Immer mehr Frauen verdienen im gemeinsamen Haushalt mindestens genau so viel wie ihr Partner. In etwa jedem siebten deutschen Haushalt war im Jahr 2017 die Frau die Hauptverdienerin. Bei knapp elf Prozent der Paare verdienten beide Ehe- oder Lebenspartner zumindest ähnlich viel. Das berichtet die Welt am Sonntag unter Berufung auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die der Zeitung vorab vorliegen. Die Angaben der Statistiker stammen aus dem sogenannten Mikrozensus und beziehen sich auf gemischtgeschlechtliche Paare.

Demnach tragen Frauen bei einem Viertel aller Paare mindestens die Hälfte zum Haushaltseinkommen bei. In den ostdeutschen Bundesländern hatten Frauen im Jahr 2017 sogar in knapp 40 Prozent der Fälle ein mindestens ähnliches Einkommen wie ihre Partner, im Westen waren es 21 Prozent. Im Jahr 2003 traf das auf 20 Prozent der Paare zu. Damals war bei 11,0 Prozent der Partnerschaften die Frau die Hauptverdienerin im Haushalt. 

Das Beziehungskonstellationen, in denen die Partnerin mehr verdient, häufiger vorkommen als vor 15 Jahren, bedeutet aber nicht automatisch, dass die Geschlechterverhältnisse sich modernisieren. Denn Hauptverdienerinnen sind längst nicht alle Karrierefrauen, die sich einen Partner gesucht haben, der beruflich zurücksteckt, um sie zu unterstützen. Ute Klammer, Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen, hat die finanzielle Lage von mehr als 800 Familienernährerinnen untersucht. Sie kommt zum Schluss, dass die Frauen oft unfreiwillig in die Rolle der Hauptverdienerin schlüpfen – etwa weil der Mann seinen Arbeitsplatz verloren hat oder so wenig verdient, dass es nicht reicht, um die Familie zu unterstützen.

Hauptverdienerinnen häufiger arm

Dafür spricht auch, dass gerade in Familien mit niedrigem Einkommen häufig Frauen die Hauptverdienerinnen sind: 2007 hatten 31 Prozent der Familienernährerinnen einen Nettolohn von höchstens 900 Euro. Das war nur bei vier Prozent der Hauptverdiener der Fall. Diese Zahl wurde seitdem nicht wieder erhoben, doch auch heute sind Familien mit weiblichen Hauptverdienerinnen überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen.

Häufig stünden die Familienernährerinnen auch unter doppelten Druck: "Die weibliche Familienernährerin ist mehrheitlich kein Pendant zum männlichen Familienernährer 'mit umgekehrten Vorzeichen'", steht in dem Forschungspapier Frauen als Ernährerinnen der Familie, das 2010 vom Max-Planck-Institut in Auftrag gegeben wurde. "Familienernährerinnen sind nicht selten von einer Belastungskumulation betroffen", heißt es in der Untersuchung. "In den allermeisten Fällen" trügen die Frauen "neben ihrem Haupteinkommensbezug" gleichzeitig die Verantwortung für die Fürsorge in der Familie.

Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2017 leisten Frauen den größten Teil der unbezahlter Hausarbeit und Kinderbetreuung in Deutschland. Besonders groß sei das Missverhältnis von beruflicher und häuslicher Arbeit zwischen den Geschlechtern, wenn sie Kinder im Alter bis sechs Jahren haben. Vollzeitbeschäftigte Väter mit kleinen Kindern verbringen laut der Studie ein Drittel ihrer bezahlten und unbezahlten Gesamtarbeitszeit mit Haushalt und der Kinderbetreuung. Vollzeitbeschäftigte Mütter hingegen wenden dafür mehr als die Hälfte ihrer Zeit auf.