Ich habe nichts gegen das Landleben. Ich habe nur ein Problem damit: Es ist mir zu hektisch. Stadtmenschen wie ich kommen da nicht mit. Ich bin gewöhnt an die permanente und bequeme Verfügbarkeit von allem, nach dem mir gerade der Sinn steht. Darum ist es hart für mich, damit zurechtzukommen, dass man sich auf dem Land die Dinge erarbeiten muss. Und damit meine ich nicht, dass man das Badewasser in einem Zinnkübel in die gute Stube schleppen muss, oder dass man, wenn es einem nach Steak gelüstet, das Vieh vorher bitteschön selbst erlegt. 

Nein, damit meine ich: Auf dem Land muss man schnell sein. Schneller als die anderen. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und die richtige Zeit, um ein Körnerbrötchen zu kaufen, ist irgendwann vor 6.53 Uhr. Als ich nämlich an einem Montag um 6.53 Uhr am Bäckertresen stand und um ein Körnerbrötchen bat, wurde mir beschieden: "Nimmie do." – "Ja, und später vielleicht wieder?" – "Nä."

Ich wohne in der Pfalz. In einem sehr hübschen Ort an der optisch idyllischen Südlichen Weinstraße. Wir sind vor drei Jahren hierhergezogen, weil mein Freund aus diesem Ort stammt, weil er zurück in seine Heimat, in eine Wohnung in die Nähe seiner Familie ziehen wollte – weil unser Kind zur Welt kam. Für Kinder soll die Landluft ja so gut sein. Außerdem gibt es hier: Kühe, Regenwürmer, Weinberge, Wälder voller Kastanien im Herbst, voller Rodelpisten im Winter. Und auch Körnerbrötchen, manchmal. Nur wer bis sieben Uhr schläft, der muss eben einen Weck essen. So wie ich.

"Aufs Land zu ziehen – das war 30 Jahre meines Lebens eine ebenso absurde Vorstellung für mich wie auf den Mond zu ziehen."
Ines Schipperges, freie Journalistin

Ich bin kein Morgenmensch. Und ich bin Stadtmensch. Schon als ich von Köln nach München zog, vermisste ich die unendliche Anzahl an Büdchen, vermisste es, um zwei Uhr nachts problemlos einen Wein einkaufen gehen zu können, Käse und Brot und sogar eine Federboa, wenn ich wollte. Seit ich in der Pfalz lebe, vermisse ich auch noch meine Körnerbrötchen.

Ich weiß bis heute nicht so recht, wie es passiert ist. Aufs Land zu ziehen – das war 30 Jahre meines Lebens eine ebenso absurde Vorstellung für mich wie auf den Mond zu ziehen. Aber ich ließ mich auf den Umzug ein. Denn mal ehrlich: Mit Kind von der Stadt aufs Land zu ziehen, gerade, wenn dort Oma und Opa wohnen, gerade, wenn die hübsche Altbauwohnung in der Stadt sowieso zu klein, eine neue Wohnung weder hübsch noch bezahlbar wäre – so unerhört ist dieser Schritt nicht, gestand ich mir schließlich ein. Machen das nicht heute alle?

Wer weiß, was er im Leben will, ist auf dem Land richtig

Und natürlich, für viele, sehr viele Menschen ist das Landleben genau das Richtige. Nur eben nicht für mich, wie ich jedoch vollends erst erkannte, als ich es selbst erlebt hatte. Denn wer genau weiß, was er will im Leben, braucht keine Auswahl. Der kann aufs Land ziehen, sich dort niederlassen, ein Häuschen bauen, weil er weiß, wie groß das Häuschen werden muss, um Platz für die exakt geplante Anzahl an Kindern zu bieten. In Städten ist das anders. In Städten wählt man immer wieder neu: Gehen wir heute Abend ins Kino oder doch lieber ins Theater, probieren wir mal den neuen Vietnamesen oder diesen Koreaner an der Ecke?

Manche mögen das stressig finden, ich empfinde es als entspannend. Für mich ist es beruhigend, mich nicht hier und jetzt entscheiden zu müssen, wie der Rest meines Abends und meines Lebens aussehen soll. In Städten trifft man die Wahl nicht mangels Alternativen. Ja, in Städten gibt es mehr Dreck, mehr Lärm, mehr Gedränge, mehr Kriminalität. Aber auch mehr Raum für Kreativität, für Kunst, für Kultur und gutes Essen. 

Für lauter Dinge also, die für Kleinkinder völlig uninteressant sind. Denn die Wahrheit ist: Für kleine Kinder sind kleine Orte ideal. Für Menschen, die aus ebenjenem Ort stammen und ihre Heimat lieben: ebenfalls wunderbar. Für alle anderen: schwierig. In meiner Familie steht es damit zwei zu eins.