Wahrscheinlich hat jeder und jede bereits einen alkoholabhängigen Kollegen oder eine süchtige Kollegin gehabt, ohne es zu merken. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt, dass etwa fünf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer alkoholabhängig sind. Hier erzählt Vlada, 33, warum ihre Krankheit jahrelang bei der Arbeit nicht auffiel und wie ihr eine Jobabsage wieder auf die Beine helfen konnte.

Ich wurde vor etwa zehn Jahren alkoholabhängig. In der Zeit, in der ich trank, habe ich unter anderem als Au-pair, in einer Wirtschaftskanzlei und als Modelbookerin gearbeitet. Aufgefallen ist es niemandem, obwohl ich in meiner schlimmsten Phase schon morgens eine Flasche Weißwein getrunken habe und abends eine Flasche Wodka oder mehr. Ohne den Alkohol im Blut machten sich Entzugserscheinungen bemerkbar. Ich wurde zum Beispiel so nervös, dass meine Hände und Mundwinkel anfingen, zu zittern. Ich habe mich dafür geschämt und wollte meinen Zustand vor Kollegen und Kolleginnen verheimlichen. Das hat aber nur funktioniert, wenn ich bei der Arbeit getrunken habe. In der Mittagspause kaufte ich deshalb ab und an kleine Piccoloflaschen, die gut in meinen Rucksack gepasst haben. Ich trank dann heimlich Sekt oder Weißwein auf der Bürotoilette oder im Treppenhaus. Danach ging ich an meinen Arbeitsplatz und machte weiter, als sei nichts gewesen.

Wann das Trinken bei mir zu einer Krankheit wurde, kann ich nicht genau sagen. In meiner Familie wurde gut und gerne Alkohol getrunken, und heute weiß ich, dass mindestens zwei meiner Verwandten abhängig waren. Einige wichtige Menschen in meinem Leben versuchten, ihre Probleme im Alkohol zu ertränken – und als Jugendliche habe ich das nachgemacht. Gleichzeitig gehört Alkohol in Deutschland so selbstverständlich zum Alltag dazu, dass es niemandem auffällt, wenn eine Person oft oder zu viel trinkt. Schon als Studentin war ich gern auf Partys unterwegs, bei denen ein Vollrausch dazugehörte. Beim Berufseinstieg habe ich damit einfach weitergemacht.

"Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken."
Vlada, 33 Jahre

Als ich in der Modelagentur arbeitete, kam ich montags auch mal nach einer 18-Stunden-Party verkatert ins Büro. Ich machte mir keine Sorgen um mich, da ich dachte, dass es anderen genauso geht. Auch meine Kolleginnen und Kollegen haben solche Situationen eher weggelächelt. Dabei hätte ich eigentlich dringend einen Menschen gebraucht, der mich zur Seite nimmt und mir sagt, dass mein Verhalten alles andere als normal ist. Doch niemand hat gemerkt, wie viel ich trank – obwohl wir in einigen Büros, in denen ich gearbeitet habe, nur zu dritt oder zu viert waren.

Wahrscheinlich bin ich auch deshalb nicht aufgeflogen, weil ich meine Arbeit trotzdem immer noch gut gemacht habe. Ohne das Gift in meinem Körper wäre ich sicherlich schneller gewesen oder der ein oder andere Flüchtigkeitsfehler wäre nicht passiert. Aber solange man im Job einigermaßen funktioniert, sagt niemand etwas. Wahrscheinlich, weil man damit eine persönliche Grenze überschreiten würde. Außerdem habe ich im Büro meistens die Selbstbewusste gespielt und dadurch die Sucht gut verstecken können.

Über die Jahre habe ich eine Reihe von Tricks entwickelt: Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen zu einer Veranstaltung oder in einer Bar unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken, damit nicht auffällt, dass ich eigentlich dreimal so viel benötige wie alle anderen. Im Büro habe ich immer sehr auf körperliche Distanz geachtet, damit niemand den Alkohol riecht. Das war vor allem dann problematisch, wenn mir jemand etwas am Computer zeigen wollte. Ich habe dann die Luft angehalten und in die andere Richtung ausgeatmet.

Nach zehn Jahren Trinken hat man mir meine Sucht auch körperlich angesehen. Mein Gesicht war aufgequollen, meine Hände haben gezittert und waren angeschwollen. Ich hatte Angstzustände, war ständig nervös und konnte ohne den Alkohol nicht mehr schlafen. Aber in all den Jahren hat mich nur eine einzige Vorgesetzte in einer Agentur darauf angesprochen und mir gesagt, dass sie sich Sorgen macht. Sie hatte selbst eine Burn-out-Erfahrung hinter sich und fürchtete, dass es mir genauso ergehen könnte. Sie kam damals aber nicht drauf, dass ich alkoholabhängig bin, und ich habe es auch nicht übers Herz gebracht, es ihr zu erzählen. Aber als ich Anfang 2018 eine Therapie beendete, habe ich Kontakt zu ihr aufgenommen. Ich habe ihr erklärt, was mit mir los war, und mich bei ihr entschuldigt. Ich hatte das Gefühl, sie enttäuscht und hintergangen zu haben. Überhaupt: In der Zeit, in der ich trank, habe ich mich immer gegenüber meinen Vorgesetzten geschämt. Ich hatte das Gefühl, sie enttäuscht und hintergangen zu haben.