"Frauen müssen begreifen, dass ihre Kompetenzen einen Marktwert haben"

Viele Beschäftigte haben Angst, dass die Digitalisierung und Globalisierung die Arbeitsabläufe in ihren Unternehmen verändern. In einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts gab jeder dritte befragte Betriebsrat an, sich vor negativen Konsequenzen der Digitalisierung zu fürchten. 78 Prozent sagten außerdem, ihre Arbeit sei in den letzten fünf Jahren intensiver geworden. Die Soziologin Christiane Funken bleibt positiv. Sie sieht die Digitalisierung als Chance für Frauen, sich besser auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren.

ZEIT ONLINE: Frau Funken, Sie analysieren als Wissenschaftlerin seit Jahren den Wandel der Arbeitswelt. Was verändert sich für Beschäftigte gerade tatsächlich schon?

Funken: Ich beobachte vor allem eine enorme Leistungsverdichtung. Zum einen hängt sie damit zusammen, dass durch den globalen Wettbewerb die Produkte und Dienstleistungen immer kundenspezifischer werden. Zum anderen verändern sich die Arbeitsprozesse selbst radikal.

ZEIT ONLINE: Warum fällt mehr Arbeit an, nur weil sie heute anders strukturiert wird?

Funken: Wir befinden uns im Wandel von der Industriewirtschaft zur Wissensökonomie. Früher waren Arbeitsschritte am Fließband oder in der Verwaltung klar definiert und die Vorgesetzten konnten ihren Angestellten sagen, zuerst machst du das und als Nächstes das. Heute müssen vor allem kreative Tätigkeiten verrichtet werden, und die basieren auf Zielvereinbarungen. Da heißt es zum Beispiel: "Entwickelt bis Ende des Monats eine neue Marketingstrategie oder einen Podcast." Welche Arbeitsschritte konkret hinter diesen Zielen stecken und ob dafür notfalls auch mal am Wochenende oder abends gearbeitet werden muss, können die Chefs nicht mehr überblicken. Viele erkennen nicht, dass ihre Beschäftigten bereits voll ausgelastet oder gar überlastet sind.

ZEIT ONLINE: Darunter leiden Frauen und Männer vermutlich gleichermaßen. Wie kommen Sie zu der These, dass Frauen von dieser Entwicklung profitieren können?

"Frauen sind im Selbstmarketing, in Gehaltsverhandlungen oder der Beschreibung ihrer Leistung nach wie vor zurückhaltender."
Christiane Funken

Funken: Da es in der Wissensökonomie nicht mehr um die Herstellung von Massenware, sondern um das Entwickeln von kundenspezifischen Dienstleistungen geht, finden die Arbeitsprozesse in interdisziplinären Teams statt. In diesen abteilungsübergreifenden Gruppen treffen zum Beispiel Ingenieure, Designer und Manager aufeinander, alle mit ihrer eigenen Denke und Sprache. Die wenigsten sind in der Lage, die Fachsprache der anderen Experten zu verstehen. Es kommt zu Konflikten, denn jeder verteidigt seine Arbeitsweise und seine Expertise. Das ist ein großes Problem, denn Projekte brauchen kollektive Intelligenz. Das heißt, es geht darum, gemeinsam eine innovative Problemlösung zu schaffen. Dafür benötigt das Team Menschen, die integrieren und Konflikte lösen können, Empathie und ein psychologisches Gespür haben. Männer können das lernen, aber Frauen werden diese Fähigkeiten klassischerweise anerzogen. Berufstätige Mütter sind zudem aus ihrem Alltag eine hohe Flexibilität gewohnt. Auch das hilft in der heutigen Arbeitswelt. Ich nenne all diese Kompetenzen Future-Skills.

ZEIT ONLINE: Sind das nicht Klischees? Nicht alle Frauen sind Mütter oder automatisch empathisch.

Im Auftrag der ZEIT hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft quer durch alle Berufsgruppen 1.000 Menschen befragt, was sie sich von ihrem Arbeitsplatz wünschen. In der Serie "Mein Job und ich" auf ZEIT ONLINE zeigen wir die Ergebnisse und erzählen die Geschichten dahinter. © Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

Funken: Natürlich nicht. Ich meine auch nicht, dass Frauen von Natur aus empathischer wären, sondern dass sie, anders als viele Männer, dazu erzogen und sozialisiert werden. Ich verteidige keineswegs eine traditionelle geschlechtsstereotype Erziehung.

ZEIT ONLINE: Häufig wird argumentiert, dass Frauen durch ihre Sozialisierung eher passiv sind und sich dadurch schlechter im Beruf durchsetzen können als Männer.  

Funken: Es stimmt: Frauen sind im Selbstmarketing, in Gehaltsverhandlungen oder der Beschreibung ihrer Leistung nach wie vor zurückhaltender. Das ist ein Problem. Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Techniker einstellen. Da kommt ein Mann, der das zwar noch nie gemacht hat, aber sagt: "Das traue ich mir zu, ich finde das spannend", weil er als Junge schon früh gelernt hat, selbstbewusst aufzutreten. Die Frau zögert hingegen und sagt: "Ich habe das noch nicht gemacht." Wen stellen Sie dann ein? Den Mann.

"Frauen werden nicht automatisch eingestellt"

ZEIT ONLINE: Widerspricht diese Beschreibung nicht Ihrer These? Eigentlich müsste doch die Frau eingestellt werden.

Funken: Meine These lautet nicht, dass Frauen automatisch für ihre Future-Skills eingestellt werden, sondern dass der Arbeitsmarkt sie unter anderem dafür dringend braucht.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für realistisch, dass das passiert?

Funken: Es ist paradox: Obwohl die Unternehmen Menschen brauchen, die sensibel interagieren, kommunizieren und kooperieren können, erkennen sie diese Fähigkeiten kaum oder nur zögerlich an. In vielen Unternehmen werden männlich konnotierte Fähigkeiten, wie vermeintliche Rationalität, Durchsetzungskraft und Kämpfertum immer noch höher bewertet. Und viele Personaler bevorzugen die Performance eines Mannes, der sagt: "Mach ich, kann ich, werde ich."

ZEIT ONLINE: Was muss sich also ändern?

Funken: Die Bewerbungsverfahren müssten sich ändern. In meinen Gesprächen mit Firmen stelle ich immer wieder fest, dass Geschlechtsstereotypen bei der Auswahl des Kandidaten eine große Rolle spielen. Statt die Stärken von Frauen zu sehen, hält sich der Generalverdacht, sie seien nicht belastbar und ein Risiko, weil sie Kinder bekommen. Um diese Stereotypisierungen zu verhindern, müssten auf der einen Seite die Personalchefs sensibilisiert oder anonymisierte Bewerbungsverfahren eingeführt werden. Auf der anderen Seite sollten Frauen erkennen, dass die Kompetenzen, die ihnen anerzogen wurden, einen Marktwert haben. Sie sollten sie einsetzen und den Wandel mitgestalten. Wenn Frauen jetzt nicht ordentlich mitmischen, nehmen die Männer die Fäden wieder selbst in die Hand.

"Vom Wandel der Arbeit profitieren erst einmal die Qualifizierten und Hochqualifizierten."
Christiane Funken

ZEIT ONLINE: Wie können Frauen das konkret tun? Sollen sie Empathie und Flexibilität zu ihren Fähigkeiten in die Bewerbung schreiben?

Funken: Man kann nicht einfach schreiben: "Ich kommuniziere gut" oder "Ich bin empathisch". Das könnte ja jeder von sich behaupten! Ich halte es für besser, im Bewerbungsgespräch die neuen Arbeitssituationen zu beschreiben. Wenn man sagt: "Das Ziel des Teams ist es auch, Kommunikationsbarrieren zu überwinden", zeigt man beispielsweise, dass man das richtige Gespür hat.

ZEIT ONLINE: Viele Frauen arbeiten nach wie vor im Niedriglohnsektor. Wie sieht es dort aus?

Funken: Viele Berufe im Niedriglohnsektor sind Routinetätigkeiten. Das sind zum Beispiel Tätigkeiten in Sekretariaten, der Buchhaltung, der Gastronomie und im Verkauf. Und die werden im Zuge der Digitalisierung als Erste überflüssig.

ZEIT ONLINE: Müsste Ihre These dann nicht heißen: Die Digitalisierung ist eine Chance für privilegierte Frauen und eine Gefahr für alle anderen?

Funken: Es stimmt, vom Wandel der Arbeit profitieren erst einmal die Qualifizierten und Hochqualifizierten. Aber die Berufe von niedrig qualifizierten Frauen werden nicht einfach verschwinden, es werden einzelne Aufgabenbereiche wegrationalisiert. Nehmen wir das Beispiel einer Lkw-Fahrerin. Das Fahren übernimmt in Zukunft vielleicht der Autopilot, die Kommunikation mit der Kundin und die Kontrolle des Be- und Entladens aber nicht. Außerdem gibt es auch Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten, die erst mal nicht gefährdet sind: Gesundheitsberufe oder Berufe in sozialen und kulturellen Dienstleistungsbereichen. Aber es geht kein Weg an Weiterbildungen vorbei. Sich weiterzuentwickeln, ist in einer sich wandelnden Arbeitswelt für alle notwendig.