Kaum irgendeinen Satz habe ich seit dem Beginn der #metoo-Bewegung häufiger gehört als den gekränkten Vorwurf, man wüsste ja gar nicht mehr, ob man überhaupt noch flirten dürfe. Die kurze Antwort: Ja, man darf. Und wer wissen will, ob etwas okay ist, kann ganz einfach nachfragen. Die längere Antwort: Es gibt viele unterschiedliche Meinungen, was noch ein Flirt und was schon ein Übergriff ist. Aber fragt man diejenigen, die sich einmal unwohl mit einem vermeintlichen Flirt gefühlt haben, bekommt man ein recht klares Bild davon, wann die Grenze überschritten ist. Man erfährt, wie es sich anfühlt, wenn jemand immer viel zu nahe steht, systematisch und ohne zu fragen zu weit in den persönlichen Raum eingreift und man sich dem nicht entziehen kann.

Allerdings: Während in den letzten Jahren viele extreme Fälle von Belästigung an die Oberfläche gekommen sind, gibt es kaum etabliertes Wissen über die Anfänge sexueller Belästigung. Was aber, wenn man das vorhandene Wissen dazu sammeln und nutzen würde, um sexuelle Belästigung früher zu erkennen? Mit der Erfahrung aus über drei Jahren Zusammenarbeit mit Feministinnen aus ganz Europa haben wir unser Wissen in einem Guide durch die Grauzone sexueller Belästigung mit dem Titel It's not that grey zusammengefasst. Er enthält ein Früherkennungssystem, mit dem Betroffene und Dritte erkennen können, wann und wie sich Belästigung anbahnt. Mithilfe dieses "Red Flag Systems" werden toxische Umgebungen und klassische, weitverbreitete Techniken von Belästigern analysiert.

"Starre Hierarchien, starke Abhängigkeitsverhältnisse und eine ausgeprägte Schweigekultur sind der Nährboden schlechthin für Machtmissbrauch."
Sara Hassan

Mit dem Red Flag System gehen wir davon ab, die Frage zu wälzen, wer dazu imstande wäre, zum Täter zu werden, und schauen uns stattdessen an, unter welchen Bedingungen Täter ihre Macht missbrauchen, was ihnen verhilft, damit durchzukommen, wann welches Verhalten problematisch ist. Und dafür ist es hilfreich, sich erst Mal seine Umgebung bewusst zu machen. Starre Hierarchien, starke Abhängigkeitsverhältnisse und eine ausgeprägte Schweigekultur sind der Nährboden schlechthin für Machtmissbrauch. Wer in so einem Umfeld seine Stimme erhebt und Nein sagt, riskiert schnell, alles zu verlieren. Sind solche Faktoren gegeben? Erstes Warnsignal – erste rote Fahne.

Die nächste rote Fahne ist das "Netter-Typ-Syndrom": Viel Prestige, ein guter Ruf und ausgezeichnete Leistungen – hinter all dem wollen viele Menschen keinen Täter sehen. "Der doch nicht", wollen viele glauben, weil sie die Person, ihre Kunst oder Politik mögen. Betroffene haben es umso schwerer, gegen dieses Image aufzutreten und Belästiger können sicher sein, dass ihre Beliebtheit sie schützen wird. Unter diesem Deckmantel, wie wir mittlerweile wissen, können beliebte und prominente Belästiger viel zu lange gewähren.

Belästigungsmomente als das erkennen, was sie sind

Drittens, klassische Manipulationsstrategien: Belästiger stellen oft "Schuldfallen" auf, erweisen Betroffenen einen Gefallen und verlangen im Austausch dafür dann etwas ganz anderes. Sie stellen Betroffene zuerst auf ein Podest, nur um sie in der nächsten Sekunde fallen zu lassen. Das erzeugt Druck und emotionale Abhängigkeit. Rote Fahnen überall.

Auch das Verhalten von Betroffenen selbst kann als Warnsignal dienen: Wenn sie die Grenzüberschreitungen des anderen entschuldigen, kleinreden und sich selbst weismachen wollen, dass alles nicht so schlimm wäre, sind das alles Hinweise darauf, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Das Werkzeug ist auch da, um Betroffenen zu zeigen: Das passiert nicht nur dir und du trägst keine Schuld daran. Indem wir die erschreckende Systematik festhalten, wollen wir erreichen, dass Betroffene nicht erst in die Spirale aus Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und Schweigen geraten, sondern mithilfe der roten Fahnen sehen, was wirklich vor sich geht, und Belästigungsmomente als das erkennen, was sie sind.

Auf die Beobachter am Rande des Geschehens kommt es an

Zurück zum unklaren Flirt: Ein Kompliment kann tatsächlich einfach nur ein Kompliment sein, wenn zwei Menschen auf Augenhöhe sind. Es hört allerdings in der Sekunde auf, harmlos zu sein, wenn Macht und Hierarchie im Spiel sind. Wenn die Adressatin das Kompliment nicht ausschlagen kann, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen, wird ein Kompliment zur roten Fahne. Muss die Person befürchten, dass sich ein Nein negativ auf ihre Beziehung, Karriere oder Integrität auswirkt? Dringender Rote-Fahnen-Alarm.

Unsere Conclusio: Wenn man Hierarchien in die Rechnung nimmt, gängige Machtmechanismen identifizieren kann und die Schuld für eine Grenzüberschreitung nicht Betroffenen, sondern dem eigentlichen Verantwortlichen gegeben wird, ist die Grauzone gar nicht mehr so grau. Im Jahr 2019 ist es Zeit, dass wir als Gesellschaft lernen, die wesentlichen Eckpunkte zu kennen, Machtmissbrauch richtig zu lesen und nicht länger als harmlos abzutun, um untätig bleiben zu können. Denn eine Sache war allen Geschichten, die wir in den letzten Jahren gehört haben, gemein: Hätte auch nur eine einzige außenstehende Person eingegriffen, wäre alles ganz anders gekommen. Auf die Beobachter am Rande des Geschehens kommt es so oft an. Darum appellieren wir Autorinnen an diese Unbeteiligten. Sie können den alles entscheidenden Unterschied ausmachen, wenn sie aus der Passivität heraus- und für ein Thema eintreten, das uns alle angeht.