Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich introvertiert bin. Ich rede gern und viel, war viele Jahre Klassensprecherin. Später arbeitete ich als Pressesprecherin einer großen Versicherung, gab Interviews, stand auf der Bühne. Während meines Masters im Kommunikationsmanagement ließ einer meiner Professoren seine Studenten einen Persönlichkeitstest ausfüllen. Das Ergebnis überraschte mich einerseits, erklärte aber auch, warum ich nach einem Tag voller Meetings nach Hause kam, das Telefon abstellte und bis zum nächsten Tag mit niemandem sprechen wollte. Oder warum Netzwerkveranstaltungen für mich die Hölle auf Erden waren.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zwischen 36 bis 50 Prozent der Menschen so geht wie mir: Sie sind introvertiert. Extroversion (oder wissenschaftlich: Extraversion) und Introversion und sind die beiden Pole eines mittlerweile recht gut erforschten Persönlichkeitsmerkmals. Der Psychologe Carl Gustav Jung schrieb, Introvertierte seien von der inneren Welt der Gedanken und Gefühle angezogen, Extrovertierte von der äußeren Welt der Menschen und der Aktivität. Introvertierte versuchen, das Leben zu verstehen, Extrovertierte stürzen sich hinein. Introvertierte schöpfen ihre Energie aus dem Alleinsein, während Extrovertierte am besten unter Menschen auftanken können. Dabei gilt: Intro- und Extraversion sind ein Spektrum. Es gibt die Extreme an beiden Enden – und dazwischen ganz viele Nuancen.

Im Arbeitsleben brauchen Introvertierte drei Dinge, um richtig gut zu sein: Zeit, Raum und Ruhe. Damit haben sie es in unserer hektischen, lauten Arbeitswelt per se schwerer. In Stellenanzeigen werden häufig "kommunikationsstarke Mitarbeiter mit Ausstrahlung und Überzeugungskraft" gesucht. Selten liest man: "Suchen nachdenkliche Mitarbeiterin, die gern tüftelt und uns mit originellen Ideen überrascht".

Vor allem im Geschäftsleben kommen viele Trends aus den USA, quasi dem Mutterland der Extraversion. Aus diesem Land stammt unter anderem der Irrglaube, Teamwork sei die einzig produktive Art zu arbeiten, oder die Vorstellung, dass erfolgreiche Menschen sich ständig "verkaufen" müssen. Beides sind typisch extrovertierte Herangehensweisen.

Sensibel und überstimuliert

Neurologen von der Harvard-Universität stellten in einer Langzeitstudie mit 500 Babys fest, dass gerade die sensibelsten Kinder später introvertiert wurden.  Aus den Babys, die kaum auf äußere Reize reagierten, wurden später extrovertierte Erwachsene. Des Rätsels Lösung: Letztere suchen Stimulation (andere Menschen, laute Musik, Licht, Mannschaftssport, Drogen), während die sensiblen Introvertierten schon genug mit all den Reizen zu tun haben, die sie wahrnehmen. Nicht zufällig sind viele Introvertierte auch hochsensibel.

Nichts ist für sie daher so schädlich, wie ständig unterbrochen zu werden. Konzentriertes Arbeiten an einer Sache – danach sehnen sich vermutlich viele in der heutigen Arbeitswelt. Ablenkungen – jeder Kollege, der reinplatzt, jedes Telefonat, jede E-Mail – sind auch für Extrovertierte lästig. Introvertierten raubt es aber in einem noch höheren Maße Energie, die sie für den Arbeitsprozess brauchen. Nach einem Arbeitstag im Großraumbüro fühlte ich mich wie ein ausgewrungener Schwamm, wollte nur noch nach Hause auf die Couch. Jetzt, wo ich im Homeoffice für Büronymus schreibe, bleibt noch genug Energie übrig, um abends auch mal mit Freunden ins Kino zu gehen oder zu kochen.

Es würde wohl allen Beschäftigten guttun, wenn Unternehmen neben Räumen für Besprechungen und lockeren Plausch auch stille Arbeitsplätze schaffen würden. Introvertierte profitieren aber besonders von der Möglichkeit, in einer reizarmen Umgebung zu arbeiten – denn ihre Schaffenskraft kommt von innen. Sie gehen mit Ideen regelrecht schwanger, brüten sie aus. Und dafür brauchen sie vor allem eins: Ruhe.

Raus aus dem Schneckenhaus?

Einige Extrovertierte glauben, sie würden ihren introvertierten Kollegen etwas Gutes tun, indem sie diese "aus dem Schneckenhaus herauslocken" – zum Beispiel indem sie jede Mittagspause mit ihnen zusammen verbringen. Sie verstehen nicht, dass das Schneckenhäuschen unsere innere Heimat ist. Oft wird Introversion mit Schüchternheit verwechselt, aber das ist ein Missverständnis. Introvertierte fühlen sich nicht unbedingt befangen in Gesellschaft – aber sie brauchen Rückzugsmöglichkeiten, um sich davon erholen zu können.

Nach anstrengenden Meetings flüchtete ich oft in ein leer stehendes Büro und saß einfach nur dort – solange, bis ich wieder vor die Tür konnte. Was in dieser Zeit passiert, ist ein innerer Wiederaufbau, ein Sammeln und Zusammensetzen der Einzelteile. Doch nicht alle haben diesen Luxus. Manche Introvertierte müssen sich im Klo einschließen – oder leiden still. "Viele Introvertierte gewöhnen sich daran, ohne Perioden des Alleinseins auszukommen und passen sich an ihre laute Umgebung an – immer verfolgt von einem nagenden Gefühl der Obdachlosigkeit", schreibt Laurie Helgoe in ihrem Buch Introvert Power. Überstimulation oder Druck – wie zum Beispiel übereifrige Kollegen, die ihre introvertierten Bürogenossinnen bei der Weihnachtsfeier auf die Tanzfläche zerren, sind aber kontraproduktiv: "Wenn wir Introvertierte das Gefühl einer Invasion von außen haben, machen wir zu", so Helgoe.

Überhaupt: Für Introvertierte ist es ein Zeichen von Respekt, andere in Ruhe zu lassen. Deshalb grätschen wir nicht in ein Gespräch rein, deshalb grüßen wir nicht, wenn wir sehen, dass jemand beschäftigt ist. Das wird von extrovertierten Kollegen oft als Unfreundlichkeit interpretiert – ein großes Missverständnis.

Besser Tiefgang als Smalltalk

Die Mär von Eigenbrötlern

Introvertierte sind nicht automatisch Eigenbrötler. Sie tauschen sich gern aus – am liebsten unter vier Augen oder im kleinen Kreis. Da sie nur begrenzte Ressourcen für menschlichen Kontakt haben, haushalten sie eben damit. Ich habe für mich festgestellt, dass ich lieber in kleinen Teams von zwei bis etwa acht Leuten arbeite. Dafür gibt es noch einen anderen Grund, der typisch für Introvertierte ist: Ich möchte einfach wissen, mit was für Menschen ich es zu tun habe. Denn noch stressiger als viele Menschen sind viele fremde Menschen.

Es gibt noch etwas, worin Introvertierte ziemlich schlecht sind: Smalltalk. Es fühlt sich für sie unnatürlich an, eher wie eine Barriere als eine Verbindung zwischen Menschen – so beschreibt es Laurie Helgoe. Mein Mittel dagegen: den Smalltalk weglassen und einfach mit der Tür ins Haus fallen. Das irritiert einige Gesprächspartner –kann aber manchmal auch von Vorteil sein.

Tiefgang, bitte!

Womit kann man Introvertierte also kriegen? Mit Ideen und Konzepten. Wenn sie für eine Sache wirklich brennen, laufen sie zur Höchstform auf. Deshalb sind Intros oft in Feldern zu finden, wo sie sich ganz ihrem Thema widmen können: zum Beispiel Wissenschaft oder Kunst. Wenn ich mich für eine Sache wirklich begeistere, stelle ich mich sogar auf eine Bühne und gebe für eine gewisse Zeit die Rampensau – obwohl es eher nicht meiner Natur entspricht. Ähnlich dürfte es Barack Obama und Angela Merkel gehen, die sonst typische Eigenschaften von Introvertierten zeigen. Bill Clinton hingegen, der genoss, ein Bad in der Menge zu nehmen, ist wahrscheinlich eher extrovertiert.

Wie ein Fisch auf dem Fahrrad: Netzwerken

Die wenigsten Introvertierten sind Networking-Talente. Auch mir fällt es schwer, mit Menschen nur deshalb Kontakt zu knüpfen, weil sie mir einmal nützlich sein könnten. Sich Networking-Ziele setzen ("Legen Sie eine Tabelle an ...") und die auf Veranstaltungen abarbeiten – das klingt für mich absurd. Während ein extrem extrovertierter Mensch sich in kürzester Zeit mit allen Anwesenden anfreundet und sie auch noch untereinander bekanntmacht, spielen viele Introvertierte lieber in der Ecke auf dem Handy. Instinktiv suchen sie sich auch gern eine Beschäftigung am Rand des Geschehens: Sie machen Fotos, filmen, oder organisieren gleich die ganze Veranstaltung. Alles ist besser, als herumzustehen und sich oberflächlich mit Fremden zu unterhalten. Ich baue am liebsten Kontakt auf, indem ich mit jemandem arbeite. Denn nirgendwo lernt man den Charakter von Menschen besser kennen.

Große Firmenevents, Konferenzen und ja, auch die Betriebsweihnachtsfeier können Introvertierte viel Kraft kosten. Was nicht heißt, dass sie davor geschützt werden müssen oder das nicht packen. Die meisten Introvertierten haben ihre ganze Schul- und Ausbildungszeit dafür nutzen können, sich an eine eher extrovertierte Welt anzupassen. Aber es kann sein, dass sie sich nach einer Veranstaltung grußlos verziehen, statt mit den Kollegen noch einen trinken zu gehen, weil sie erst mal wieder Kraft tanken müssen – und zwar allein. Passender für Introvertierte sind Betriebsausflüge in die Natur oder Events, bei denen es etwas zu tun gibt: ein Quiz, eine Schnitzeljagd oder ein Kochkurs.

Lasst mich drüber nachdenken (oder schlafen)

Intros brauchen oft eine kurze Pause der Reflexion, bevor sie eine Entscheidung treffen. Das fängt bei der Speisekarte an und gilt erst recht für das gerade vorgestellte Konzept einer Kollegin. Setzt man mir eine Pistole auf die Brust und fordert eine sofortige Antwort, fühle ich mich unter Druck. Deshalb habe ich mir angewöhnt, bei wichtigen Entscheidungen mein Recht einzufordern, in Ruhe darüber nachzudenken. Oder drüber zu schlafen.

Durch ihre Neigung, viel über die Welt nachzudenken und zu philosophieren, sind Introvertierte oft moralische Menschen, denen ihre Werte besonders wichtig sind. In Unternehmen treten sie daher oft als Mahner in Erscheinung – oder als Bremser der wahnwitzigen Ideen von Extrovertierten. Arbeitgeber sollten erkennen, dass Introvertierte keine Schwarzseher sind, sondern wertvolle neue Sichtweisen einbringen und Schaden vom Unternehmen abwenden können.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum viele Introvertierte Telefonate mit Fremden hassen: Meist trifft der Anruf sie völlig unvorbereitet und beginnt mit ... genau, dem verhassten Smalltalk! Oft soll man auch sofort antworten – klar, deshalb ruft der Gesprächspartner ja "mal eben schnell" an. Sich erst mal eine Denkpause zu nehmen, fällt am Telefon besonders unangenehm auf. Und dann fehlt auch noch die Körpersprache, um gerade einen fremden Menschen besser einschätzen zu können. Gerade bei wichtigen Themen ziehen Introvertierte es vor, wenn sie Termin und Anlass des Anrufs vorher abstimmen können – am besten per E-Mail.

Die besseren Chefs

Begabte Führungskräfte, gute Beobachter

Die vielleicht überraschendste Nachricht: Introvertierte sind begabte Führungskräfte. Wirtschaftsbosse wie Warren Buffet und Bill Gates hat möglicherweise gerade diese Facette ihrer Persönlichkeit erfolgreich gemacht. Der Organisationspsychologe Adam Grant von der Wharton Business School fand heraus, dass entgegen der landläufigen Meinung Introvertierte sogar die besseren Führungskräfte sind – jedenfalls unter bestimmten Bedingungen. 

In seiner Studie stellte er fest, dass Teams mit extrovertierten Managern zwar profitabler waren. Dies galt jedoch nur, wenn die Mitarbeiter eher passiv waren und Anweisungen befolgten. In Teams, deren Mitglieder aktiv an Verbesserungen interessiert waren, erzielten introvertierte Manager die besseren Ergebnisse. Der Grund: Die introvertierten Chefs hörten gut zu und griffen Vorschläge der Mitarbeiter auf.

Zuhören, Ideen von Teammitgliedern integrieren, Eigeninitiative fördern: In unserer komplexen Welt, in der ein Einzelner nicht mehr alle Informationen besitzt und es gefährlich sein kann, allein eine Entscheidung zu treffen, sind das Schlüsselkompetenzen für Führungskräfte. Introvertierte können das.

Introvertierte vor!

Es liegt in der Natur der Introvertierten, dass sie an sich zweifeln. Viele spüren, dass sie nicht erfüllen können, was eine (eher extrovertierte) Gesellschaft von ihnen fordert. Ich zum Beispiel hatte lange Zeit die Vorstellung, dass man bei Auftritten mit Elan auf die Bühne springen und das Publikum anheizen sollte. ("Give me an A!") Ich habe das wohl zu oft in irgendwelchen Videos gesehen. Mittlerweile weiß ich: Es ist völlig okay, ganz normal auf die Bühne zu steigen: Man kann einen ganzen Saal mit einer guten Geschichte fesseln, ganz ohne Kokolores und dieses Aufgedrehtsein, das mir einfach fehlt.

Was hilft, ist das Wissen, nicht allein zu sein. Wer genau beobachtet, findet schnell Gleichgesinnte, die sich auf der Firmenparty ebenfalls langweilen. Das ist die Gelegenheit für gute Gespräche. Am besten draußen vor der Tür.