Ihr Bürojob bringt Sie noch ins Grab – Seite 1

Denken wir an Jobs, die schlecht für die Gesundheit sind, fallen den meisten körperliche Berufe ein. Vielleicht der Dachdecker, der in einem unaufmerksamen Moment den Halt verliert. Der Bauarbeiter, der an einer Staublunge stirbt, weil er jahrzehntelang Asbest-verseuchte Gebäude saniert hat. Oder die Pflegekraft, die Rückenschmerzen vom vielen Heben bekommt.

Die Risiken körperlicher Arbeit sind bekannt. Doch wer denkt schon bei gefährlicher Arbeit an diejenigen, die täglich in ihrem klimatisierten Büro sitzen und sich höchstens am Druckerpapier schneiden können? Auch im Büroalltag haben wir uns viele Verhaltensweisen angewöhnt, die uns langfristig schaden – teilweise sogar unser Leben verkürzen.

Überstunden können gefährlich werden

Wer zu viel arbeitet, dem könnte das gefährlich werden. Statistisch gesehen steigt das Risiko eines Unfalls am Arbeitsplatz oder auch auf dem Heimweg, je mehr Überstunden ein Arbeitnehmer oder eine Angestellte leistet. Und zwar egal, ob der Arbeitsplatz eine Werkstatt oder ein Bürogebäude ist. Das ergab eine aktuelle Auswertung von mehr als 240 Studien zum Einfluss der Arbeit auf die Gesundheit, die Forscher der Universität Hongkong durchgeführt haben. Mit den Arbeitsstunden steigt laut der Auswertung auch das Risiko für Typ-2-Diabetes und psychische Probleme wie Depressionen oder Angstzustände. Wer länger arbeitet, lebe demnach insgesamt ungesünder: Vielarbeiter würden häufiger rauchen, mehr Alkohol trinken, sich schlechter ernähren und sich weniger bewegen.

Wer am Tag besonders lange arbeitet, schläft außerdem oft schlecht. Und Schlafstörungen tragen wiederum dazu bei, dass mehr Unfälle passieren: Die lange Zeit am Arbeitsplatz macht müde, die Konzentration lässt nach. Besonders gefährlich wird es, wenn Arbeitnehmer zwölf oder mehr Stunden am Tag oder mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten. In einer Studie von 2005 berechneten US-amerikanische Forscherinnen und Forscher der Massachusetts Medical School, dass Berufstätige, die regelmäßig Überstunden machen, einem um 61 Prozent höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind.

Auch für diejenigen, die trotz Überstunden keinen Unfall bauen, erhöhen sich die Gefahren für die Gesundheit. Für alle, die die gesetzliche Arbeitszeit von acht Stunden am Tag regelmäßig überschreiten und mehr als 55 Stunden die Woche arbeiten, steigt das Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu bekommen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die 2015 im medizinischen Fachblatt The Lancet erschien

Stress erhöht das Risiko für Herzinfarkte

Wenn der Arbeitstag nicht nur lang ist, sondern zudem stressig, belastet das zusätzlich die Gesundheit. Je häufiger und länger Berufstätige gestresst sind, desto mehr Mühe haben sie, sich von den Anforderungen des Jobs zu erholen. Der Körper bleibt dauerhaft in Alarmbereitschaft, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt. Auch für gestresste Arbeiterinnen und Arbeiter steigt das Risiko, eine Herzkrankheit oder einen Schlaganfall zu bekommen. Das zeigt eine Metaauswertung von 27 Studien, die in Japan, Europa und den USA durchgeführt wurden.

Dabei gibt es ein kleines Detail, das den angeschlagenen Arbeitszombie vom energischen Vielarbeiter unterscheidet: Wenn die Arbeit überfordert – also wenn die Ansprüche stets hoch sind und die Möglichkeiten, diesen gerecht zu werden, gering – ist der Stress schädlich. Es gibt aber auch positiven Stress: Leute die eine anspruchsvolle Aufgabe haben, sich dieser dennoch gewachsen fühlen, müssen sich weniger Sorgen um ihre Gesundheit machen – sogar wenn sie dafür oft unter Strom stehen.

Je länger und häufiger man arbeitet, desto mehr Erholung braucht man

Je häufiger Menschen ihre Arbeit mit nach Hause nehmen, desto seltener haben sie die Möglichkeit, den Job auszublenden. Wenn Arbeitnehmer auch nach Feierabend berufliche E-Mails beantworten, schon mal den nächsten Arbeitstag vorbereiten oder etwa Telefonate mit Vorgesetzten führen, hat das spürbare Folgen: In einer repräsentativen Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin berichteten Arbeitnehmer, die noch nach Feierabend für Anfragen erreichbar waren, häufiger von Beschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Niedergeschlagenheit als Angestellte, die nach Feierabend nicht mehr Kollegen und Chefinnen zur Verfügung standen.

"Es reicht schon, wenn ich weiß, dass ich kontaktiert werden könnte. Dann habe ich es schwerer, mich gedanklich von der Arbeit zu lösen", sagt Nils Backhaus von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Er forscht unter anderem dazu, wie sich Arbeitszeit auf die Gesundheit auswirkt, und betont: Je länger und häufiger man arbeitet, desto mehr Zeit sei nötig, um sich davon zu erholen. Ab einem gewissen Pensum steige die benötigte Erholungszeit exponentiell. 

Wer weniger urlaubt, stirbt früher

Auch beim Thema Urlaub können fleißige Berufstätige einiges falsch machen. Nämlich: zu wenig davon machen. Einige Studien geben Hinweise darauf, dass Menschen, die weniger Urlaub machen, früher sterben als Vielurlauber – egal, ob sie zuvor auf einen gesunden Lebensstil geachtet hatten oder nicht. Diesen Zusammenhang entdeckten erstmals Forschende der Universität Helsinki, die eigentlich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei rund 1.200 finnischen Geschäftsmännern untersuchten.

Fünf Jahre lang hatten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachtet, wie die Männer lebten, sich ernährten und bewegten. Das Ergebnis: Gerade von den Probanden, die sich gut ernährten und auch sonst eher gesund lebten, waren deutlich mehr gestorben als erwartet. Und die hatten eines gemeinsam: Sie hatten deutlich seltener Urlaub genommen als der Rest. Final belegen konnten weitere Studien diesen Zusammenhang bisher nicht. Das könnten erst Studien, die deutlich mehr Probanden hätten und auch weibliche Arbeitnehmerinnen berücksichtigen würden.

Bitte aufstehen

Lesen Sie diesen Artikel gerade im Sitzen – auf der Arbeit, am Schreibtisch oder in der Bahn nach Hause? Falls ja, sollten Sie jetzt dringend aufstehen. Wir verbringen viel zu viel Freizeit im Sitzen, arbeiten zu viel im Sitzen und dazwischen stehen wir viel zu selten und zu kurz auf. Zu viel Zeit auf Stühlen und Sofas zu verbringen, kann aber zum Problem werden, denn: "Es steigert das Risiko für chronische Erkrankungen sowie das Risiko für eine frühzeitige Sterblichkeit", sagt die Forscherin Ute Latza von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Am deutlichsten seien Zusammenhänge mit Sterbefällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit Neuerkrankungen von Typ-2-Diabetes erkennbar. Wer mehr als elf Stunden am Tag sitzend verbringt, hat ein 40 Prozent höheres Sterberisiko, als jemand, der weniger als vier Stunden am Tag sitzt. Darauf weist eine Studie australischer Forscher hin.

Gar nicht zu arbeiten ist übrigens ebenfalls ungesund. Es gibt viele Hinweise dafür, dass es oft unsere Arbeit ist, die uns gesund und glücklich macht – sogar wenn es nur ein paar Stunden in der Woche sind. Eine neue Untersuchung von Juni 2019 zeigte beispielsweise, dass schon acht Arbeitsstunden pro Woche reichen, um das psychische Wohlbefinden zu verbessern. Und überhaupt sei gut gestaltete Arbeit eine Ressource, sagt Ute Latza. Arbeitslosigkeit fördere statistisch gesehen gesundheitsgefährdendes Verhalten wie Rauchen oder Alkoholkonsum.