Der frühere WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke will wegen der gegen ihn erhobenen Belästigungsvorwürfe nicht mehr juristisch gegen Charlotte Roche und den Spiegel vorgehen. Grund ist nach Informationen von ZEIT ONLINE, dass weitere Frauen konkrete Vorwürfe gegen Henke formuliert haben, sich übergriffig verhalten zu haben. Seit Montag dieser Woche liegen ihm Aussagen von Frauen vor, die unter ihrem Klarnamen Angaben zu konkreten Begebenheiten mit Zeit- und Ortsangaben machen.

"Gebhard Henke ist zu der Überzeugung gelangt, dass eine juristische Auseinandersetzung nicht der richtige Weg ist, um sich mit der Thematik und den Vorwürfen auseinanderzusetzen", teilte sein Anwalt ZEIT ONLINE mit. "Da nicht anonyme, sondern konkrete Vorwürfe von Frauen vorliegen, so will er sich damit auseinandersetzen, Missverständnisse ausräumen und sich, wenn ein unangemessenes Verhalten vorgelegen haben sollte, in aller Form entschuldigen."

Roche hatte Henke im vergangenen Jahr vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Der heute fast 64-Jährige stritt die Vorwürfe ab und verklagte die Bestsellerautorin sowie den Spiegel, der ihre Vorwürfe erstmals öffentlich gemacht hatte, auf Unterlassung. Die entsprechende Klageschrift liegt ZEIT ONLINE vor. Vom Spiegel verlangte er zudem eine Entschädigung in Höhe von 100.000 Euro. Diese Klage hat Henke nun zurückgezogen.

Neben Roche hatten sich fünf weitere Frauen im Spiegel zu Wort gemeldet und Henke sexuelle Belästigung vorgeworfen, vier davon blieben anonym.

"Er legte seine Hand mitten auf meinen Po"

Nachdem der Spiegel im Mai 2018 die Vorwürfe von Roche bekannt gemacht hatte, Henke habe sie bei einer Veranstaltung in Köln bewusst unsittlich berührt, schilderte die Autorin im Interview mit ZEIT ONLINE den Vorfall wie folgt: "Er stellte sich mir vor, reichte mir seine rechte Hand und hörte nicht auf, sie zu schütteln. Seine linke Hand legte er dabei mitten auf meinen Po. Ich kenne Situationen, in denen Männer ihre Hand bei der Begrüßung auf meinen Rücken legen und sie langsam runterrutschen lassen. Das ist unangenehm, aber geht nicht weiter als bis zum unteren Rücken, da ist die Grenze. Doch die Hand von Henke lag ganz fest auf meinem Po und blieb auch da. Vorne wurde die ganze Zeit weitergeschüttelt. Dabei redete er mit mir."

Roche sei in einem "Klammergriff" gewesen, als sie versuchte, sich seitlich wegzubewegen, sei Henke mitgegangen – die Hand weiter auf ihrem Po. Roche habe sich damals nicht gewehrt, weil ihr der Abend wichtig gewesen sei und sie keinen Eklat verursachen wollte.

Der ehemalige Fernsehspielchef hat bestritten, jemals sexuell übergriffig geworden zu sein, unter anderem in einem Gespräch mit der ZEIT im Juli 2018. "Ich bin mir keiner derartigen Handlung bewusst", hatte Henke damals im Beisein seines Anwalts gesagt. Der WDR hatte sich wegen Belästigungsvorwürfen im Juni 2018 von Henke getrennt.