ZEIT ONLINE: Aber warum müssen wir überhaupt Sinn in der Arbeit finden? Könnten wir die Sinnsuche nicht auf das Wochenende verschieben?

Wehner: Nein, denn dafür verbringen wir viel zu viel Zeit mit Arbeit. Dass wir auch trotz der Digitalisierung nicht in einer Freizeitgesellschaft leben werden, wie man in den Achtzigern glaubte, ist heute klar. Der Mensch ist ein tätiges Wesen. Er formt seine Identität über das Tätigsein und darüber, wie viel Anerkennung er von seiner Umwelt dafür erfährt. Jedenfalls, wenn er die Möglichkeiten zur Verwirklichung in seiner Arbeit erlebt. Für seine Lohnarbeit Anerkennung zu bekommen, ist etwas anderes als für ein gewonnenes Badmintonmatch.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn man in seiner Arbeit keine Anerkennung und Sinn findet und dennoch jeden Tag hinmuss?

Wehner: Wenn Sie 20 Jahre lange mit einer distanzierten oder ablehnenden Haltung zur Arbeit gehen, können Sie dabei nicht gesund bleiben. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Arbeit, die Menschen als sinnlos empfinden, krank macht. Es kann sein, dass ein und derselbe Job für die eine Person Sinn macht und für die nächste überhaupt nicht. Sinn ist eine sehr persönliche Kategorie.

ZEIT ONLINE: In Befragungen kommt noch vor dem Wunsch nach Sinn jener nach Jobsicherheit und einem guten Kollegium. Teil eines Teams zu sein, ist also auch wichtig für die Identifikation?

Wehner: Wenn ich mit anderen zusammen Stress erlebe, ist er leichter zu ertragen, das wissen wir aus der Resilienzforschung. In den letzten 50 Jahren wurde die Gemeinschaft, also das Zusammenarbeiten mit Kollegen und Kolleginnen, für die Arbeitsmotivation wichtiger. Gleichzeitig erleben wir heute eine starke Entsolidarisierung und Individualisierung, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Arbeit war früher mitunter viel härter, aber die Arbeiter hielten zusammen, sie bildeten eine Solidargemeinschaft. Diese Gemeinschaft diente als Puffer für Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen.

ZEIT ONLINE: Und welche Unternehmen sind besonders gut darin, Identifikation zu stiften?

Wehner: Früher waren das die Zechen im Ruhrgebiet. Das waren echte Solidargemeinschaften. Da hat man sich auch am Wochenende getroffen und zusammen Tauben gezüchtet. Deshalb ist jetzt die Trauer um die Schließung auch so groß, da stirbt nicht nur eine Industrie, sondern auch eine Gemeinschaft.

ZEIT ONLINE: Und heute?

Wehner: Heute reicht gemeinsam Tauben züchten nicht mehr. Unternehmen, die ihre Mitarbeiterinnen so lange wie möglich an sich binden wollen, sollten ihnen so viel Handlungs- und Entscheidungsspielraum bei der Arbeit lassen wie möglich. Manche Unternehmen befinden sich ganz in der Hand der Mitarbeiter, die Angestellten entscheiden selbst über ihr Gehalt, die Anzahl der Arbeitsstunden und von wo sie arbeiten. Mal hier und da einen Bonus auszuzahlen, bringt dagegen zunehmend weniger. Der Trend geht hin zum Intrinsischen.