Liz von Wagenhoff und Philip Siefer sind verheiratet und arbeiten beide für die Kondommarke Einhorn. Sich gemeinsam in ihrem Job zu verwirklichen, war in den letzten Jahren ein wichtiger Bestandteil ihrer Beziehung. Er als Gründer des Start-ups und sie als Artdirektorin. Bei Einhorn sollen Arbeit und Leben nicht voneinander getrennt werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen deshalb selbst entscheiden, wann, wie lange und wo sie arbeiten. Hierarchien gibt es nach Angaben des Unternehmens mittlerweile nicht mehr. Vor neun Monaten wurden Liz von Wagenhof und Philip Siefer Eltern. Erleichtert ihr Arbeitsmodell die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Oder scheitern sie an ihrem eigenen Konzept?

ZEIT ONLINE: Vor neun Monaten wurde Ihr Sohn Vico geboren. Wer von Ihnen arbeitet, wer kümmert sich ums Baby?

Liz von Wagenhoff: Da Vico noch nicht in einer Kita ist, kümmern Philip und ich uns gemeinsam. Ich habe nach der Geburt vier Monate Pause gemacht und bin seit Februar wieder im Büro. Seitdem schaffe ich es, zusammengerechnet zwei Tage in der Woche zu arbeiten. Wenn ich arbeite, nehme ich das Baby mit ins Büro und Philip kümmert sich in der Zeit um ihn. Zwischendurch stille ich.

ZEIT ONLINE:
Haben Sie feste Absprachen, wer sich wann kümmert?

Wagenhoff: Jein, wir setzen uns jeden Sonntag hin und schauen, wer wann welchen Termin hat, und dann wird verhandelt – wie auf dem Bazar.

Philip Siefer: Diese Woche haben wir es so gemacht: Montag und Dienstag sind wir beide im Büro. Bis etwa 17 Uhr gehören diese beiden Tage Liz. In der Zeit passe ich auf das Baby auf, telefoniere aber und gehe in Meetings. Am Mittwoch moderiere ich von 18 bis 22 Uhr eine Veranstaltung, da passt Liz auf. Wir versuchen, das Baby immer überall mitzunehmen, aber auf der Bühne oder jetzt im Interview wäre es ein bisschen albern. Jeden Donnerstag habe ich einen festen Strategietag mit Waldemar, meinem Mitgründer, da bleibt Vico auch bei Liz und freitags ist unser Familientag, da haben wir frei.

ZEIT ONLINE: Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Wagenhoff: Ich versuche, relativ streng die 16 Stunden einzuhalten, mehr schaffe ich mit dem Baby nicht.

Siefer: Ich komme vielleicht auf 14 Stunden Arbeit, zusammen mit Vorträgen sind es dann zwischen 20 bis 30 Stunden in der Woche.

"Viele Eltern sagen, dass man seine Zeit viel effektiver nutzt. So ist es auch bei mir."
Philip Siefer

ZEIT ONLINE: Wie war es vor der Geburt?

Wagenhoff: Da wir bei Einhorn keine feste Arbeitszeitregelung haben, ist das schwer zu sagen. Ich war meistens so um 11 Uhr im Büro, hatte vorher schon zu Hause in Ruhe kreativ gearbeitet und blieb bis 19 Uhr. An manchen Tagen, zum Beispiel vor Deadlines, aber auch sehr viel länger. Wahrscheinlich zwischen 30 und 40 Stunden in normalen Wochen und 50 und mehr Stunden in stressigeren Wochen.

Siefer: In der Gründungsphase von Einhorn habe ich 60 bis 70 Stunden wöchentlich gearbeitet. Das wurde weniger, aber genau wie bei Liz war die Arbeitszeit davon abhängig, was gerade anstand. Im Durchschnitt vielleicht so 50 Stunden in der Woche.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten heute also beide deutlich weniger. Wer vertritt Sie im Büro?

Wagenhoff: In unserem Designteam haben wir zwei neue Designerinnen eingestellt. Wir brauchten aber eh Unterstützung. Philip hat keine Vertretung.

Siefer: Viele Eltern sagen, dass man seine Zeit viel effektiver nutzt. So ist es auch bei mir. Außerdem sind wir mittlerweile 25 Leute im Team, mich vertreten also alle Mitarbeiter ein bisschen.

"Ich musste lernen, abzugeben."
Philip Siefer

ZEIT ONLINE: Können Ihre Aufgaben als Gründer denn einfach so von anderen Mitarbeitern übernommen werden?

Siefer: Wir haben vor zwei Jahren jegliche Hierarchien abgeschafft. Über Gehalt, Urlaub und Neueinstellungen wird jetzt basisdemokratisch entschieden, wie lange und wann man arbeitet, entscheidet jeder selbst. Auch wenn ich jetzt zwölf Monate weg wäre, würde hier im besten Fall alles weiter funktionieren. Wenn ich einen Vortrag nicht selbst halten kann, schlage ich jemanden aus dem Team vor. 


ZEIT ONLINE: Fällt es Ihnen nicht schwer, wenn Sie Ihre Idee nicht selbst auf Bühnen präsentieren, sondern Ihre Mitarbeiterinnen?

Siefer: Am Anfang war das natürlich schwer. In der Gründungsphase fanden Waldemar und ich es total geil, als Gründer im Mittelpunkt zu stehen. Aber zu sagen, wir haben bei Einhorn keine Chefs mehr und sich gleichzeitig das Privileg rauszupicken, für Vorträge zu verreisen und in guten Hotels zu schlafen, funktioniert nicht. Wenn die Vorträge von anderen im Team gehalten werden, ist der Benefit für Einhorn ja der gleiche. Nur für mich nicht, aber das ist ein Egoproblem. Ich musste lernen, abzugeben.

ZEIT ONLINE: Wie lange hat das gedauert?

Siefer: Ich würde sagen: die letzten drei Jahre lang. Mittlerweile habe ich Waldemar und andere Einhörner schon oft auf der Bühne gesehen und weiß, dass sie es super machen. Ich weiß, dass sie die gleichen Absichten haben wie ich. Das wusste ich früher zwar auch, habe es aber wahrscheinlich nicht so richtig geglaubt. Es ist ja ein Vorteil, wenn wir zwei Gründer nicht wie Elon Musk im Zentrum der Firma stehen. Sonst wäre es unmöglich, Arbeitsstunden zu reduzieren. Und die Rolle des Gründers, der das Ganze erfunden hat, kann mir ja eh keiner mehr wegnehmen.