Experten sprechen von einem drohenden Kollaps: Immer mehr Kommunen suchen nach Fachkräften in der Verwaltung. Nach einer aktuellen Studie, die der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) zusammen mit der Unternehmensberatung publecon in fast 500 Rathäusern durchgeführt hat, könnten in den nächsten Jahren 800.000 Verwaltungsstellen unbesetzt sein. Der Mangel an Fachkräften trifft kleine Kommunen besonders hart: Sie können neue Mitarbeiter meist nicht mit einem attraktiven Standort und Bonuszahlungen locken. Simone Tackenberg, Personalleiterin im Kreis Ostholstein in Schleswig-Holstein, erzählt im Interview, wie ihre Kommune Personal sucht – und was Nordic Walking damit zu tun hat.

ZEIT ONLINE: Frau Tackenberg, wie schlimm ist der Fachkräftemangel in Ostholstein?

Simone Tackenberg ist Diplomverwaltungswirtin und Fachdienstleiterin von Personal und Organisation bei der Kreisverwaltung Ostholstein.

Tackenberg: Das Problem ist groß und es wird immer größer. Wir kümmern uns ja um die Aufgaben im Standesamt, bei der Polizei, beim Meldewesen, bei der Feuerwehr, sorgen um den Müll und ums Abwasser. Es ist schon so, dass wir genügend Rückmeldungen auf die von uns ausgeschriebenen Stellen bekommen, aber die Bewerber sind oft nicht qualifiziert genug. Oft fehlt ihnen die nötige Vorausbildung im Verwaltungsbereich oder der Abschluss in einem bestimmten Fachgebiet. Immer häufiger ist es so, dass wir aus zahlreichen Bewerbungen nur eine Handvoll Leute einladen können, die für die ausgeschriebene Stelle passend wären.

ZEIT ONLINE: Wie macht sich der Fachkräftemangel im Arbeitsalltag bemerkbar?

Tackenberg: Aktuell haben wir 16 offene Stellen in der Verwaltung. Dass wir verstärkt nach Leuten suchen müssen, ist phasenweise mal extremer und mal weniger schlimm. Aber seit zwei oder drei Jahren merken wir diesen Mangel schon deutlich. Intern können wir diese Stellen kaum nachbesetzen und auch extern gelingt es uns nur selten. Die Arbeit, die liegen bleibt, muss von anderen Kolleginnen und Kollegen übernommen werden, bis wir einen Ersatz haben. Wir achten schon darauf, dass keiner überlastet wird, und wir belohnen den zusätzlichen Arbeitsaufwand mit finanziellen Goodies oder mehr Freizeit – zumindest temporär. Wir tun unser Bestes, um unseren Aufgaben nachzukommen, aber wir sind langsamer geworden. Sachen, die nicht dringend bearbeitet werden müssen, schieben wir manchmal ein bisschen nach hinten, aber unser Personal, Bedürftige oder BAföG-Beziehende werden beispielsweise nicht auf ihr Geld warten müssen.

ZEIT ONLINE: In welchen Fachbereichen suchen Sie denn am häufigsten neue Mitarbeiter?

Tackenberg: Besonders in den spezialisierten Bereichen ist es schwer, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Im Gebiet Jugend, Soziales, Bildung und Sport können wir nur Pädagogen einstellen. Hier geeignetes Personal zu finden, wird immer schwieriger. Wir brauchen in diesen Bereichen wirklich gut ausgebildete Leute – und die in die Kommunen zu locken, ist schwer. Vor allem auch, weil wir in der Bezahlung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst gebunden sind, also können wir auch keine finanziellen Anreize setzen. Der freien Wirtschaft fällt das viel leichter. Seit der Änderung im SGB IX, also der gesetzlich geregelten Teilhabe von Menschen mit Behinderung in Deutschland, die im Sozialgesetzbuch geregelt ist, braucht jede Kommune mehr Sozialpädagogen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Die Nachfrage für diese Fachkräfte ist viel größer als der Bestand und damit haben alle Kommunen Probleme, vermutlich nicht nur in Schleswig-Holstein. Hier zu konkurrieren, ist sehr schwer.

"Allein in den kommenden fünf Jahren könnten bei uns 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wegfallen"
Simone Tackenberg

ZEIT ONLINE: Wo haben Sie mehr Spielraum?

Tackenberg: Die Verwaltungsbereiche lassen sich schneller besetzen als andere. In Stellenausschreibungen suchen wir nicht nur Verwaltungsfachangestellte oder Angestellte aus dem gehobenen Dienst, sondern wir gehen auch auf Büroberufe, für die man keine verwaltungsspezifische Ausbildung braucht, und erweitern so den Kreis der Personen, die wir mit unserer Ausschreibung ansprechen können. Und wir überlegen, ob wir in anderen Ausbildungsberufen als der klassischen allgemeinen Verwaltung nach Nachwuchs suchen können – zum Beispiel bei Ingenieuren oder Hygienekontrolleuren für den Veterinärbereich. Wenn wir hier unseren Nachwuchs selbst ausbilden können, haben wir bessere Chancen, die Fachkräfte langfristig an uns binden zu können. Außerdem wollen wir in den nächsten Jahren mehr Ausbildungsplätze anbieten. Bisher sind es vier Auszubildende und vier Anwärter für die Beamtenlaufbahn pro Jahr, wir wollen auf jeweils sechs kommen.

ZEIT ONLINE: Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter. Welche Rolle spielt der demographischen Wandel beim Fachkräftemangel?

Tackenberg: In nächster Zeit werden bei uns sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Rente und Pension gehen – allein in den kommenden fünf Jahren sind es fast 90. Um diese Lücke zu füllen, qualifizieren wir immer mehr Personen, die bereits für uns in der Verwaltung arbeiten, oder versuchen, die Anforderungsprofile an die Bewerber zu lockern. Nach zwei Jahren können die Personen dann entscheiden, ob ihnen die Arbeit bei uns gefällt. Danach überlegen wir, ob wir die 15.000 Euro, die eine Fortbildung zur Fachkraft kostet, in den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin investieren wollen. Es ist sehr gut möglich, dass wir Stellen langfristig nicht besetzt bekommen, gerade auch, wenn viele Mitarbeiter bald in Rente gehen. Dann müssen wir wohl externe Fachkräfte aus der freien Wirtschaft einkaufen, die meisten vermutlich aus dem Ingenieurbereich. Das wollen wir nicht, unsere Aufgabenhoheit ist uns heilig – wir erledigen gern alle Aufgaben innerhalb unserer Verwaltung selbst. Aber wenn unsere Ausschreibungen nicht angenommen werden, wird uns nichts anderes übrig bleiben.