"Die meisten Männer wollen nicht mehr mit Püppchen zusammen sein"

Für Erica Fischer ist es eine der besten Nachrichten des Jahres gewesen, dass der Weltfrauentag in Berlin zu einem Feiertag erklärt wurde. Seit 25 Jahren lebt Fischer in der Hauptstadt, fast doppelt so lang setzt sie sich für Frauenrechte ein. 1972 hat sie die autonome Frauenbewegung in Wien mitbegründet, bis heute schreibt sie als freie Autorin mitunter über feministische Themen. Ihr Buch "Aimée & Jaguar" wurde zum Weltbestseller. Darin zeichnet sie die wahre Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und der Ehefrau eines Nazis im Zweiten Weltkrieg nach. Für ihr neues Sachbuch "Feminismus Revisited", das am 1. März erschienen ist, hat sie mit jungen Feministinnen gesprochen – und deren Erfahrungen mit den eigenen verglichen.

ZEIT ONLINE: Frau Fischer, ich bin 44 Jahre später auf die Welt gekommen als Sie. Habe ich es deshalb als Frau leichter?

Erica Fischer: Heute wachsen Frauen mit der Selbstverständlichkeit auf, dass sie mehr sein können als Ehefrau und Mutter. Sie verfügen über mehr eigenes Geld, gehen alleine aus und reisen. In dem Café, wo wir gerade sitzen, sind mindestens die Hälfte der Gäste weiblich. In den Sechzigern wurde eine Frau, die ohne Begleitung essen ging, oft an den "Katzentisch" gesetzt, an einen Tisch in der Nähe der Toilette oder der Küche. Oder schauen Sie mal unsere Kleidung an.

Erica Fischer wurde 1943 in St. Albans bei London geboren, wohin die Eltern aus Österreich emigriert waren. Später kehrte ihre Mutter mit ihr nach Wien zurück, wo sie am Dolmetscherinstitut studierte. Fischer arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin. Seit 1988 lebt sie in Deutschland, seit 1994 in Berlin. © Massimo Cortini

ZEIT ONLINE: Wir tragen beide schwarze Jeans und schwere Boots.

Fischer: Zu meiner Zeit wäre es unvorstellbar gewesen, dass zwei Frauen mit unserem Altersunterschied sich ähnlich anziehen. Frauen können heute tragen, was sie wollen. Dass sie einen Beruf ergreifen, ist eine Selbstverständlichkeit. Sie dürfen lieben, wen sie wollen, einen Mann, eine Frau, egal. Sie haben einfachen Zugang zu Verhütung und zu einem gewissen Grad auch zum Schwangerschaftsabbruch.

ZEIT ONLINE: Als Sie 1961 in Wien eine Schwangerschaft abgebrochen haben, hat ein Arzt Sie heimlich im Wohnzimmer operiert. "Im Nebenzimmer lief der Fernseher, für den Fall, dass ich schreien würde", schreiben Sie.

Fischer: Das ist in Österreich und Deutschland inzwischen zum Glück unvorstellbar – aber keineswegs überall, wie zum Beispiel in unserem Nachbarland Polen. Legal ist Abtreibung hierzulande immer noch nicht. Sie bleibt nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Einen guten Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen gibt es noch immer nicht. Das kann man an der Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel sehen, die ihre Patientinnen auf ihrer Website über Abbrüche informierte. Oder daran, dass Schwangerschaftsabbrüche kaum im Medizinstudium vorkommen – und angehende Ärztinnen und Ärzte sie unter ehrenamtlicher Anleitung an Papayas lernen müssen.

ZEIT ONLINE: Frustriert Sie, dass die Gesellschaft da noch nicht weiter ist?

Fischer: 50 Jahre sind im Vergleich zur Menschheitsgeschichte eine sehr kurze Zeitspanne. Es ist wichtig, nicht in einen übertriebenen Optimismus zu verfallen, aber insgesamt sehe ich die Entwicklungen positiv. Viele Fragen, für die wir damals gekämpft haben, stehen inzwischen nicht mehr zur Debatte. Zum Beispiel, dass Frauen auch in der Ehe nicht zu Sex gezwungen werden dürfen oder dass sie für die gleiche Arbeit dasselbe verdienen sollen wie Männer.

ZEIT ONLINE: Dennoch bekommen Frauen auch bei gleicher Tätigkeit und Ausbildung immer noch sechs Prozent weniger Stundenlohn als Männer.

Fischer: Das Schmerzliche an der heutigen Zeit ist: Wir wissen besser, wie eine gerechte Welt aussehen sollte, aber die Missstände sind immer noch da. Junge Frauen lernen: Du kannst alles werden, was du willst. Und sie sind an Universitäten in der Überzahl. Aber wenn sie anfangen, zu arbeiten, kommt der große Bruch. Sexistische Sprüche und Diskriminierung am Arbeitsplatz sind für viele Frauen immer noch Thema. Und diejenigen, die nach oben wollen, merken, dass sie die Spielregeln der Männer einhalten müssen, die immer noch die meisten Chefposten besetzen. Frauen, die Karriere machen wollen, haben oft die doppelte Arbeit: Einerseits müssen sie sich an die männliche Kultur anpassen, andererseits ihre Weiblichkeit zur Schau stellen. Angela Merkel wird für ihren praktischen Haarschnitt und die Hosenanzüge belächelt. Bei Macron interessiert sich keiner, wie er sich anzieht. Und mit dem Kind kommt der zweite große Bruch.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Fischer: Ich sehe zwar immer mehr Männer mit Tragetüchern und auf Spielplätzen. Das ist toll. Aber Paare, bei denen beide beruflich viel erreichen wollen, haben es immer noch schwer. Und meistens passen sich die Frauen an: Sie arbeiten in Teilzeit und kümmern sich um die Kinder, während die Männer Karriere machen. Später müssen sie Einbußen im Beruf und bei der Rente hinnehmen. Es ist leider immer noch so: Eine Frau, die sich kein Personal leisten kann, geht ein Risiko ein, wenn sie sich für ein Kind entscheidet.

Aktivismus für die Liebe

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Ein zentraler Antrieb für meinen Aktivismus war die Liebe. Ich wollte die Kluft zwischen Männern und Frauen überwinden, die für so viel emotionales Elend sorgte." Begegnen sich die Geschlechter inzwischen eher auf Augenhöhe?

Fischer: Ich glaube bis heute, dass Liebe zwischen Menschen, die nicht gleichwertig sind, unmöglich ist. Und die meisten Männer haben inzwischen erkannt: Mit Abhängigen zu leben, macht keinen Spaß. Die meisten Männer wollen nicht mehr mit Püppchen zusammen sein. Auch das Selbstverständnis von Frauen hat sich massiv verändert. In den Romanen, mit denen ich aufgewachsen bin, waren Frauen Geliebte und Begleiterinnen. Das ist nicht mehr so.

ZEIT ONLINE: Bei elf Prozent der heterosexuellen Paare in Deutschland verdient die Partnerin ähnlich viel wie der Mann. Bei weiteren sieben Prozent ist die Frau die Hauptverdienerin. Oft sind beide Geschlechter von diesem Rollentausch verunsichert.

Fischer: Mit der Zeit werden die Männer merken, dass ihnen die Veränderungen zugutekommen. Sie wurden ja auch jahrhundertelang dazu gedrängt, stark und hart sein zu müssen. Das ist anstrengend und macht unglücklich. Es ist trotzdem keine Lösung, einfach die Rollen zu tauschen oder das Leiden 50/50 aufzuteilen. Wir müssen die Arbeitswelt für alle humaner gestalten.

ZEIT ONLINE: Sie haben für Ihr Buch mit Feministinnen der heutigen Generation gesprochen, etwa mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal oder mit Hengameh Yaghoobifarah – der Redakteurin des Missy Magazins. Wie hat sich der Feminismus gewandelt?

Fischer: Die Selbstverständlichkeit, mit der jüngere Feministinnen sich heute vernetzen, ist unglaublich. Frauen wehren sich gemeinsam, zahlreicher, lauter. Auch die Anliegen haben sich verändert: In der heutigen Zeit, in der man den Klimawandel und Rechtsnationalismus spürt, geht es nicht mehr nur um die Gleichheit zwischen Frau und Mann. Es geht auch um Umweltthemen, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit und soziale Gerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie von den jungen Feministinnen gelernt?

Fischer: Das Thema Transgender war größtenteils neu für mich, ebenso wie das Gendersternchen. Es weist in Texten darauf hin, dass Menschen mehr sind als Frauen und Männer. Und ich bin begeistert davon, dass Feministinnen sich heute für eine Vielzahl von Themen einsetzen, die weit über den Mann-Frau-Gegensatz hinausgehen. Auch für mich war Feminismus immer mehr, als Frauen in den Aufsichtsräten zu fordern. Mächtige Frauen, die sich an der Ausbeutung im Turbokapitalismus beteiligen, interessieren mich nicht. Mir und den Feministinnen, mit denen ich gesprochen habe, geht es darum, zusammen mit Männern, die dazu bereit sind, eine gerechtere und lebenswertere Welt zu schaffen.

Erica Fischer: Feminismus Revisited. Berlin Verlag, 320 Seiten, 20 €