Auf vier Chirurgen kommt in Deutschland nur eine Chirurgin, so die Statistik der Bundesärztekammer von 2018. Auch Heike Kielstein wollte eigentlich Chirurgin werden, stattdessen ging sie in die Forschung und Lehre. Heute leitet sie unter anderem das Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Halle-Wittenberg – und setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen Karriere in der Medizin machen.

ZEIT ONLINE: Frau Kielstein, wie kommt es, dass so wenig Ärztinnen in der Chirurgie arbeiten? In den 78 herzchirurgischen Abteilungen der deutschen Krankenhäuser findet sich nicht eine einzige Chefärztin.

Heike Kielstein: Die Chirurgie ist ein Fach, in dem körperlicher Einsatz nötig ist. Es ist teilweise sehr handwerklich, man braucht enorm viel Kraft, besonders in der Unfallchirurgie und in der Herzthoraxchirugie: Je nach Operation muss man lange stehen – bis zu 8 oder 10 Stunden. Parallel zu der großen Konzentration, die man für die eigentliche Operation benötigt – richtige Schnittsetzung, zurechtfinden mit sehr individuellen anatomischen Gegebenheiten –, muss man oft viel Kraft aufwenden, um beispielsweise die Bauchdecke auf- und wegzuhalten. Da kommen mehrere Kilo Zugkraft zusammen – für viele Minuten, ohne zu wackeln oder die Hand zu lockern. Hinzu kommt das Klima in der OP. Es müssen schnelle Anweisungen gegeben und schnell Entscheidungen getroffen werden. Alle sind unter Stress. Besonders in der Herzchirurgie hängt das Leben des Patienten oft von einem guten Ablauf der OP ab. Da hat man keine Zeit, sich freundlich auszudrücken. Manchmal wird einfach nur geschrien und es ist stressig. Das muss man hinunterschlucken können. Der dritte Punkt ist die Tatsache, dass so wenige Frauen in der Herz- oder Unfallchirurgie arbeiten. Das ist für andere Frauen abschreckend, weil sie wissen, dass kaum Kolleginnen da sind, die sie unterstützen könnten. Es ist ein Teufelskreis.

ZEIT ONLINE: Sie jedoch wollten in die Chirurgie gehen. Dann sind sie aber doch Anatomin geworden. Warum?

Heike Kielstein, Jahrgang 1970, leitet das Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie das Weiterbildungszentrum für klinische Anatomie. Sie ist Fachärztin für Anatomie und forscht unter anderem zu Adipositas und natürlichen Killerzellen. Kielstein war Siegerin in der Kategorie Naturwissenschaften/Medizin bei dem bundesweiten Wettbewerb Professoren des Jahres 2017 der Unicum Stiftung.

Kielstein: Ich wollte Chirurgin an einer Universitätsklinik werden und dort auch Forschung und Lehre machen. Ich habe daher in der Viszeralchirurgie (Chirurgie des Bauchraumes und der Bauchwand, der endokrinen Drüsen und der Weichteile, die Redaktion) mein PJ, das Praktische Jahr, gemacht, in Unikliniken in Frankreich und in Deutschland. Die Arbeitsbelastung war enorm, denn an Unikliniken dauern die Operationen meistens sehr lang. Wir standen schon mal zehn Stunden im OP, danach waren wir kaputt. Obwohl ich sehr gerne arbeite und auch sehr leistungsorientiert und zielstrebig bin, habe ich gesehen, dass daneben nicht auch noch Forschung und Lehre zu schaffen ist. Aber ein Leben ohne diese konnte ich mir nicht vorstellen. Auch wenn die Chirurgie die Disziplin ist, die mich am meisten interessiert.

ZEIT ONLINE: Es war also nicht der raue Umgangston, der sie gestört hat?

Kielstein: Die Stimmung in der OP war für mich nicht das Problem. Ich war bei den Operationen sehr gerne dabei. Es waren die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen. Wir reden hier von 12- bis 14-Stunden-Tagen. Wobei ich mir auch kaum vorstellen kann, wie die Arbeitsbedingungen an der Unichirurgie anders organisiert werden können. Deswegen entschied ich mich, Anatomin zu werden. Weil ich mich dann nur auf Forschung und Lehre konzentrieren konnte.

ZEIT ONLINE: In dem Artikel Der große Unterschied aus der ZEIT wird berichtet, dass ein Chefarzt in der Herzchirurgie im Bewerbungsgespräch Ärztinnen fragt: "Möchten Sie Kinder? Was macht Ihr Mann? Wie flexibel ist der?" Zu einer Assistenzärztin soll er im Bewerbungsgespräch sogar gesagt haben: "Wir bevorzugen Männer." Was denken Sie über solche Äußerungen?

Kielstein: Solche Chefärzte können einem nur leidtun, denn sie scheinen nicht zu wissen, wie wertvoll ein gendergemischtes Team ist. Sowohl die Zufriedenheit der Patienten, als auch die Arbeitszufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte ist definitiv besser, wenn Männer oder Frauen nicht unter sich sind. Frauen gehen mit Patienten und auch mit Alltagsstress anders um, sie haben einen anderen Blickwinkel. Sie sind nicht immer die Mitfühlenderen, aber sie haben ein besseres Verständnis für bestimmte Situationen. Ein Beispiel: Wenn in einem Hörsaal zur gleichen Zeit zwei Vorlesungen gebucht sind, regen sich die Männer häufig auf und sagen: "Ich habe zuerst gebucht." Dann kommt eine Frau herein und sagt: "Ich komme gerade von nebenan, der Hörsaal ist ebenfalls frei. Wir gehen rüber." Frauen können Druck rausnehmen und pragmatische Lösungen anbieten.

ZEIT ONLINE: Wissen das nicht auch die Männer zu schätzen?

Kielstein: Ja, auch sie merken, dass etwa auch der Umgangston durch uns Frauen viel angenehmer wird. Das stelle ich besonders in den Gremien fest, in denen ich tätig bin. Und die Männer haben auch verstanden, dass wir andere Ideen einbringen, dass sie durch uns etwas gewinnen. In 20 Jahren wird es keine chauvinistischen Chefärzte mehr geben können, schon weil die vielen Absolventinnen mit Recht auch darauf achten, welche Chefs verschrien sind, und bei denen bewerben sie sich dann nicht.

ZEIT ONLINE: Denken Sie, dass sich dann auch die berüchtigte Frage nach dem Kinderwunsch erledigt haben wird?

Kielstein: Dass Frauen nun einmal die Kinder bekommen, ist in der klinischen Medizin natürlich nach wie vor ein Problem. Denn es gibt viel zu wenig Stellen und meistens keine Puffer, um Arbeit familienfreundlich zu organisieren. Oft gibt es etwa keine Schwangerschaftsvertretungen und alle Nichtschwangeren müssen dann zusätzlich Arbeit übernehmen. Das regt mich wahnsinnig auf. Da muss man sehr deutliche Worte an die Politik richten: Wenn Krankenhäuser mit derart wenigen Stellen ausgestattet sind, muss man sich nicht wundern, dass Chefärzte und -ärztinnen ungern Frauen einstellen und sagen: Ich habe gar nichts gegen Frauen, aber ich habe einfach zu wenig Leute.

ZEIT ONLINE: Wie würde sich ein ausgeglichenes Verhältnis von Forscherinnen und Forschern auf die Wissenschaft auswirken?

Kielstein: Ich glaube, dass Frauen sich teilweise andere Themen suchen. Im Bereich gendersensibler Medizin fällt das besonders auf. Gendersensible Medizin bedeutet, dass man Krankheiten und Therapien nicht pauschal betrachtet. Vielmehr schaut man, was eine Krankheit mit einem weiblichen Körper macht und was mit einem männlichen. In der Kardiologie gibt es viele Beispiele dafür, dass Patientinnen andere Symptome haben als die männlichen Patienten. Das ist eine Forschung, die Frauen mehr anspricht. Vor 10, 15 Jahren sind sie für ihre Arbeit noch belächelt worden. Jetzt soll in vielen Fächern gendersensibel unterrichtet werden. Das ist ein großes Thema geworden.

ZEIT ONLINE: Im Medizinstudium gibt es mehr weibliche als männliche Studierende. Die Frauen schließen ihr Studium mit besseren Noten ab als die männlichen Kollegen (wie die ZEIT berichtet). Dennoch machen weniger Frauen Karriere. Woran liegt das?

Kielstein: Als ich studiert habe, lief das bei vielen meiner Kommilitoninnen etwa so, dass sie sich schon im Praktischen Jahr, mit ungefähr 24 Jahren, Wahlfächer gesucht haben, mit denen sie sich gut niederlassen, also eine eigene Praxis eröffnen konnten. Das waren beispielsweise Fächer wie Kindermedizin. Nur selten wählten sie hingegen die Fächer Pathologie, Rechtsmedizin, Chirurgie oder sehr wissenschaftliche Fächer wie die Humangenetik.