Kokain ist die illegale Aufputschdroge, die in Europa am häufigsten benutzt wird. Der Europäische Drogenbericht 2018schätzt, dass 3,5 Millionen Europäer zwischen 15 und 64 Jahren in den vergangenen zwölf Monaten Kokain konsumiert hätten. Für eine kurze Zeit macht die Droge wacher und lässt den Hunger vergessen. Langfristig ruiniert sie aber den Schlaf und macht antriebslos. Kokainabhängige Arbeitnehmer geraten so in eine Abwärtsspirale: Sie nehmen die Droge, um leistungsfähiger zu sein. Doch auf Dauer leidet ihre Arbeit. Das führt zu mehr Druck und einem höheren Drogenkonsum. Hier erzählt Lennart*, 30 Jahre, der Kokain nahm, um mit seinem Arbeitsalltag als Referendar an einer Hauptschule klarzukommen. Dieses Protokoll ist Teil des Schwerpunkts zu Drogen im Alltag.

Es gab Tage, da wäre ich im Unterricht fast zusammengeklappt. Die schlimmste Zeit meiner Drogenabhängigkeit war während meines Referendariats, das vor zweieinhalb Jahren angefangen hat. Ich erinnere mich noch gut an einen Montag kurz vor den Sommerferien im vergangenen Jahr. Ich wollte in einer Chemiestunde zeigen, wie man Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen kann. Ich hatte schon das Arbeitsblatt ausgeteilt und wollte gerade den Versuch mit dem Zersetzungsapparat starten – da wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich begann zu schwitzen und bekam kein Wort mehr heraus. Minutenlang stand ich einfach nur da, voller Panik und Verzweiflung. Irgendwann schaffte ich es, mich hinzusetzen und tief durchzuatmen. Die Stunde habe ich noch irgendwie zu Ende gebracht. Aber auf meine Schüler achten oder auf sie eingehen, das konnte ich an dem Tag nicht mehr.

Zu dem Zeitpunkt war ich seit knapp sechs Monaten drogenabhängig. Ich hatte wieder einmal das ganze Wochenende über Kokain genommen und seit Freitag nur vier Stunden geschlafen. An solchen Montagen fühlte ich mich komplett ausgelaugt. Hätte ich aufmerksamere Schüler, dann hätten mich bestimmt Eltern beim Elternsprechtag auf meine schlechte Verfassung angesprochen. Doch ich arbeite an einer Hauptschule in einem Brennpunktstadtteil. Viele meiner Schüler und Schülerinnen lernen gerade erst richtig Deutsch, kaum jemand macht die Hausaufgaben. Damit sie im Unterricht aufpassen, müssen sie merken, dass ich mich für sie interessiere. Dummerweise hatte ich auf Kokain für nichts und niemanden Aufmerksamkeit, nur noch für mich selbst. Ich war zwar nie im Unterricht high, sondern habe immer erst nach Schulschluss meine Lines gezogen. Doch die Arbeit litt trotzdem extrem unter meinem Konsum. Ich wusste, dass ich mich meinen Schülern gegenüber unfair verhielt, weil ich oft schlechten Unterricht machte. Aber das Verlangen, nach Feierabend alles zu vergessen, war stärker als das schlechte Gewissen.

"Abends nahm ich Kokain, um die schwierigen Schüler und die viel zu volle Arbeitswoche zu verdrängen."
Lennart*, 30 Jahre

Das erste Mal Kokain genommen habe ich in einer Kneipe, in der ich vor dem Referendariat kellnerte. Das Team nahm alle möglichen Drogen. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und wollte unbedingt wissen, wie Koks wirkt. Die Droge schaltete bei mir alle Ängste und Zweifel aus, das fand ich sehr reizvoll. Aber weil Kokain sehr teuer ist, habe ich nur selten etwas genommen. Regelmäßig konsumiert habe ich erst kurz nach Beginn meines Referendariats, als der Stress in der Schule zunahm.

Der Berufsstart war für mich ein ziemlicher Realitätsschock. Lehrer zu werden, war für mich eine pragmatische Entscheidung: Ich hatte Spaß an Naturwissenschaften und wollte eine sichere Arbeitsstelle. Doch im Referendariat merkte ich schnell, wie anstrengend der Alltag als Lehrer ist. Ich war oft überfordert. Kollegen erzählten mir, dass eine Vollzeitstelle als Lehrer schnell auf 50 Wochenstunden und mehr hinausläuft. An meiner Schule kamen viele soziale Probleme noch oben drauf. Viele Eltern sind arbeitslos und können die Kinder kaum beim Lernen unterstützen. Abends nahm ich Kokain, um die schwierigen Schüler und die viel zu volle Arbeitswoche zu verdrängen. Mein Gehalt reichte nun, um mehrfach pro Woche neuen Stoff zu kaufen.

Zuerst habe ich Kokain nur zum Wachbleiben genommen. Zum Beispiel, wenn ich wichtige Vorbereitungen viel zu lange vor mir hergeschoben hatte und eine Nachtschicht einlegen musste. Am Anfang meiner Sucht ließ sich die Droge erschreckend gut in meinen Arbeitsalltag integrieren. Sie hinterließ keinen Kater wie Alkohol. Wenn ich abends konsumiert habe und lange aufblieb, war ich am nächsten Tag trotzdem relativ fit. Mit der Zeit machte mich das Kokain aber dennoch kaputt.

"In den letzten Monaten meines Referendariats habe ich oft an fünf Tagen in der Woche Koks genommen."

Nach einem Jahr kokste ich fast täglich. Sobald ich nach der Schule nach Hause kam, nahm ich die Droge und lag den Rest des Tages im Bett. Statt Unterricht vorzubereiten, hörte ich stundenlang Hörbücher oder schaute Filme und Serien im Internet. Am nächsten Tag stand ich dann oft völlig planlos vor meiner Klasse. Hatte zu wenig Kraft, mich durchzusetzen oder konkrete Aufgaben zu stellen. Und je schlechter ich vorbereitet war, umso mehr lenkten die Schüler sich untereinander ab und hören überhaupt nicht mehr zu. Und ich brauchte noch mehr Energie, um wieder Struktur in den Unterricht zu bekommen. Viele meiner Schulstunden endeten deshalb im Chaos. Als Referendar musste ich aber alle paar Wochen Unterrichtsstunden vor Prüfern präsentieren. Diese Stunden waren der pure Stress und ich bekam sie nur so gerade eben über die Bühne. Der Druck und die Angst zu versagen nahmen immer weiter zu – und mit ihnen mein Konsum. In den letzten Monaten meines Referendariats habe ich oft an fünf Tagen in der Woche Koks genommen. Die Sucht kostete mich zu der Zeit rund 1.000 Euro monatlich, mehr als die Hälfte meines Gehalts.