ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Ein zentraler Antrieb für meinen Aktivismus war die Liebe. Ich wollte die Kluft zwischen Männern und Frauen überwinden, die für so viel emotionales Elend sorgte." Begegnen sich die Geschlechter inzwischen eher auf Augenhöhe?

Fischer: Ich glaube bis heute, dass Liebe zwischen Menschen, die nicht gleichwertig sind, unmöglich ist. Und die meisten Männer haben inzwischen erkannt: Mit Abhängigen zu leben, macht keinen Spaß. Die meisten Männer wollen nicht mehr mit Püppchen zusammen sein. Auch das Selbstverständnis von Frauen hat sich massiv verändert. In den Romanen, mit denen ich aufgewachsen bin, waren Frauen Geliebte und Begleiterinnen. Das ist nicht mehr so.

ZEIT ONLINE: Bei elf Prozent der heterosexuellen Paare in Deutschland verdient die Partnerin ähnlich viel wie der Mann. Bei weiteren sieben Prozent ist die Frau die Hauptverdienerin. Oft sind beide Geschlechter von diesem Rollentausch verunsichert.

Fischer: Mit der Zeit werden die Männer merken, dass ihnen die Veränderungen zugutekommen. Sie wurden ja auch jahrhundertelang dazu gedrängt, stark und hart sein zu müssen. Das ist anstrengend und macht unglücklich. Es ist trotzdem keine Lösung, einfach die Rollen zu tauschen oder das Leiden 50/50 aufzuteilen. Wir müssen die Arbeitswelt für alle humaner gestalten.

ZEIT ONLINE: Sie haben für Ihr Buch mit Feministinnen der heutigen Generation gesprochen, etwa mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal oder mit Hengameh Yaghoobifarah – der Redakteurin des Missy Magazins. Wie hat sich der Feminismus gewandelt?

Fischer: Die Selbstverständlichkeit, mit der jüngere Feministinnen sich heute vernetzen, ist unglaublich. Frauen wehren sich gemeinsam, zahlreicher, lauter. Auch die Anliegen haben sich verändert: In der heutigen Zeit, in der man den Klimawandel und Rechtsnationalismus spürt, geht es nicht mehr nur um die Gleichheit zwischen Frau und Mann. Es geht auch um Umweltthemen, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit und soziale Gerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie von den jungen Feministinnen gelernt?

Fischer: Das Thema Transgender war größtenteils neu für mich, ebenso wie das Gendersternchen. Es weist in Texten darauf hin, dass Menschen mehr sind als Frauen und Männer. Und ich bin begeistert davon, dass Feministinnen sich heute für eine Vielzahl von Themen einsetzen, die weit über den Mann-Frau-Gegensatz hinausgehen. Auch für mich war Feminismus immer mehr, als Frauen in den Aufsichtsräten zu fordern. Mächtige Frauen, die sich an der Ausbeutung im Turbokapitalismus beteiligen, interessieren mich nicht. Mir und den Feministinnen, mit denen ich gesprochen habe, geht es darum, zusammen mit Männern, die dazu bereit sind, eine gerechtere und lebenswertere Welt zu schaffen.

Erica Fischer: Feminismus Revisited. Berlin Verlag, 320 Seiten, 20 €