Mit Mitte 20 kam die Mutter von Manik Chander aus Indien nach Deutschland, bekam vier Kinder und arbeitete später als Pflegerin. Wie hart das für sie gewesen sein muss, verstand die Tochter erst viele Jahre später. Chander sagt im Interview: "Viele migrantische Mütter erzählen ihren Töchtern nicht ihre Geschichte. Und wir vergessen nachzufragen." Gemeinsam mit Melisa Manrique hat Chander deshalb nun ein Buch herausgegeben, das elf Mütter mit Migrationshintergrund porträtiert. 

ZEIT ONLINE: Frau Chander, Ihre Mutter ist ausgebildete Lehrerin. Sie kam nach Deutschland, um Ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. In Deutschland konnte sie nur einen Job als ambulante Pflegerin finden. Was bedeutete das für Ihre Familie?

Manik Chander: Als Kind einer indischen Mutter habe ich mir manchmal eine "normale" Mutter gewünscht, eine Mutter ohne Migrationsgeschichte. In der Schulzeit musste ich bei Elternabenden mitgehen und übersetzen. Von meinen Klassenkameraden wurde ich geärgert, weil ich nach Curry roch. Und ich glaube, das habe ich meine Mutter spüren lassen. Als sie anfing zu arbeiten, mussten wir uns als Familie neu organisieren, weil meine Mutter viel weg war. Ich musste selbstständiger werden. Mir war damals aber klar, dass es gut für meine Mutter war, überhaupt zu arbeiten und unabhängiger zu werden.

Manik Chander, geboren 1987 in einer hessischen Kleinstadt, studierte Wirtschaftswissenschaften in Göttingen. Heute arbeitet sie als Projektleiterin für Programme für Geflüchtete an der Hochschule RheinMain. Ihr Buch "Migrant Mama", das sie zusammen mit Melisa Manrique herausgegeben hat, ist für den Deutschen Integrationspreis 2019 nominiert.

ZEIT ONLINE: Wie kam sie zurecht in der deutschen Arbeitswelt?

Chander: Meine Mutter ist ziemlich schnell, nachdem sie nach Deutschland gekommen war, schwanger geworden. Deshalb ist sie erst einige Jahre später in die Arbeitswelt eingestiegen. In Indien hatte sie als Lehrerin gearbeitet. Ihr Abschluss wurde in Deutschland aber nicht anerkannt, deshalb wurde sie Pflegerin. Sie lernte dadurch deutsch. Sie mochte die geordneten Strukturen, die Pünktlichkeit und die klaren Ansagen. Ab und zu hätte sie sich mehr Flexibilität gewünscht. Es war eine Belastung für sie, mit vier Kindern in Vollzeit zu arbeiten. Und als Pflegerin begegnete sie immer mal wieder Patienten, die sich – zumindest zu Beginn – nicht von ihr behandeln lassen wollten.

ZEIT ONLINE: Sie selbst hangeln sich heute von einem projektbezogenen Vertrag an der Uni zum nächsten. Nicht gerade die berufliche Situation, die sich Eltern mit Migrationshintergrund für ihre Töchter wünschen, oder?

Chander: Nein. Ich hatte genau wie andere Töchter, die ich kenne und deren Mütter aus Äthiopien, dem Irak oder Mexico kommen, als Kind oft ein Gefühl von Bringschuld. Unsere Eltern haben viel aufgegeben, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie haben ihre Familie, ihre Sprache und oft angesehene Berufe hinter sich gelassen. Als Kind steht man dadurch unter Druck, selbst im Leben etwas leisten zu müssen.

"Noch heute erinnert mich meine Mutter daran, dass ich nicht vergessen soll, dass ich mich auch finanzieren können muss."
Manik Chander

ZEIT ONLINE: Was sagt Ihre Mutter dazu?

Chander: Als ich Teenager war, hieß es: "Manik, du studierst Ingenieurswesen, Medizin oder Jura, nichts anderes." Sie hat sich lange Sorgen gemacht, dass aus mir nichts Richtiges wird. Noch heute erinnert sie mich daran, dass ich nicht vergessen soll, dass ich mich auch finanzieren können muss. Was ich ja kann. Aber sie sagt jetzt: "Solange du glücklich bist und von dem leben kannst, was du tust, ist mir das eigentlich egal."

ZEIT ONLINE: Wie hat Sie die berufliche Situation Ihrer Mutter beeinflusst?

Chander: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, nicht mein eigenes Geld zu verdienen. Im Unterschied zu meiner Mutter suche ich aber in meiner Arbeit Sinn. Sie soll mich inhaltlich erfüllen. Das ist ein Luxus, den meine Mutter natürlich nicht hatte. Sie hat sich die Frage gar nicht erst gestellt, sie konnte sich nicht aussuchen, was sie macht.