ZEIT ONLINE: Die Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens befürchten, dass viele Menschen nicht mehr arbeiten, wenn sie ein Grundeinkommen bekämen, und dass es nicht finanzierbar sei.

Kovce: Arbeitszwang ist ein Motivationskiller, nicht Freiwilligkeit. Und teuer zu stehen kommt uns nicht die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens, sondern die Finanzierung einer ökonomisch und moralisch längst überholten Sozialbürokratie. Sie stammt noch aus dem Zeitalter der Industrialisierung und begreift sich eigentlich als Besserungsanstalt für angeblich Faule und Dumme, die sie observiert und sanktioniert. Siehe Hartz IV.

ZEIT ONLINE: In dem Sammelband, den Sie gerade mit einem Kollegen herausgegeben haben, beschäftigen Sie sich mit der Geschichte der Grundeinkommensidee. Woher stammt sie?

Kovce: Das Grundeinkommen findet sich schon vor über 500 Jahren in dem Roman Utopia des britischen Humanisten Thomas Morus angedeutet. Anstatt Diebe – wie damals üblich – hinzurichten, wollte Morus den Ursachen des Diebstahls entgegenwirken, also Armut und Elend beseitigen. In der Folge ist das Grundeinkommen immer wieder an markanten historischen Bruchstellen im Gespräch: Im Zuge der Amerikanischen und der Französischen Revolution, während der 1848er-Revolutionen, vor und nach den zwei Weltkriegen, rund um den Mauerfall. Spätestens seit der Schweizer Volksabstimmung 2016 wird das Grundeinkommen weltweit diskutiert und immer populärer.

"Wenn wir den anderen die Freiheit zugestehen, die wir für uns selbst beanspruchen, stehen wir dem bedingungslosen Grundeinkommen nicht länger im Weg"

ZEIT ONLINE: Woran zeigt sich das?

Kovce: Daran, dass das Grundeinkommen heutzutage politisch wirklich ernst genommen wird. Kein Wunder: Während die Idee ein langjähriges Nischendasein in intellektuellen Kreisen fristete, befürwortet sie inzwischen schon die Hälfte der Deutschen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es, dass die Idee des Grundeinkommens gerade jetzt so populär ist?

Kovce: Digitalisierung und Individualisierung tragen ihren Teil dazu bei, dass das Grundeinkommen immer populärer wird. Digitalisierung heißt, dass Menschen immer weniger als Maschinen, als kleine Rädchen im großen Getriebe benötigt werden. Individualisierung heißt, dass Menschen immer mehr als Persönlichkeiten, als Individualitäten gefragt sind. Das Grundeinkommen erscheint in diesem Kontext als humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt.

ZEIT ONLINE: Warum wurde das Grundeinkommen bislang nicht umgesetzt?

Kovce: Weil wir vor dem letzten Schritt noch immer zurückschrecken. Erst wenn wir den anderen die Freiheit wirklich zugestehen, die wir für uns selbst längst in Anspruch nehmen, stehen wir dem bedingungslosen Grundeinkommen nicht länger im Weg.