Meistens beginnt es schon kurz nach dem Aufstehen: Das Gefühl, fast erschlagen zu werden von der Fülle und Komplexität der Informationen, die auf einen einprasseln, sobald man nach dem Handy greift. Genauso ist es mit den Entwicklungen, die im digitalen Bereich stattfinden, und bei denen es kaum möglich scheint, Schritt zu halten. Wer soll das alles noch mitbekommen oder gar verstehen? Selbst gestandene Erwachsene wünschen sich manchmal, Entscheidungen einfach an jemanden abgeben zu können, auf den man sich verlassen kann. An einen Profi, der sich um alles kümmert, und bei dem man sich sicher sein kann, dass alles in guten Händen ist – wäre das nicht herrlich?

Die Digitalisierung ist nicht schuld an diesem Gefühl der Überwältigung – schließlich schrieb Jürgen Habermas schon 1985 von der "neuen Unübersichtlichkeit" der Welt. Dennoch ist der Markt der Möglichkeiten in den vergangenen Jahren schier endlos geworden, und damit auch die Gefahren der Verwirrung und der falschen Entscheidungen. Und weil es eben ein Markt ist, gilt oft: "caveat emptor", also: Der Kunde trägt im Zweifelsfall die Verantwortung. Aber was, wenn der Kunde keine Ahnung hat, worum es geht? Was, wenn es um komplexe digitale Produkte geht, um Software oder ganze Solutions, deren Funktionsweisen man nur mit extrem großem Fachwissen wirklich beurteilen kann?

Die zeitliche Begrenztheit des menschlichen Lebens

Tritt man einen Schritt zurück und löst sich vom Fokus auf die Digitalisierung, dann zeigt sich: Es ist keine neue Konstellation, dass die Masse der ahnungslosen Laien von spezialisierten Experten abhängt, deren Kenntnisse sie kaum beurteilen kann. Ein Beispiel ist die Ärzteschaft: Für Laien steht extrem viel auf dem Spiel, aber ob die Ärztin ihre Arbeit gut macht, kann man oft kaum beurteilen. Dass wir von der Expertise anderer abhängen, ist schlicht eine Frage der zeitlichen Begrenztheit des menschlichen Lebens: Wir können uns nicht in all die Bereiche, von denen wir funktional abhängen, bis in die letzten Details einarbeiten.

Die institutionelle Lösung, die die Menschheit dafür gefunden und in vielerlei Variationen durchgespielt hat, ist die "Professionalität". Im Englischen hat der Begriff eine schärfere Kontur als im Deutschen, doch der Grundgedanke ist der gleiche: Wer davon lebt, Expertenwissen für Laien zur Verfügung zu stellen, muss die moralische Verantwortung dafür tragen, dies nicht zu ihrem Schaden zu tun. Externe Kontrollen, so wichtig sie sind, können dies nicht allein sicherstellen. Hinzu muss eine gewisse Haltung kommen, die im medizinischen Bereich durch den hippokratischen Eid ausgedrückt wird. Die "professionelle" Haltung ist nicht nur eine Frage der individuellen Moral, sondern ist auch sozial verankert: in Berufsvereinigungen, in die man aufgenommen wird und in denen Anerkennung für gute Leistungen ausgesprochen wird. Viele Professionen regulieren sich in hohem Maß selbst, was vor allem daran liegt, dass nur sie selbst wirklich beurteilen können, was in ihrem Gebiet gute Arbeit ist, wo die nächsten Herausforderungen liegen und wie man auf sie reagieren sollte.

Dieses Prinzip der Professionalität und Berufsverantwortung könnte auch bei der digitalen Transformation helfen, die Komplexität zu bewältigen. Zum Beispiel durch verantwortliche "Data Scientists" und Informatiker, die sich nicht nur dem Markt, sondern dem Gemeinwohl und dem Interesse ihrer Kunden verpflichtet fühlen. Könnte das nicht helfen, mit all den Veränderungen, die Big Data in Arbeitswelt und Gesellschaft bringt, viel verantwortlicher umzugehen? Wäre das nicht der Weg, um eine Digitalisierung, bei der menschliche Belange im Mittelpunkt stehen, nicht nur in Sonntagsreden zu beschwören, sondern auch praktisch umzusetzen?

Wenn schwarze Schafe in den eigenen Reihen geduldet werden

Aber das Prinzip der Professionalität hat auch seine Schattenseiten. Da ist die Gefahr, dass Klüngel und Netzwerke vorherrschen, bei denen die immer gleichen Menschentypen von älteren Mentoren in den entsprechenden Beruf hineinsozialisiert werden, ohne dass die gesellschaftliche Vielfalt widergespiegelt würde. Da ist das Risiko, dass schwarze Schafe in den eigenen Reihen geduldet werden, weil man den Reputationsverlust für die Profession insgesamt zu sehr fürchtet, als dass man ihnen Einhalt bieten würde. Und da ist die Abhängigkeit, in die ganze Gesellschaften geraten können, wenn eine kleine Gruppe von Menschen die alleinige Oberhoheit über bestimmte Wissensgebiete besitzt. Mit anderen Worten: Bei Professionen stellt sich die Frage, die Platon in Bezug auf politische Herrscher stellte: Wer bewacht die Wächter?