Die Obsession des Bettenmachens liege in seiner Familie. Schon seine Mutter, eine Lehrerin, habe es ihm als Kind anerzogen. "Mach dein Bett!", habe sie gesagt und vor dem Frühstück kontrolliert. Manchmal habe er die Laken einfach nur über die Matratze geworfen. "Damit bin ich nicht durchgekommen", sagt McRaven, "Sie hat mir aber nie gesagt, warum es wichtig sein könnte", sagt McRaven. Das habe er erst später begriffen.

"Wenn du die Laken glattziehst, das Kissen ausschüttelst, bekommst du einen Sinn für Ordnung und Struktur. Für den Tag, für dein Leben."
William McRaven, amerikanischer Offizier und Buchautor

Mit 22 Jahren begann McRaven seine Ausbildung bei den Neavy Seals, der Eliteeinheit des amerikanischen Militärs. Und da war es nicht seine Mutter, sondern ein Ausbilder, der ihn zum Bettenmachen zwang. Doch auf einmal sah er einen Sinn darin: "Wenn du die Laken glattziehst, das Kissen ausschüttelst, bekommst du einen Sinn für Ordnung und Struktur. Für den Tag, für dein Leben", sagt McRaven. Das Seal-Training gilt als besonders hart, nur wenige schaffen es. So bekommt das Bett eine höhere Bedeutung: Es steht stellvertretend für Disziplin und Ordnung, einen Aspekt, auf den McRaven sich verlassen kann, eine Konstante, die dabei hilft, Herausforderungen zu meistern. "Wenn ich aus der Zimmertür getreten bin, wusste ich, ich habe schon etwas geschafft", sagt er, "und es hat mich inspiriert, weiterzumachen."

Es waren die Herausforderungen in der Ausbildung, aus denen McRaven Lebensweisheiten ableitete: Zu siebt paddelten die Männer in einem Schlauchboot der Brandung entgegen. "Wenn Sie die Welt verändern wollen, suchen Sie jemanden, der Ihnen beim Paddeln hilft", sagt McRaven. Nichts spiele dabei eine Rolle außer der Wille zum Erfolg, nicht die Hautfarbe, nicht die ethnische Herkunft, nicht die Bildung und nicht der soziale Status. In anderen Regeln geht es um Risikobereitschaft, Angst, Durchsetzungskraft, Mut oder Optimismus. "Egal, was passiert, machen Sie weiter", sagt McRaven.

Die einfachen Regeln passen gut in unsere Zeit. Auch der kanadische Autor Jordan Peterson landete einen Bestseller mit seinem Buch 12 Regeln des Lebens. Tausende pilgern zu seinen Lesungen und verehren – oder kritisieren – ihn. Und die japanische Autorin Marie Kondo ist mit ihren Aufräumbestsellern sehr erfolgreich. Zum Jahresbeginn startete ihre eigene Serie auf Netflix. Wenn die Welt sich wandelt, scheint die Sehnsucht nach Kontrolle über den Alltag zu wachsen – und dazu braucht es Regeln. Regeln, wie die Leser sie auch in McRavens Buch finden.

Die Botschaft: Jeder ist für seinen Erfolg selbst verantwortlich

"Mein Buch hat Menschen durch schwierige Zeiten geholfen", sagt McRaven. "Die Leser schreiben mir, dass das Bettenmachen dem Anfang des Tages einen Sinn gegeben hat." Schwierige Zeiten hat McRaven selbst erlebt, bei Auslandseinsätzen in Kriegen oder als er bei einem Fallschirmsprung beinahe starb. Er ist nicht der Superheld, der Superkräfte propagiert, sondern so erfolgreich, weil er sich an Alltagsregeln gehalten hat. Auch deshalb kommt seine Botschaft so gut an: weil sie die Hoffnung vermittelt, dass für den Erfolg etwas verantwortlich ist, was jeder selbst sofort umsetzen kann. Und natürlich hat McRaven nicht nur durchs Glattziehen der Laken seine Ziele erreicht. Aber für einen Moment kann es jeder glauben.

"Du bist keine schlechte Person, wenn du keine Rituale am Morgen hast", sagt McRaven. In seinem Buch schreibt er, dass der Diktator Saddam Hussein in Gefangenschaft nie sein Bett gemacht habe. "Nur, weil du dein Bett nicht machst, macht das aus dir keinen Saddam Hussein", sagt McRaven. Und was ist mit Donald Trump? "Davon möchte ich erst gar nicht anfangen!" McRaven ist einer der wenigen aus dem Militärsektor, der sich öffentlich gegen den Präsidenten Trump stellt. Anfang 2017 bezeichnete er Trump in einem Interview mit der Washington Post als "die größte Bedrohung für unsere Demokratie". Wer wie Trump das Recht auf freie Meinungsäußerung infrage stelle, untergrabe eine wichtige Säule der Verfassung. Viele solidarisierten sich mit ihm. CNN handelt ihn bereits als potenziellen Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen im kommenden Jahr. Egal, was noch passiert: McRaven wird weiterhin sein Bett machen.