress.

Woran liegt es, dass eine Generation so sehr unter alltäglicher Überforderung und burnoutähnlichen Stresssymptomen leidet?

Perfektionismus führt zu Stress

"Damit ein Mensch sich von seinem Beruf überfordert fühlt, muss er keine Führungsperson sein, die von morgens bis abends durchackert", sagt André Kümmel, Oberarzt des Gezeiten Hauses, einem privaten Fachkrankenhaus, das sich unter anderem auf die Behandlung von Menschen mit Depression und Burn-out spezialisiert hat. "Entscheidend ist die subjektive Wahrnehmung", sagt er. Denn Stress – und hierzu gehört auch, aber nicht nur der Stress der Arbeit – empfinden Menschen unterschiedlich. Personen, die unsicher seien und Angst davor hätten, Fehler zu machen, fühlten sich in der Regel auch in ihrem Job schneller überfordert als solche, die vor Selbstbewusstsein strotzten und von ihrem Können überzeugt seien. "Auch ein überhöhtes Verantwortungsgefühl sowie die Neigung zum Perfektionismus macht Menschen anfälliger für Burn-out", sagt Kümmel.

Mehr Aufmerksamkeit für die eigene Psyche

Perfektionisten gab es schon immer. Doch junge Menschen heute haben einen deutlich höheren Anspruch an sich selbst, perfekt zu sein. Das zeigt eine Studie der beiden Psychologen Thomas Curran und Andrew Hill aus England, die die Einstellungen junger Menschen von heute mit denen in den Achtzigerjahren verglichen haben. Die amerikanische Journalistin Petersen macht in ihrem Essay ähnliche Beobachtungen über ihre Generation. Millennials, schreibt sie, hätten vom Kindergartenalter an gelernt, zu performen, seien es gewohnt, sich selbst zu optimieren und täten sich deshalb schwerer, Fehler zu machen oder Dinge ohne schlechtes Gewissen einfach mal sein zu lassen.

Eine weitere Erklärung für den scheinbaren Anstieg von Burn-out und anderen psychischen Erkrankungen ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für die eigene Psyche. Das Sprechen über psychische Krankheiten ist heute gesellschaftlich akzeptierter, die Hürde, wegen psychischer Probleme oder Belastung zum Arzt zu gehen, niedriger. "Es ist gut möglich, dass Ärzte die Erkrankung deshalb häufiger diagnostizieren", sagt ZI-Geschäftsführer von Stillfried.

Doch längst nicht jeder Mensch, der sich vom Alltag oder Beruf überfordert fühlt, geht damit zum Arzt. Im Internet diskutieren von Burn-out gestresste Millennials eigene Therapiemöglichkeiten und ob die sogenannte self-care – also sich Zeit nehmen, um mal wieder ein Buch zu lesen, zu meditieren oder ein selbst gekochtes Abendessen zu genießen – wirklich die Antwort auf den Dauerstress der Selbstoptimierer oder nur ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste ist, den es zu erfüllen gilt.

Die Informatikerin Tania Berg lernt gerade in einer privaten Klinik, sich wieder auf das Wesentliche und die positiven Aspekte ihres Lebens zu konzentrieren. Etwa die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann sowie die Spaziergänge mit dem Hund. Ist die Therapie vorbei, will sie sich einen Job in Teilzeit suchen. "Ich kann mir zwar vorstellen, irgendwann wieder Vollzeit zu arbeiten", sagt Berg. "Doch zunächst will ich langsam machen und schauen, wie ich nach der Therapie mit der Arbeit zurechtkomme."

* Name von der Redaktion geändert