ZEIT ONLINE: Widerspricht diese Beschreibung nicht Ihrer These? Eigentlich müsste doch die Frau eingestellt werden.

Funken: Meine These lautet nicht, dass Frauen automatisch für ihre Future-Skills eingestellt werden, sondern dass der Arbeitsmarkt sie unter anderem dafür dringend braucht.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für realistisch, dass das passiert?

Funken: Es ist paradox: Obwohl die Unternehmen Menschen brauchen, die sensibel interagieren, kommunizieren und kooperieren können, erkennen sie diese Fähigkeiten kaum oder nur zögerlich an. In vielen Unternehmen werden männlich konnotierte Fähigkeiten, wie vermeintliche Rationalität, Durchsetzungskraft und Kämpfertum immer noch höher bewertet. Und viele Personaler bevorzugen die Performance eines Mannes, der sagt: "Mach ich, kann ich, werde ich."

ZEIT ONLINE: Was muss sich also ändern?

Funken: Die Bewerbungsverfahren müssten sich ändern. In meinen Gesprächen mit Firmen stelle ich immer wieder fest, dass Geschlechtsstereotypen bei der Auswahl des Kandidaten eine große Rolle spielen. Statt die Stärken von Frauen zu sehen, hält sich der Generalverdacht, sie seien nicht belastbar und ein Risiko, weil sie Kinder bekommen. Um diese Stereotypisierungen zu verhindern, müssten auf der einen Seite die Personalchefs sensibilisiert oder anonymisierte Bewerbungsverfahren eingeführt werden. Auf der anderen Seite sollten Frauen erkennen, dass die Kompetenzen, die ihnen anerzogen wurden, einen Marktwert haben. Sie sollten sie einsetzen und den Wandel mitgestalten. Wenn Frauen jetzt nicht ordentlich mitmischen, nehmen die Männer die Fäden wieder selbst in die Hand.

"Vom Wandel der Arbeit profitieren erst einmal die Qualifizierten und Hochqualifizierten."
Christiane Funken

ZEIT ONLINE: Wie können Frauen das konkret tun? Sollen sie Empathie und Flexibilität zu ihren Fähigkeiten in die Bewerbung schreiben?

Funken: Man kann nicht einfach schreiben: "Ich kommuniziere gut" oder "Ich bin empathisch". Das könnte ja jeder von sich behaupten! Ich halte es für besser, im Bewerbungsgespräch die neuen Arbeitssituationen zu beschreiben. Wenn man sagt: "Das Ziel des Teams ist es auch, Kommunikationsbarrieren zu überwinden", zeigt man beispielsweise, dass man das richtige Gespür hat.

ZEIT ONLINE: Viele Frauen arbeiten nach wie vor im Niedriglohnsektor. Wie sieht es dort aus?

Funken: Viele Berufe im Niedriglohnsektor sind Routinetätigkeiten. Das sind zum Beispiel Tätigkeiten in Sekretariaten, der Buchhaltung, der Gastronomie und im Verkauf. Und die werden im Zuge der Digitalisierung als Erste überflüssig.

ZEIT ONLINE: Müsste Ihre These dann nicht heißen: Die Digitalisierung ist eine Chance für privilegierte Frauen und eine Gefahr für alle anderen?

Funken: Es stimmt, vom Wandel der Arbeit profitieren erst einmal die Qualifizierten und Hochqualifizierten. Aber die Berufe von niedrig qualifizierten Frauen werden nicht einfach verschwinden, es werden einzelne Aufgabenbereiche wegrationalisiert. Nehmen wir das Beispiel einer Lkw-Fahrerin. Das Fahren übernimmt in Zukunft vielleicht der Autopilot, die Kommunikation mit der Kundin und die Kontrolle des Be- und Entladens aber nicht. Außerdem gibt es auch Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten, die erst mal nicht gefährdet sind: Gesundheitsberufe oder Berufe in sozialen und kulturellen Dienstleistungsbereichen. Aber es geht kein Weg an Weiterbildungen vorbei. Sich weiterzuentwickeln, ist in einer sich wandelnden Arbeitswelt für alle notwendig.