ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch geht es zum Beispiel um Nicola und Thomas. Er begleitet sie nach Dubai, wo sie eine Stelle als Hotelmanagerin antritt, und wird Reiseführer. Obwohl er seinen neuen Job mag, richtet Thomas seine Termine auf Nicola aus und verzichtet auf Touren, wenn sie zulasten der gemeinsamen Zeit gehen. Dass Frauen sich ganz nach ihren Männern richten, ist nicht ungewöhnlich. Sie resümieren im Buch, dass die Paare mit getauschten Rollen reflektierter an solche Kompromisse herangehen. Was heißt das genau?

Lackner: Der Kompromiss funktioniert hier, weil Nicola ihren Mann nicht vor vollendete Tatsachen stellt, sondern die Entscheidung, die Stelle in Dubai anzunehmen, mit ihm gemeinsam trifft. So hat er die Chance, sich mit ihr für diesen Schritt zu entscheiden, und fühlt sich nicht zurückgesetzt. Auch Thomas ist ein ehrgeiziger Mensch – es reizt ihn, sich in einer fremden Umgebung beruflich neu zu orientieren. Gleichzeitig definiert er sich nicht nur über seine Leistung im Job, sondern die Beziehung zu seiner Frau und die Lust auf das Leben im Ausland fallen ebenso ins Gewicht. Männer wie Thomas ruhen in sich selbst und geben ihrer Partnerin dabei gerne Freiraum. In einer solchen Beziehung auf Augenhöhe verwirklicht niemand seine Träume auf Kosten des anderen.

"Wer Probleme mit seiner Rolle hat, outet sich offenbar nicht gerne."

ZEIT ONLINE: Der Architekt Henning arbeitet seiner Frau zuliebe selbstständig, um die Beziehung flexibler zu halten. Er sagt, dass seine Frau und er viel kommunizieren und darauf achten, nicht aneinander vorbeizuleben. Geht es in Ihrem Buch also vor allem um erfolgreiche Beziehungsarbeit?

Lackner: Auf jeden Fall zeigen unsere Beispiele nicht nur gelungene Karrieren, sondern auch gelungene Liebesbeziehungen. Wenn zwei Menschen sich wirklich mögen und dasselbe Wertesystem teilen, wägen sie Entscheidungen gerne gemeinsam ab. Statt zu diskutieren, wer die Spülmaschine ausräumt und das Kind zur Kita bringt, schauen diese Paare zusammen, wer was übernehmen kann. Dazu muss man natürlich in der Lage sein, von seinem eigenen Ego ein wenig Abstand zu halten und einzusehen: Jeder hat das gleiche Recht auf Selbstentfaltung. Dafür müssen nicht nur die Männer bereit sein, ihren Partnerinnen auch mal den Vortritt zu lassen – auch die Frauen müssen einen Schritt nach vorn tun, die Leidenschaft für ihre Arbeit kommunizieren und dafür kämpfen, dass gleiches Recht für beide gilt.

ZEIT ONLINE: Häufig heißt es, Männer halten es nicht aus, wenn Frauen mehr verdienen und erfolgreicher sind als sie selbst. Warum geht es den Männern in ihren Beispielen anders?

Lackner: Weil sie einen gesunden Selbstwert haben. Die Perspektiven der Männer in unserem Buch zeigen, dass es für sie keinen Angriff auf ihre Männlichkeit darstellt, wenn sie einen weniger hochkarätigen Job oder weniger Einkommen haben als ihre Frauen. Einigen sind Arbeit und Karriere generell nicht so wichtig wie ihren Frauen – andere finden auch in einer funktionierenden Beziehung oder Familie so viel Sinn, dass sie gerne Abstriche im Job machen.

ZEIT ONLINE: Also hat keiner der Männer Probleme mit seiner Rolle?

Lackner: Nein – die Männer, die bereit waren, bei unserem Projekt mitzumachen, sind alle mit ihrer Situation zufrieden. Dass es auch viele Männer gibt, denen das Thema sehr unangenehm ist, habe ich aber an den Absagen gemerkt, die ich auf meine Anfrage bekam. Wer Probleme mit seiner Rolle hat, outet sich offenbar nicht gerne.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Männer in Ihrem Buch stecken hinter ihren Frauen zurück. Doris und Andreas beispielsweise machen beide Karriere. Sie ist Einkaufsleiterin eines Pharmaunternehmens, er Unternehmensgründer und Vorstand. Die Arbeit in der Familie teilen sie sich. Wie gelingt das?

Lackner: Zunächst dadurch, dass die beiden sich ein passendes Umfeld gesucht haben. Die beiden kommt ursprünglich aus einem kleinbürgerlichen Ort, wo die Nachbarn redeten, weil Doris arbeiten ging und nicht zu Hause bei den Kindern blieb. Seit sie umgezogen sind, fällt ihnen der Alltag leichter. Beide übernehmen Verantwortung für Familie und Haushalt: Sie haben sich auf eine klare Aufgabenteilung geeinigt, die sie beide als fair empfinden und die sie gewissenhaft durchziehen. Außerdem beschäftigen sie eine Reinigungskraft. Aber auch mit Unterstützung ist es für Familien anstrengend, wenn beide Partner Karriere machen. Ich glaube, dass sich viele Frauen deshalb dafür entscheiden, im Job eher zurückzustecken und mehr Familienarbeit zu übernehmen – weil ihnen die Doppelbelastung Kinder und Karriere zu viel ist und sie dem täglichen Kampf, sich im Job durchsetzen zu müssen, nicht gewachsen sind.

"Ich glaube, das Problem ist nicht nur die gläserne Decke, sondern auch die Tatsache, dass Frauen Chancen nicht ergreifen."

ZEIT ONLINE: Wie kann sich das ändern?

Lackner: Wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren viel über Männer beklagt. Doch auch die Frauen müssen sich gegen Stereotype entscheiden. Ich glaube, das Problem ist nicht nur die gläserne Decke, sondern auch die Tatsache, dass Frauen Chancen nicht ergreifen. Für echte Gleichberechtigung müssen Paare sich aktiv gegen Rollenbilder entscheiden. Dazu gehört es manchmal auch, sich gemeinsam durchzubeißen. Dieser Verantwortung kommen beide Seiten noch zu wenig nach.