"Wir übersehen die positiven Seiten der Arbeit" – Seite 1

Jeder vierte Job in Deutschland könnte bald von künstlichen Intelligenzen übernommen werden, weltweit könnten bis 2025 rund 75 Millionen Jobs verschwinden. So lauten Prognosen über die Zukunft der Arbeit. Ermöglichen Maschinen den Menschen damit mehr Freizeit oder vernichten sie Millionen von Arbeitsplätzen? Die Philosophin Lisa Herzog plädiert für die Rettung der Arbeit.

ZEIT ONLINE: Die Maschinen übernehmen bald unsere Jobs und wir können uns dank Grundeinkommen zurücklehnen. So lautet eine optimistische Zukunftsvision, die man derzeit häufig hört. Wie verlockend finden Sie eine solche Welt ohne Arbeit?

Lisa Herzog: Ich plädiere in dieser Debatte für die Rettung der Arbeit. Damit meine ich nicht, dass wir alle Aspekte unserer heutigen Arbeitswelt um jeden Preis erhalten sollten – da gibt es sicher vieles, das wir gut und gern den Maschinen überlassen können. Aber wir übersehen zu schnell die positiven Seiten von Arbeit: die Aspekte, die das Leben bereichern können, die wir bewahren und uns nicht von irgendwelchen technologischen Entwicklungen wegnehmen lassen sollten.

Lisa Herzog, 1983 geboren, ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München. Ihr Buch „Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf“ ist im Hanser-Verlag erschienen.

ZEIT ONLINE: Und welche Aspekte sind das?

Herzog: Wir verstehen Arbeit ja meistens eher instrumentell: Ein bestimmter Job ist dafür da, dass bestimmte Dinge erledigt werden – etwa dass der Müll abgeholt wird oder Flure geputzt werden. Aber Arbeit hat immer auch damit zu tun, dass wir in ihr bestimmte Formen von Gemeinschaft erleben. Arbeit kann uns die Gelegenheit geben, gemeinsam mit anderen Widerstände zu überwinden und Dinge zu schaffen. In einer modernen Gesellschaft ist die Arbeit sehr stark geteilt. Die einzelnen Tätigkeiten greifen ineinander und bedingen einander. Wir arbeiten also immer mit der Hilfe anderer und für andere. Dieser soziale Aspekt der Arbeit ist in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig beleuchtet worden.

"Wir sprechen von Arbeit oft im Modus des Wettbewerbs: Wie komme ich voran, gegen wen muss ich mich durchsetzen?"
Lisa Herzog

ZEIT ONLINE: Dass eine moderne Gesellschaft arbeitsteilig ist, ist doch keine ganz neue Erkenntnis. Warum haben wir sie Ihrer Meinung nach vergessen?

Herzog: Arbeit wurde entweder stark aus einer rein ökonomischen Perspektive oder unter dem Aspekt der individuellen Selbstverwirklichung betrachtet. Wir sprechen von Arbeit oft im Modus des Wettbewerbs: Wie komme ich voran, wie kann ich meine Position verbessern, gegen wen muss ich mich durchsetzen? Dadurch verlieren wir aus dem Blick, wie sehr wir in unserer Arbeit voneinander abhängen. Sich das klarzumachen, kann auch zu einem bescheideneren, damit aber realistischerem Selbstbild führen.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, wir pflegten in unserer heutigen Arbeitswelt einen unheilvollen Personenkult: Wir feiern die heroischen Einzelleistungen des Start-up-Gründers, des visionären Chefredakteurs oder des charismatischen Starakademikers. Wieso ist das ein Problem?

Herzog: Für mich war es ein augenöffnender Moment, als ich gelesen habe, wie viele wichtige technische und wissenschaftliche Durchbrüche parallel von verschiedenen Individuen erzielt wurden. Neben Charles Darwin hat zum Beispiel auch ein Mann namens Alfred Russel Wallace die Evolutionstheorie formuliert, nur erinnert sich heute kaum jemand an ihn. Denken wir an die Erfindung der Glühbirne, kommt uns sofort Thomas Edison in den Sinn. Dabei war er nur einer von mehreren Erfindern. In die Geschichtsbücher kommt oft, wer am schnellsten am Patentamt ist. Man sieht daran: Es ist fast nie das einzelne Genie, das die Welt verändert. Dahinter liegt ein kumulativer Prozess aus vielen kleinen Entdeckungen und Erkenntnissen. Ab einem gewissen Punkt ist die Entwicklung so weit fortgeschritten, dass ein bestimmter Durchbruch möglich ist. Ob Individuum A oder Individuum B ihn erzielt, ist am Ende fast bloß noch eine Frage des Zufalls. Hätte Mark Zuckerberg nicht Facebook entwickelt, hätte es wahrscheinlich jemand anderes getan.

ZEIT ONLINE: Begünstigt die Digitalisierung die Glorifizierung Einzelner im Arbeitsleben?

Herzog: Es gibt Aspekte, die das befördern. Denn viele digitale Geschäftsmodelle basieren auf Netzwerken. Je mehr Nutzer ein Netzwerk hat, desto attraktiver wird der entsprechende Dienst für weitere Nutzer. Wer nur einen winzigen, vielleicht auch nur zufälligen Vorsprung vor der Konkurrenz hat, beherrscht am Ende den ganzen Markt. Das hat insgesamt inegalitäre Auswirkungen. Es gibt einige wenige Gewinner und viele Verlierer.

"Es wäre wunderbar, wenn wir geistlose Tätigkeiten von Software und Robotern erledigen lassen können."

ZEIT ONLINE: Die Arbeitsteilung spielt in Ihrem Buch eine große Rolle. Die klassische Erklärung dafür, warum sich Menschen in einer Gesellschaft auf verschiedene Tätigkeiten spezialisieren, kommt von Adam Smith: Wir können mehr produzieren, wenn jeder sich auf einen kleinen einzelnen Herstellungsschritt spezialisiert und darin immer geschickter wird. Das Streben nach mehr Effizienz führt zur Arbeitsteilung. Émile Durkheim formulierte eine andere Theorie: Wir spezialisieren uns, um Konkurrenz zu vermeiden. Wenn jeder etwas anderes macht, befreit das vom ständigen Vergleich.

Herzog: Durkheim hat sicher recht, wenn er darauf verweist, dass es auch psychologische Motive gibt, die zur Arbeitsteilung führen.

ZEIT ONLINE: Aber so gesehen wäre das Heldentum, das Sie in Ihrem Buch kritisieren, kein Gegensatz, sondern auch eine Folge der Arbeitsteilung: Sie schafft erst die Räume für die Glorifizierung einzelner.

Herzog: Aber für sehr viele verschiedene Arten von Helden, die wir alle sehen sollte! Es gibt unterschiedlichste Möglichkeiten, nach Exzellenz zu streben. Die Frage ist: Wie stark können diese verschiedenen Formen von Exzellenz in einer sehr marktförmigen Gesellschaft gleichberechtigt nebeneinander koexistieren? Welche Art des Exzellenzstrebens wird wirtschaftlich honoriert, welche nicht? Was kann sich halten, was nicht? Welche Tätigkeiten, in denen man sich um Abgrenzung zu anderen bemüht, lassen sich professionell betreiben, welche vielleicht nur als Hobby? Wenn zum Beispiel Hochzeitstorten in Zukunft aus 3D-Druckern für Lebensmittel kommen würden, hätte das Auswirkungen auf das Konditorenhandwerk.

ZEIT ONLINE: Am Ende der Arbeitsteilung steht bei Adam Smith die Maschine: Irgendwann ist eine Tätigkeit in so kleine und monotone Schritte aufgeteilt, dass eine Maschine sie übernehmen kann. Eine Hoffnung der Digitalisierung lautet ja, dass sie uns in Zukunft von stumpfer Arbeit befreien kann. Ist diese Form der Arbeit Ihrer Ansicht nach auch rettenswert?

Herzog: Nein, es wäre doch wunderbar, wenn wir geistlose Tätigkeiten von Software und Robotern erledigen lassen könnten. Die Frage ist, wie wir bis dahin mit diesen monotonen und stumpfen Arbeiten umgehen, die in unserer Gesellschaft anfallen. Wir könnten uns zum Beispiel überlegen, ob wir unattraktive Tätigkeiten nicht besser bezahlen sollten – der Lohn als eine Art Schmerzensgeld. So sah das übrigens auch Adam Smith!

"Der Blick für das große Ganze geht verloren"

ZEIT ONLINE: Im Moment sind es eher die attraktiven Jobs, die gut bezahlt sind.

Herzog: Da sind zwei Marktlogiken im Widerstreit. Je weniger attraktiv eine Arbeit ist, desto höher müsste ihr Preis sein. Andererseits sind die weniger attraktiven Arbeiten auch die, die oft keine spezielle Ausbildung erfordern und daher von vielen Menschen ausgeführt werden können. Das große Angebot potenzieller Arbeitskräfte senkt wiederum den Preis.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel für stumpfe Arbeit, das Sie in Ihrem Buch anführen, ist der Crowdworkingdienst Mechanical Turk von Amazon. Dort müssen Arbeiter am Computer kleine Aufgaben, wie die Kategorisierung von Bildern übernehmen, während eine Software im Hintergrund von ihrer Arbeit lernt. Irgendwann übernimmt die Software dann. Müssen wir mit den geistlosen Tätigkeiten immer erst eine Weile Menschen behelligen, ehe wir sie den Maschinen überlassen können?

Herzog: Wahrscheinlich hängt die Antwort stark von der jeweiligen Tätigkeit ab. Aber wenn es an der einen oder anderen Stelle notwendig ist, sollte man sich zumindest überlegen, ob man nicht auch die stumpfen Arbeiten so gestalten kann, dass sie mit einem größeren Sinngefühl verbunden sind. Warum bindet man die Klickarbeiter bei Mechanical Turk nicht stärker in die Entwicklung einer klugen Software ein? Oder gibt ihnen mehr Einblick in den Hintergrund ihrer Arbeit? Aus der Motivationsforschung weiß man, dass Menschen auch stumpfe und monotone Aufgaben besser und effizienter erledigen, wenn sie deren Sinn erkennen. Dahinter steht die Unterscheidung zwischen technischer und sozialer Arbeitsteilung. 

ZEIT ONLINE: Was ist damit gemeint?

Herzog: Die technische Arbeitsteilung meint schlicht das Zerlegen einer Aufgabe in einzelne kleine Teilaufgaben, wie sie dann zum Beispiel auf digitalen Plattformen ausgeschrieben werden. Die soziale Arbeitsteilung betrifft die Frage, wer die einzelnen Teilschritte erledigt. Machen die einzelnen Beschäftigten immer die gleiche Aufgabe oder rotieren sie? Die soziale Arbeitsteilung ist mit entscheidend dafür, wie wir unsere Arbeit erleben. Das Zerlegen einer Aufgabe in einzelne Schritte ist also nur die eine Frage der Arbeitsteilung. Die andere lautet: Wie gelingt es uns, untereinander Verständnis für die verschiedenen Tätigkeiten zu schaffen? Wie führen wir alles wieder zusammen?

"Die Abhängigkeit der Gesellschaft von dem Verantwortungsbewusstsein einzelner Berufsgruppen bleibt immer ein Problem."

ZEIT ONLINE: Wenn das nicht gelingt, schreiben Sie, zeigen sich die dunklen Seiten der Spezialisierung – als Beispiel nennen Sie die Abgasmanipulation bei VW. Was hat das mit der Arbeitsteilung zu tun?

Herzog: Die Arbeitsteilung legt nahe, die Dinge aus einer einseitigen und partiellen Perspektive zu betrachten. Der Blick für das große Ganze geht verloren. Die Ingenieure bei Volkswagen wollten die gesetzlich vorgegebenen Emissionswerte einhalten, aber sie ignorierten die Absicht hinter dem Gesetz. Daran zu denken, gehört streng genommen ja nicht zu ihrem Jobprofil. Ähnlich ließe sich die Finanzkrise anführen: Extrem hochspezialisierte Finanzakteure haben Produkte entwickelt, deren gesellschaftliches Schadenspotenzial sie nicht erkannten oder nicht erkennen wollten. Die Abhängigkeit der Gesellschaft von der Redlichkeit und dem Verantwortungsbewusstsein einzelner Berufsgruppen bleibt in hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften immer ein Problem.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass wir diesem Problem mit der Überwachungstechnik der Digitalisierung vorbeugen könnten. Sollen in Zukunft also alle Arbeitsschritte so engmaschig überwacht werden, wie die der Mitarbeiterinnen in den Amazon-Logistikzentren?

Herzog: Bisher ist es so: Je weiter unten in der Hierarchie die Arbeitnehmer stehen, desto stärker werden sie kontrolliert. Es geht mir genau nicht darum, die Amazon-Arbeiter noch mehr zu überwachen ...

ZEIT ONLINE: Sondern endlich auch Jeff Bezos?

Herzog: Vielleicht kennen Sie den Roman The Circle von Dave Eggers. Da müssen Politiker Bodykameras tragen, damit die Wähler kontrollieren können, mit welchen Lobbyisten sie sich treffen und worüber sie sprechen. So etwas würde ich von unseren Wirtschaftslenkern natürlich nicht verlangen. Die Digitalisierung birgt aber durchaus das Potenzial, Entscheidungen transparenter zu machen und den Dialog mit den Mitarbeiterinnen zu fördern. Wenn sich Entscheidungsträger in der Wirtschaft gegenüber ihrer Belegschaft stärker als bisher rechtfertigen müssen, hätte das vermutlich positive Auswirkungen.

"Digitale Technologien könnten die Demokratie in der Arbeitswelt unvermeidlich machen."

ZEIT ONLINE: Sie sprechen in Ihrem Buch die Hoffnung aus, dass mit der Digitalisierung Hierarchien in der Arbeitswelt verschwinden. Wie soll das gehen?

Herzog: Ich glaube nicht, dass wir komplett in eine hierarchiefreie und netzwerkförmige Arbeitswelt übergehen werden. Aber durch Technologien wie zum Beispiel Onlineabstimmungen haben wir sehr viele Möglichkeiten der horizontalen Entscheidungsfindung – mit viel geringerem Aufwand als bei einer Betriebsversammlung alten Stils. In der Geschichte des politischen Denkens gibt es die Behauptung, die Erfindung der Druckerpresse habe die Demokratie unvermeidlich gemacht. So könnten auch digitale Technologien langfristig die Demokratie in der Arbeitswelt unvermeidlich machen.

ZEIT ONLINE: In der Frühphase weckte das Internet bereits Demokratisierungshoffnungen. Heute herrscht eher Ernüchterung angesichts der Monopole der Digitalkonzerne und all der Überwachungsskandale.

Herzog: Im Moment werden vor lauter Schreckensmeldungen die Potenziale übersehen. Wir können uns natürlich nicht darauf verlassen, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt von allein demokratisch macht. Die Digitalisierung ist aber kein Naturgesetz, das alle Jobs vernichtet – auch dieses Bild geistert ja gegenwärtig durch die Presse. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, dass die Politik die Weichen für die Zukunft stellt. Es gibt enorm viele Gestaltungsparameter, die im Moment gerne ausgeblendet werden.

ZEIT ONLINE: Manchmal hat man den Eindruck, digitale Techniken werden eher als Demokratieattrappen genutzt. In Start-ups sagt die Firmenleitung ja gern: Wir haben doch dieses tolle Echtzeitfeedbacktool, wofür brauchen wir da denn einen Betriebsrat?

Herzog: Da gebe ich Ihnen recht. Ein Betriebsrat hat Rechte und muss in bestimmte Entscheidungen eingebunden werden. Bei einem Onlinefeedbacksystem gibt es das nicht automatisch. Diesen harten Machtfragen müssen wir uns stellen, das lässt sich nicht durch Software lösen. Aber wir sollten uns fragen, ob wir digitale Tools nicht auch dazu nutzen können, die Machtverhältnisse zu ändern!