"Das Sakrale hergebrachter Restaurants finde ich nicht besonders genussförderlich", sagt die Gastronomin Ilona Scholl im Podcast. © Jennifer Marke

"Die gestärkte Tischdecke, der Pinguinkellner, die weiß bemütze Gott in der Küche – das hätten wir nicht gut verkörpern können", sagt die Berliner Gastronomin Ilona Scholl im ZEIT-ONLINE-Podcast Frisch an die Arbeit über ihr Restaurant Tulus Lotrek. Sie leitet es gemeinsam mit ihrem Partner Max Strohe. Die Entscheidung gegen die üblichen Standards anspruchsvoller Restaurants sei vor allem eine Entscheidung aus Überzeugung gewesen. "Das Sakrale hergebrachter Restaurants finde ich nicht besonders genussförderlich", sagt die 36-Jährige.

"Ich wollte mal Ärztin werden, dann Journalistin, die aus Krisengebieten berichtet, dann wollte ich Musik machen. Aber es gab nichts, worauf ich lange mit Verve hingefiebert hätte."
Ilona Scholl, Gastronomin

Als Kind habe sie wechselnde Traumberufe gehabt, erzählt Scholl im Podcast: "Ich wollte mal Ärztin werden, dann Journalistin, die aus Krisengebieten berichtet, dann wollte ich Musik machen. Aber es gab nichts, worauf ich lange mit Verve hingefiebert hätte." Also habe sie an der Berliner Humboldt-Universität "Schöngeistiges" studiert, wie Scholl es formuliert: Musik-, Medien- und Literaturwissenschaft. Ihren Unterhalt verdiente sie schon damals mit der Kellnerei, die sie oft als angenehmes Gegengewicht zum Studium und als erdend erlebt habe, erzählt Scholl. Dennoch sei sie oft gefragt worden, ob sie nicht anders Geld verdienen könne. "In Deutschland gibt es diese Kellnerkultur wie in Italien, Frankreich und Österreich nicht", sagt Scholl. Das habe schon Zweifel ausgelöst: "Ich habe meine Begabung als nichts wert betrachtet."

Dabei habe sie schon immer eine Leidenschaft für Essen gehabt, erzählt sie im Podcast: "Essen ist etwas, das einen ergreift und für Momente von sich selbst entlastet und glücklich machen kann." Dieses Glück möchte sie ihren Gästen ermöglichen. "Man kann Dinge auch einfach nur essen, ohne dass sie mit Bedeutung aufgeladen sein müssen," sagt Ilona Scholl. Ihr Anspruch sei es, offen für jede Art von Publikum zu sein. "Du kannst deine Oma zu uns mitbringen, die gar keine Ahnung von fine dining hat."

Entsprechend sei sie nicht nur begeistert, sondern auch skeptisch gewesen, als das Tulus Lotrek Ende 2017 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. "Ich hatte die Sorge, dass der Stern uns den Gastraum zerhackt", sagt Scholl. Aber die Gäste des Lokals seien weiterhin eher unprätentiös und uneitel. Und die Anerkennung sowohl durch den Stern als auch die Auszeichnung als Gastgeberin des Jahres hätten ihr auch geholfen. "Ich arbeite nicht in einem Beruf, der mit viel Anerkennung gesegnet ist – das tut mir schon total gut."