Rund ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland spielt regelmäßig mit dem Gedanken, seinen Job zu kündigen. Nicht alle gehen den Schritt tatsächlich. Antje Neubauer, Topmanagerin der Deutschen Bahn, gab vor Kurzem bekannt, ihre Stelle aufzugeben. Was sie dazu bewegt hat, erzählt sie in diesem Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Neubauer, erst im vergangenen Jahr hat Sie das Branchenmagazin PRReport mit dem renommierten Preis Kommunikatorin des Jahres ausgezeichnet, und ausgerechnet jetzt verkünden Sie Ihren beruflichen Ausstieg. Warum?

Antje Neubauer: Ich brauche Zeit, um zu reflektieren, was ich in den vergangenen Jahren richtig gemacht habe und wovon ich im Leben wieder mehr brauche. Ich habe 25 Jahre lang in der Kommunikationsbranche gearbeitet und habe das Gefühl: Ich habe vorerst alles gesehen. Im Moment geht es mir richtig gut, sowohl privat als auch beruflich. Das möchte ich nutzen, um mich für eine gewisse Zeit aus der Berufswelt rauszunehmen.

ZEIT ONLINE: Obwohl es Ihnen gut geht, wollen Sie aufhören? Also gibt es auch Dinge, mit denen Sie in Ihrem Job nicht zufrieden sind?

Neubauer: Ich bin nicht der Typ, der in Kategorien wie "zufrieden" und "unzufrieden" denkt. Bevor ich unzufrieden werde, reagiere ich und packe das Thema an. Aktuell ist ein solches Thema die Zeit.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Neubauer: Ich arbeite sehr gerne viel, aber dass mein Terminkalender bis zum Sommer schon voll ist, erdrückt mich. Wenn ich sehe, dass auf dem Schreibtisch meiner Assistentin ein Notizzettel mit der Aufschrift "Weitere Termine finden" liegt, denke ich oft: "Was denn noch?" Obwohl ich morgens früher anfange zu arbeiten, Lesematerial mit ins Wochenende nehme und mein Mittagessen in Meetings esse, fallen immer wieder Termine hinten runter. Das finde ich schade.

ZEIT ONLINE: Weil Sie Ihrem Anspruch als Chefin nicht gerecht werden?

Neubauer: Ja, eigentlich möchte ich Zeit für alle Mitarbeiter haben und niemanden versetzen. Bei meinem straffen Zeitplan bleibt in den Meetings mittlerweile auch keine Zeit mehr, eine Anekdote zu erzählen oder rumzualbern. Ich finde das aber wichtig, ohne Witz verlieren solche Treffen ihre Leichtigkeit. Außerdem habe ich das Bedürfnis nach Zeit, die unverplant ist, nach Zeit für meine Freunde. Und auch für mich.

"Ich bin während meiner gesamten Karriere gegen Bedürfnisse wie Schlaf und Sport angegangen."
Antje Neubauer

ZEIT ONLINE: Wie viele Stunden arbeiten Sie denn?

Neubauer: Das sage ich nicht gerne. Sonst heißt es von Leuten in meiner Generation: "Wow, du Superwoman", und von Jüngeren: "Die ist doch bekloppt." Aber ich arbeite sehr viel. Früher hatte ich einen Hund, mit dem ich samstags zwei Stunden alleine im Grunewald spazieren gegangen bin. Die Zeit hätte ich heute nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie das erste Mal darüber nachgedacht, Ihren Job zu kündigen?

Neubauer: Vor ungefähr einem halben Jahr. Das letzte Jahr war das erfolgreichste Jahr meiner Karriere. Es war ein unglaublich tolles Jahr, wir haben viele spannende Kampagnen gemacht, dazu kam noch der Preis als Kommunikatorin des Jahres. Auf der anderen Seite war das Jahr auch anstrengend. Ich habe ständig auf genügend Schlaf verzichtet. Ich schlafe deutlich weniger als die sieben Stunden, die ich bräuchte.

ZEIT ONLINE: Können Sie trotz dauerhaften Schlafmangels noch leistungsfähig sein?

Neubauer: Mein Körper hat gelernt, zu funktionieren. Wenn ich müde bin, unterzuckere ich zwar schneller und bekomme schlechte Laune. Aber mit einem Snickers oder meinen Ingwerstäbchen geht es dann schnell wieder. Ich bin während meiner gesamten Karriere gegen Bedürfnisse wie Schlaf und Sport angegangen, weil mir mein Beruf so viel Spaß macht und mir einfach wichtiger war. Ich mache das alles, weil ich es will – zehrend ist es trotzdem. Nicht nur, weil ich älter werde, es war auch mit 30 Jahren anstrengend. Irgendwann muss man aber anfangen, verantwortungsvoll mit sich umzugehen.

"Wenn man meinen Job richtig machen will, geht das nicht in Teilzeit."

ZEIT ONLINE: Haben Sie noch Zeit für Ihre Beziehung?

Neubauer: Der logistische Aufwand, den mein Lebensgefährte und ich aufbringen müssen, um uns zu sehen, wird immer größer. Wir wohnen in zwei verschiedenen Städten und auch er arbeitet sehr viel. Es ist nicht einfach, unsere beiden Terminkalender zu koordinieren. Es gab Situationen, in denen wir zum anderen geflogen sind, statt mit dem Zug zu fahren, weil wir nur vier Stunden Zeit zusammen hatten. Wenn wir abends Zeit zusammen verbringen wollen, bin ich dafür oft zu k. o. Mein Kopf ist dann leer. Das will ich nicht mehr.

ZEIT ONLINE:
Ist Ihre Beziehung auch ein Grund, warum Sie gehen?

Neubauer: Ja, mein Bewusstsein für die Bedeutung einer Partnerschaft ist mittlerweile ein anderes als mit 30 oder 35 Jahren. Ich habe dazu gelernt, wie viel eine Partnerschaft an Zeit, Nähe und Geborgenheit braucht. Meine letzte Beziehung ist geschieden. Mein Ex-Mann und ich haben uns definitiv zu wenig Zeit füreinander eingeräumt, da wurde es irgendwann schwierig. Man braucht ja den gegenseitigen Austausch, um den anderen zu verstehen. Mein jetziger Partner und ich haben uns entschieden, uns mehr Zeit füreinander zu nehmen. Er wird im Sommer anfangen, seine Arbeitszeit zu reduzieren.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie nicht auch einfach weniger arbeiten können, statt ganz aufzuhören?

Neubauer: Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, in Teilzeit zu gehen. Ich bin aber totale Realistin und weiß: Das klappt niemals. Mein Arbeitgeber wäre sicher bereit dazu gewesen, ich hätte den Rest der Arbeit aber zu Hause gemacht. Wenn man meinen Job richtig machen will, und das will ich, geht das nicht in Teilzeit. Ich habe auch über ein Sabbatical nachgedacht. In Gesprächen mit Freunden wurde mir klar, dass das nicht das ist, was ich will. Ich möchte nicht drei Monate lang schlafen und dann zurückkehren. Ich möchte einen kompletten Cut zur Neuorientierung machen.