Das Homeoffice ist toll, zunächst einmal. Man verliert keine Zeit beim Pendeln und kann auf dem Weg zur Toilette den Wäscheberg abtragen, der einem sonst am Wochenende vor die Füße fällt. Bleibt während des Tages etwas Arbeit liegen, klappt man abends den Laptop auf und hat alles gleich präsent, ohne sich Dokumente vom Büro- auf den Privatrechner schicken zu müssen, wo dann die entscheidenden Programme nicht installiert sind. Auch der Reibungsverlust durch kollegiales "Haste mal 'ne Minute?" fällt flach und es gibt keine Chefs, die ständig vor dem Schreibtisch stehen. Man kann konzentriert und autonom arbeiten – vorausgesetzt, man kann es.

Ich habe gute acht Monate zu annähernd hundert Prozent im Homeoffice gearbeitet, von September 2017 bis Juni 2018. Diese Zeit war hochgradig produktiv. Obwohl ich eine volle 40-Stunden-Stelle hatte, konnte ich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit für unsere zwei Kinder fifty-fifty mit meiner Frau aufteilen. Die Form der Arbeit – Textbetreuung für ein alle zwei Monate erscheinendes Magazin – erlaubte eine gewisse Flexibilität. Ich konnte sowohl im Arbeitsleben auf private Notfälle als auch im Privatleben auf Arbeitsnotfälle schnell und gut reagieren. Dabei habe ich, durchaus branchenüblich, mehr gearbeitet als 40 Stunden pro Woche. Ich hatte aber nie das Gefühl, in Ansprüchen zu ertrinken, weder privaten noch dienstlichen noch in der Kombination aus beidem.

Es fehlt das nette Wort im Flur

Trotzdem hat mich das Homeoffice fertiggemacht – und ich frage mich bis heute: Warum eigentlich? Warum hatte ich dort so viele körperliche Ausfallerscheinungen wie nie zuvor und nie danach in meinem Berufsleben? Den ständigen Druck auf der Brust, das nervöse Zittern, die Magenprobleme, das flaue Gefühl in den Unterarmen. Gerade wollte ich endlich mal zum Arzt gehen, da nahm das alles ein jähes Ende, aus anderen Gründen

Seither habe ich das Homeoffice im Verdacht, bei all seinen Vorteilen auf Dauer eine potenziell brutale Arbeitsform zu sein. Zumindest für all jene, die nicht über das lässige Selbstmanagement versierter Freiberufler verfügen, sondern in der Ferne dem Rhythmus eines Büros unterliegen, den sie zugleich nur wenig beeinflussen können. Arbeit gibt es immer, die Ablenkung aber fehlt – ob nun willkommene oder zunächst als unwillkommen empfundene, ganz egal. Es fehlt das nette Wort im Flur, das kurze Gespräch in der Teeküche. Es fehlt vielleicht sogar die missmutige Chefin auf der anderen Seite der Tischinsel.

Und es ist auch etwas Anderes, ob man im Rahmen, den ein Büro setzt, mal einen weniger intensiven Tag hat, oder ob man sich in einer Umgebung befindet, in der alles, was nicht explizit Arbeit ist, sofort Nicht-Arbeit ist. Sich dort sinnvoll abzugrenzen, ist, soweit meine Erfahrung, wirklich schwer. Bei mir hat es dazu geführt, dass ich – das wäre meine Erklärung für die Ausfallerscheinungen – zu viel und zu intensiv gearbeitet, zu ablenkungslos auf Bildschirme gestarrt habe.

Das Homeoffice schafft Abgrenzungsprobleme

Dementsprechend ambivalent bin ich, wenn nun die Politik das Thema für sich entdeckt. Zuletzt brachte die SPD ein Recht auf Homeoffice ins Spiel. Ein Recht ist etwas Schönes. Dieses hier könnte allerdings einige sehr unangenehme Nebeneffekte haben: Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung machen Männer im Homeoffice zwei Überstunden in der Woche mehr als Männer im Betrieb und Frauen im Homeoffice kümmern sich  drei Stunden mehr um die Kinder als Frauen im Büro. Hinzu kommt laut Hans-Böckler-Stiftung: 45 Prozent Homeoffice-Nutzerinnen haben Probleme, abends von der Arbeit abzuschalten. Zum Vergleich: Ohne Homeoffice waren es nur 26 Prozent. Ob das jenem Drittel der Deutschen bewusst ist, die sich laut einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Homeoffice wünschen? Zweifel sind angebracht, schließlich hat derselben Befragung zufolge nur ein Achtel bisher die Möglichkeit dazu. 

Das Homeoffice hat also nicht nur mir persönlich zugesetzt, sondern schafft allgemein Abgrenzungsprobleme. Dazu fördert es Mehrarbeit und zementiert klassische Rollenverteilungen. Und möchte man wirklich ein Recht auf etwas haben, das vom Arbeitgeber auch als Druckmittel benutzt werden kann? Frei nach dem Motto: Ach, dein Kind ist krank? Dann mach doch Homeoffice! 

Im Englischen gibt es die Warnung: Be careful what you wish for! Sicher ist das Homeoffice toll, wenn eine Aufgabe besondere Ruhe und Konzentration erfordert. Einem ganzen Arbeitsleben dort muss man aber erst mal gewachsen sein.