Sätze wie "Bei uns ist der Sex gerade langweilig" oder "Meiner steht nicht immer" spricht niemand gerne laut aus, die Sexualtherapeutin Carla Pohlink hört sie in ihrer Praxis dafür umso häufiger. Studien zufolge leiden immer mehr Menschen an Lustlosigkeit. Liegt es daran, dass wir zu viel arbeiten?

ZEIT ONLINE: Frau Pohlink, haben wir heute weniger Sex als früher?

Carla Pohlink: Wir können nur schwer messen, wie die gelebte Sexualität von Menschen aussieht, weil es dazu keine aussagekräftigen Daten gibt. Das liegt daran, dass Befragte in Studien oft nicht ehrlich antworten. Aber auch daran, dass in vielen Studien nach Quantität und nicht nach Qualität gefragt wird. Was auffällt, ist, dass heute mehr therapeutische Hilfe aufgrund von Lustlosigkeit in Anspruch genommen wird. Und zwar vermehrt auch von Männern. Das ist ein Unterschied zu früher, als galt: Der Mann kann und will immer und die Frau hat keine Lust. Es gibt nun immer mehr lustlose Männer.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Pohlink: Über die Gründe können auch wir Therapeuten nur spekulieren. Was wir beobachten, ist, dass Lustlosigkeit auch an den veränderten Rollenbildern liegt. Die klassischen Rollen sind aufgeweicht und jedes Geschlecht soll nun alles tun. Der Mann will liebevoller Vater, Hausmann und Versorger in einem sein. Gleichzeitig möchten die meisten Frauen Karriere machen, trotzdem mütterlich sein und sich um den Haushalt kümmern. Beide merken dann, dass sie an Grenzen stoßen, wenn sie jedes Feld zu 100 Prozent erfüllen wollen. Da bleibt oft keine Zeit mehr für Leidenschaft oder Zärtlichkeit.

ZEIT ONLINE: Die Gleichberechtigung soll also schuld sein an der Lustlosigkeit?

Pohlink: Nein, zumindest ist sie das nicht allein. Ich bin in der DDR aufgewachsen, und damals haben Frauen gearbeitet und alle im Haushalt mitgeholfen. Haushalt, Kinder, Partnerschaft und Beruf müssen aber kräftemäßig so verteilt sein, dass jeder bei seinen 100 Prozent Auslastung landet. Zurzeit ist es häufig so, dass beide Partner zu 120 Prozent ausgelastet sind. Das liegt auch daran, dass es einen sehr großen Performancedruck gibt. Viele Leute priorisieren deshalb Dinge, die vorzeigbar sind.

Im Auftrag der ZEIT hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft quer durch alle Berufsgruppen 1.000 Menschen befragt, was sie sich von ihrem Arbeitsplatz wünschen. In der Serie "Mein Job und ich" auf ZEIT ONLINE zeigen wir die Ergebnisse und erzählen die Geschichten dahinter. © Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Pohlink: Verdienst ist vorzeigbar, Erfolg im Job ist vorzeigbar. Eine glückliche Familie zu haben oder einen geilen Body aber auch. Die Abstriche machen sie dann bei persönlichen Dingen: Sie nehmen sich keine Zeit für sich selbst oder die Partnerschaft. Dabei meine ich auch nicht unbedingt Sex: Viele Paare schaffen es nicht einmal mehr, einfach zusammen auf der Couch rumzugammeln. Wenn die Leute dann Sex haben, soll es aber bitte schön klappen. Die Wenigsten geben gerne zu: "Bei mir ist der Sex gerade langweilig." Oder: "Meiner steht nicht immer."

ZEIT ONLINE: Betrifft dieser Performancedruck Menschen in bestimmten Berufen besonders? Oder ist das ein Phänomen von sehr erfolgreichen Workaholics?

Pohlink: In meine Praxis kommen Menschen aller Berufsgruppen, vom Akademiker bis zum Bauarbeiter. Aber sie kommen mit unterschiedlichen Themen. Menschen, die viel Verantwortung tragen – Anwältinnen, Ärzte, Lehrer, Managerinnen –, aber auch Kreative leiden im Bett und in der Liebe häufig darunter, dass sie nicht abschalten können. Besonders schwer haben es Menschen, die lösungsorientiert arbeiten. Die sind es gewohnt, schnell Ergebnisse und Erfolge zu erzielen und wollen dann von mir zehn Tipps, wie es im Bett wieder besser laufen kann. Das Erspüren eigener Bedürfnisse oder Ängste braucht aber viel Geduld.

Carla Pohlink ist Fachärztin für Innere Medizin und Sexualmedizin. Sie führt eine Praxis auf dem Land bei Altenburg in Thüringen und hat ein Buch namens "Guter Sex ohne Stress" geschrieben. © privat

ZEIT ONLINE: Hat es mehr mit der Arbeitsweise oder mit dem Pensum zu tun? Oder anders gefragt: Hat der überarbeitete Dachdecker am Feierabend eher noch Lust?

Pohlink: Eine körperliche Arbeit kann ich leichter beenden, mich auf die Couch legen und abschalten. Kopfarbeiterinnen fällt es schwerer, die Grenze zwischen Arbeit und Alltag zu ziehen. Ihnen hängen eher Fragen oder Gespräche nach. Aber es geht auch um das Maß: Wenn Menschen aufgrund der Masse an Arbeit nur noch im Funktionsmodus sind, killt das die Lust, ganz unabhängig von der Branche. Mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche sollte niemand über einen längeren Zeitraum arbeiten. Wenn ich das in Managementseminaren sage, mache ich mich damit immer unbeliebt. Denn viele Manager profilieren sich gerne mit der Anzahl von Arbeitsstunden. Aber wer nur noch arbeitet, verliert komplett den Kontakt zu sich und seinen Bedürfnissen.

"Wir brauchen eine Enjoy-Liste"

ZEIT ONLINE: Brauchen wir also auch der Lust zuliebe eine bessere Balance zwischen Arbeit und Leben?

Pohlink: Den Begriff der Work-Life-Balance finde ich persönlich schrecklich. Arbeit sollte integriert sein in das Leben. Ich mache meine Arbeit zum Beispiel total gerne, und so ist sie eine ganz normale Beschäftigung an meinem Tag. Auch Klienten, die ihre Arbeit als sinnstiftend erleben, haben oftmals ein zufriedeneres Privat- und Intimleben, auch wenn sie relativ viel arbeiten. Deswegen halte ich es nicht grundsätzlich für sinnvoll, nur vier Tage pro Woche zu arbeiten. Balance ist für jeden etwas anderes.

ZEIT ONLINE: Also ergibt es auch keinen Sinn, Lust und Arbeit so streng zu trennen?

Pohlink: Ein Teil unseres Selbstwertes als sexuell geschlechtliche Wesen wird auch aus unserem Arbeitsalltag gespeist. Wir sind den ganzen Tag lang, auch auf der Arbeit, sexuelle Wesen, allein schon, weil andere uns so wahrnehmen. Ganz unabhängig, ob wir das nun beabsichtigen oder nicht. Das in einer bestimmten Lebenssphäre zu negieren, finde ich problematisch. Es wäre eine Überforderung unserer privaten Situation, wenn unser sexueller Selbstwert sich allein aus unserer Partnerschaft speisen muss. Manche mögen den Flirt oder das Kompliment bei der Arbeit, für andere ist das tabu, aber sexuelle Wesen sind wir zu jeder Zeit.

ZEIT ONLINE: Was brauchen wir noch, um wieder mehr Lust zu entwickeln?

Pohlink: Uns fehlt im Leben zunehmend Muße. Muße im Sinne eines gesunden Maßes an Langweile. Nicht nur, um mit meiner Partnerin oder meinem Partner aktiv zu werden, sondern überhaupt erst einmal, um mich selbst zu spüren. Was ist eigentlich heute mein Bedürfnis? Worauf habe ich heute Lust? Nur so kommen wir vom Funktionsmodus in den offenen Empfindungsmodus.

ZEIT ONLINE: Wie schafft man das konkret, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen?

Pohlink: Ich empfehle meinen Klientinnen und Klienten, feste Zeiten einzuhalten, in denen sie nicht mehr oder nur im absoluten Notfall erreichbar sind, und um 20 Uhr das letzte Mal die E-Mails zu checken. Das Handy ausmachen ist immer eine gute Idee, um abzuschalten. Außerdem kann es helfen, eine To-do-Liste nicht nur für lästige Dinge zu führen. Also eine Liste, auf der nicht "Bad putzen" und "Fitnessstudio" steht, denn auch da steckt ja der Optimierungs- und Vorzeigegedanke drin. Besser ist eine Art Enjoy-Liste. Ich empfehle, sich jeden Tag wenigstens eine Viertelstunde Zeit dafür zu nehmen. Zeit, in der man nichts plant, rumgammelt, ein Loch in die Decke starrt. Und dann spürt: Worauf habe ich Bock? Wer nicht einfach nur in die Luft gucken will, kann auch einfache Tätigkeiten wie Spazierengehen, Abspülen oder Gemüseschneiden nutzen, um für ein paar Minuten in sich hineinzuspüren. Gerade mechanische Aufgaben sind gut, weil sie nur einen geringen Teil unserer Aufmerksamkeit fordern.

ZEIT ONLINE: Sollte auf dieser Enjoy-Liste dann auch einmal pro Woche Sex stehen?

Pohlink: Ich finde feste Termine extrem gut. Allerdings sollten Paare frei in der Gestaltung sein, was sie machen möchten, und sich nicht nur zum Sex verabreden. Man kann sich zum Beispiel auch erst einmal zum Rudern oder Spazierengehen treffen. Aus den gemeinsamen Aktivitäten entsteht dann vielleicht wieder die Idee: Lass uns fummeln.