Wir hatten beruflich beide schon etwas erreicht, meine Frau und ich. Waren erfolgreich in unseren Jobs, verdienten gut, gaben auch gut aus. Geld sparen? Das brauchten wir nicht. War ja immer genug da und so etwas wie ein Immobilienkauf schien weit, weit weg. Wir waren sicher nicht reich, aber wir gingen abends aus, reisten, feierten und machten uns keinen Stress.

Die Aufgaben zu Hause teilten wir einigermaßen fair auf. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich Hausarbeit mag, aber meine Frau lehrte mich, dass Augenhöhe in einer Partnerschaft alles ist – und dass kochen, einkaufen und Haushalt genauso männlich wie weiblich sind.

Als unser erstes Kind vor fünf Jahren auf die Welt kam, veränderten sich die Dinge etwas. Meine Frau setzte zehn Monate aus, fing danach an, in Teilzeit zu arbeiten in dem Glauben, dass daraus irgendwann mal wieder Vollzeit werden würde. Ich selbst ging nur für zwei Monate in Elternzeit.

Als das zweite Kind unterwegs war, erlebte ich beruflich noch einmal einen Schub. Mehr Geld, spannendere Projekte. Ich hatte noch nie so viel verdient und der Gedanke, dass ich zu Hause etwas verpassen könnte, war noch sehr weit weg.

Verpasste Augenblicke

Doch selbst der tollste Job birgt irgendwann einmal Zweifel. Eigentlich mochte ich Dienstreisen: Leute, Länder, Landschaften kennenlernen – und dafür auch noch bezahlt werden. Ich war mit meinem Einkommen zufrieden. Aber spätestens nach der Geburt unseres zweiten Kindes vor einem Jahr merkte ich, dass immer an den Job zu denken das ständige Unterwegssein mich von der Familie abgrenzten.

"Papa, warum arbeitest du immer?" Wenn mein fünfjähriges Kind mir solche Fragen stellt, fühle ich mehr als ein schlechtes Gewissen. Ich habe das Gefühl, dass ich von meiner Familie abgeschnitten bin. Meine Frau hat mir kürzlich gesagt: "Du musst aufpassen, dass du noch Teil des Teams bleibst!"

Sie hat recht damit. Vieles habe ich bereits verpasst: Zum Beispiel habe ich das erste Krabbeln meines damals zehn Monate alten Kindes später registriert. "Schau, sie krabbelt", sagte ich. "Das macht sie seit drei Tagen", antwortete meine Frau. Wenn wir beim Abendessen sitzen, stellt mein älteres Kind seine Fragen meist seiner Mutter. "Mama, warum kann man auf dem Mond nicht atmen?" "Mama, was heißt Fohlen?" "Mama, wieso sind die Dinosaurier ausgestorben?" Dabei hätte ich doch auch die Antworten dazu parat. Das schmerzt mich. 

Andererseits merkte ich schnell, dass ich nicht beruflich zurückstecken konnte. Wir hatten uns an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt. Ein Auto. Die teure Mietwohnung im Zentrum der Stadt. Gute Lebensmittel, Essen gehen. Zwei Leute mehr in der Familie. 400-Euro-Kindersitze. Ich fühlte mich gefangen in meiner Rolle als Versorger.

Die Rollenverteilung männlicher Hauptverdiener, weiblicher Zuverdienerin ist immer noch der Regelfall in Deutschland. Männer mit Kind oder Kindern arbeiten laut des Mikrozensus 2017 zu 94 Prozent in Vollzeit, Mütter nur zu 34 Prozent. Laut dem OECD-Bericht Dare to Share tragen Frauen in Deutschland europaweit am wenigsten zum Familieneinkommen bei – im Schnitt nur 22,6 Prozent des Familienbudgets.