Otto Bender* zerstört, was er Jahrzehnte zuvor mit aufgebaut hat. Es ist sein Beruf. Acht Tage lang je zwölf Stunden arbeiten, sechs Tage frei. Das war der Rhythmus, in dem Bender Anfang der Achtzigerjahre dabei half, das Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald zu erweitern. Vier Reaktoren hatte es damals bereits, vier weitere sollten hinzukommen. Zusammen mit dem kleineren Kraftwerk Rheinsberg sollte es dann ein Fünftel des gesamten Strombedarfs der DDR decken, doch dazu kam es nicht. 1990 wurden die vier laufenden Blöcke abgeschaltet. 1991 war auch für Bender Schluss, er wurde, wie die meisten anderen Arbeiter, entlassen. Doch seit 2010 ist er wieder beim Kraftwerk Lubmin angestellt, das nun EWN Entsorgungswerk für Nuklearanlagen heißt. Sein Arbeitsauftrag: Rückbau.

Bender ist Ende fünfzig, sportlich und fit. Ein Spaziergang mit ihm artet schnell in einen Wandertag aus. Er ist mittelgroß, mittelschlank, mittelblond und immer noch etwas sommerbraun, ein interessanter Kontrast zu seinen nebelgrauen Augen.

Bender war 23 Jahre alt, als er 1982 im Kraftwerk "Bruno Leuschner" begann. Die Arbeit dort war etwas, worauf man stolz sein konnte. Sie war abwechslungsreich und besser bezahlt als vergleichbare Jobs im Land, dank KKW-Zuschlag. KKW für Kernkraftwerk. Bender war Elektromonteur und ziemlich begeistert, an einem der größten Kernkraftwerke Europas mitzubauen. Auch wenn ihm die DDR-Losung "Sonne in Menschenhand" stark übertrieben vorgekommen und seiner Mutter dieser Arbeitsplatz etwas unheimlich gewesen war. Immerhin sollten in den acht Kernrektoren mal 340 Tonnen Uran ihre Strahlungshitze abgeben.

Sowjetischer Murks

Neun Jahre lang installierte und wartete er dort Starkstromanlagen; riesige graue Schränke, die den Strom verteilten, den die Reaktoren erzeugten. Auf dem Gelände wimmelte es von meist jungen Menschen: Ingenieure, Betonbauer, Schweißer, Schlosser. Viele kamen aus Polen, aus Ungarn, der Tschechoslowakei. Sie wohnten in eigens für sie gebauten Siedlungen, ebenso wie die sowjetischen Spezialisten, die immer dabei waren. Das gesamte Kraftwerk mit Generatoren, Pumpenwerken, Reaktoren, Turbinen war in der Sowjetunion geplant, projektiert, gebaut worden.

"Es wurde komplett geliefert, vom Kran über die Schienen, sämtlichen Schaltern, Schrauben und Nägeln, bis zur letzten Bohrmaschine", sagt Bender. "Aber die Qualität des Zubehörs war so beschissen, dass wir vieles vollständig überholen mussten." Wochenlang hätten sie manchmal damit zugebracht, jede einzelne Schraube an den Schaltanlagen gegen solche aus DDR-Produktion auszutauschen. "Die russischen Bohrmaschinen konnte man gleich in die Tonne hauen, wenn man sich damit nicht umbringen wollte. Die waren groß wie Maschinengewehre, aus Metall und unhandlich – so ein Teil verzieht das Handgelenk beim Bohren, das hätte einen vom Gerüst hauen können."

Bender sagt nicht oft so viele Sätze hintereinander. Er ist eher ruhig. Wer etwas erfahren will, muss nachfragen, nachhaken. Die russischen Bohrmaschinen hätten sie dann schnell in der Werkzeughalle zurückgegeben und neue angefordert. 1986 soll sogar mal eine ganze Brigade einen Brief an Erich Honecker geschrieben haben, mit der dringenden Bitte um ordentliches Werkzeug. Ohne das könne man für die Sicherheit der Arbeiter nicht mehr garantieren. Monate später habe ein Container auf dem Hof gestanden, voller Bohrmaschinen, Akkuschraubern und anderem Handwerkszeug aus dem Westen. Elf Millionen D-Mark sollen die Gerätschaften gekostet haben.

Die Angst verdrängt

"Wenn wir darüber nachdachten, dass die davor bei den Reaktoren eins bis vier auch so einen Murks gebaut haben, wurde uns schon komisch." Von der Leitung hätten sie immer nur gehört, dass alles bombensicher sei, selbst wenn ein Flugzeug auf einen der Blöcke kracht. Bis dann 1986 Tschernobyl passierte. "Seitdem haben wir uns mehr Gedanken über Störfälle gemacht."

Zu Recht, denn die vier alten Blöcke waren schlecht gewartet und hätten eigentlich komplett überholt werden müssen, wie das Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR 1987 forderte. Trotzdem wurde diese dringend nötige Rekonstruktion immer wieder verschoben, die DDR brauchte den Strom.

Laut gemeckert habe aber niemand, sagt Bender. "Man wusste ja nie, wer was wem weitererzählt." Die Stasi war immer mit auf dem Gelände, ihre Leute saßen in einem Extrabereich hinter verschlossenen Türen und hielten alles unter Beobachtung. Damals war die gesamte Gegend rund um Lubmin Sperrgebiet: Verbotsschilder, Stacheldraht, Flutlicht, patrouillierende Uniformierte. Von den gefährlichen Störfällen und Beinahekatastrophen, die es durchaus gegeben hat, drang bis 1990 nichts nach draußen.

Die Arbeiter versuchten, die Befürchtungen zu verdrängen. Bender tankte beim Wandern und Schwimmen auf der Insel Usedom Kraft. Ab und zu sorgte auch die FDJ – die Arbeiter waren in sogenannten Jugendbrigaden organisiert – für Spaß und gelegentliche Discoabende. Kulturelle Maßnahmen hieß das. 1988 gab es sogar Karten für das Konzert von Joe Cocker in Ost-Berlin. Und sie gingen angeln. Obwohl es verboten war, fischten sie im Kühlwasserauslaufkanal des Kraftwerks, der zum Bodden führt. "Ich liebe Fisch und koche gern. Aber es ist ein seltsames Gefühl, warmen Zander aus dem Wasser zu ziehen", sagt Bender.