Wer die Welt verändern will, muss im Schlafzimmer anfangen. Der ehemalige amerikanische Offizier William McRaven zeigt auf sein Bett: zwei Meter lang, zwei Meter breit, über den weißen Laken und Kissen liegt eine Tagesdecke mit dunkelrotem Blumenmuster. "Jeden Morgen mache ich nach dem Aufwachen sofort mein Bett", sagt der 63-Jährige, "das ist die erste Aufgabe des Tages. Jeder, der das schafft, kann danach noch eine Aufgabe erledigen. Und noch eine und noch eine."

Während der Ausbildung mussten die Laken so straff gespannt sein wie möglich

Es ist neun Uhr morgens in Austin, Texas, McRaven ist seit zwei Stunden wach. Seit mehr als vier Jahren ist er Rentner, doch er sieht noch immer aus, als würde er sofort salutieren. Er trägt eine dunkelblaue Bundfaltenhose, die grauen Haare zur Seite gekämmt, gleich muss er zur Eröffnung einer Militäreinrichtung. Früher, als McRaven mit 22 Jahren seine Ausbildung bei den Navy Seals, einer Spezialeinheit der United States Navy, begann, gab es einen Test. Nur, wenn die Laken so straff gespannt waren, dass der Ausbilder eine Münze darauf springen lassen konnte, hatte ein Seal das Bett richtig gemacht. "Inzwischen nehme ich das ein bisschen lockerer", sagt McRaven. Sein Schlafzimmer sieht aber nicht so aus. Es ist so aufgeräumt, es könnte auch ein Hotelzimmer sein.

McRaven weiß, dass seine morgendliche Routine für viele zuerst banal klingt. Auch er brauchte ein bisschen Zeit, bis er erkannt habe, wie wichtig es sei, das Bett zu machen. "Wenn du die Welt verändern willst, fang mit den kleinen Sachen an", sagt McRaven. Und leitet daraus eine Lebensphilosophie ab: das Bett machen, anderen helfen, etwas riskieren. Mit diesen Regeln kann jeder seinen Alltag strukturieren, ohne gleich das ganze Leben umkrempeln zu müssen.

Seine Botschaft klingt auch deshalb so glaubwürdig, weil er in den USA eine Legende ist. Er war Oberbefehlshaber der Einheit für Spezialoperationen. Unter seiner Führung wurde in Pakistan der Terrorist Osama bin Laden getötet und im Irak Saddam Hussein gefangen genommen. Zuletzt arbeitete er für Barack Obama. Sein Name steht heute in Geschichtsbüchern.

Warum ist die Sehnsucht nach einem Regelwerk für den Alltag so groß?

Bekannt wurde McRaven aber auch wegen des Betts: Im Mai 2014 hielt er an der Universität in Texas vor 8.000 Studierenden und 20.000 Besuchern die commencement address. Er selbst hatte dort in den Siebzigerjahren studiert. In seiner weißen Uniform, mit unzähligen Abzeichen aus dem Irak- oder dem Afghanistankrieg und einer Offiziersmütze, stand er auf dem Podium und erklärte in einem Zehnpunkteplan, wie jeder und jede die Welt verändern könne. Die Rede ging viral. Bis heute haben sie mehr als zehn Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehört. Sein Buch Mach dein Bett! stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times. Das nicht einmal 100 Seiten lange Werk wurde zu einer Art Bibel für Jünger der Morgenroutine. Kann das Bettenmachen wirklich das Leben verändern? Und warum ist die Sehnsucht nach einem Regelwerk für den Alltag überhaupt so groß?

McRaven sitzt am weißen Küchentisch mit Blick auf die Bäume im Garten. Und seine Morgenroutine ist dann doch ein bisschen komplexer, als nur das Bett zu machen. Das Programm klingt eher nach Silicon-Valley-CEO und weniger nach Rentner: erst das Bett machen, dann Gewichte heben, Sit-ups, Work-out, insgesamt 45 Minuten lang, danach duschen, anziehen, Kaffee trinken, frühstücken. Spätestens um zehn Uhr klappt er sein Laptop am Schreibtisch auf und beginnt mit dem, was von seiner Arbeit übrig geblieben ist: Die Aufarbeitung der Vergangenheit. "Gerade schreibe ich an meiner Biografie", sagt McRaven. Sein Buch Sea Stories: My Life in Special Operations erscheint im Mai 2019.