Doch, sagt Lars Hattwig, er habe sich schon manchmal knausrig gefühlt. Wenn er im Supermarkt die billigsten Lebensmittel kaufte oder den Besuch bat, sich nicht so lange die Hände zu waschen. Und als er die LED-Lampen in seiner Wohnung installierte, die weniger helles Licht geben und dafür langfristig weniger Strom verbrauchen. "Aber das war nur eine Phase", sagt er. Für eine Weile lebte der 48-Jährige aus Berlin von ein paar Hundert Euro im Monat und investierte bis zu 70 Prozent seines Einkommens in Wertpapiere.

Das Ziel: Finanzielle Freiheit

Sparen war zum Sport für ihn geworden. Sein Ziel bestand darin, ein Leben zu haben, zu dem Arbeit nicht mehr zwingend dazugehören muss. Vor vier Jahren hat er seinen Job als Meteorologe aufgegeben. Rund zwei Jahrzehnte hatte er in dem Beruf gearbeitet, zuerst im Schichtdienst, später als Abteilungsleiter. Die Aufgabe habe ihm durchaus Freude gemacht, sagt er. Aber noch mehr Spaß bereite es ihm, spontan eine Radtour zu machen, an den See zu fahren oder einen YouTube-Kanal zu betreiben. Hattwig ist "finanziell frei", wie er es nennt. Jahrelang lebte er so sparsam und konnte so viel Geld in Kapitalanlagen stecken, dass er heute von Zinseinnahmen und Dividenden leben kann.

Hattwig hat das Prinzip befolgt, das in den USA unter dem Namen FIRE bekannt wurde: Financial Independence, Retire Early; finanziell unabhängig werden, um sich frühzeitig in den Ruhestand verabschieden zu können. In Deutschland bezeichnen sich viele Anhänger der Bewegung als Frugalisten. Der Begriff leitet sich vom lateinischen und auch im Englischen genutzten Wort "frugal" ab und bedeutet so viel wie "einfach" oder "sparsam". Die Frugalisten entscheiden sich für ein Leben, das nach dem Gegenteil dessen klingt, was Abreißkalender und Poesiebücher predigen: Carpe diem, lebe jeden Tag, als könnte es dein letzter sein. Wer nach der finanziellen Unabhängigkeit strebt, schränkt sich im Hier und Jetzt ein, um schon vor dem Renteneintrittsalter nicht mehr arbeiten zu müssen. "Mich hat es vor allem gereizt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen", sagt Frugalist Hattwig.

Wie viele Menschen in Deutschland frugal leben, ist unklar. Es gibt keinen Dachverband, in dem sich die Anhänger der Bewegung organisieren. Außerdem ist nicht definiert, ab welcher Sparquote jemand ein Frugalist ist. Zu den Anhängern der Bewegung gehören Männer und Frauen, die sich seit zwei, drei Jahren vermehrt online austauschen, zum Beispiel in Finanzforen auf Facebook. Viele der Blogbetreiber sind in den Dreißigern und männlich, es gibt aber auch Studenten, die noch sparsamer leben, als man das in dieser Lebensphase ohnehin schon muss.

Wie viel Geld braucht man zum Leben?

Als Vorreiter der Bewegung gilt der kanadische Blogger Peter Adeney, besser bekannt unter seinem Pseudonym und dem gleichnamigen Blog Mr. Money Mustache. Der Softwareingenieur, inzwischen Mitte vierzig, setzte sich mit Anfang 30 zur Ruhe, um eine Familie zu gründen. Um sein Ziel zu erreichen, sparte er, ein Gutverdiener, über einige Jahre hinweg einen sechsstelligen Dollarbetrag an. Irgendwann hatte er eine Summe erreicht, die hoch genug war, um von den Kapitalerträgen leben zu können, ohne die Gesamtsumme antasten zu müssen. Wie hoch der Kapitalstock insgesamt sein muss, hängt davon ab, wie viel Geld man zum Leben braucht.

Viele Frugalisten gehen von 400.000 bis 600.000 Euro aus. Sie legen die Annahme zugrunde, dass sich mit Investitionen in Aktien und Anleihen vier Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaften lassen. Um von diesen vier Prozent leben zu können, ohne das Kapital aufzuzehren, sparen sie auf eine Summe hin, die beim 25-Fachen ihrer Jahresnettoausgaben liegt. Wer beispielsweise 1.500 Euro im Monat ausgibt, bräuchte insgesamt 450.000 Euro für sein Leben.

Seit einigen Jahren schart die FIRE-Bewegung auch in Deutschland immer mehr Anhänger um sich. In Onlineforen tauschen sich Berufstätige darüber aus, wie sie schneller "finanziell frei" werden, außerdem berichtet eine Reihe von Frugalisten davon, wie sie ihr Ziel erreichen wollen oder bereits erreicht haben. Lars Hattwig ist einer der Blogger, die im Internet ihr Wissen mit anderen teilen. Mit Affiliate-Links, also bezahlten Links auf andere Seiten, mit eigenen E-Books und Onlineseminaren nehmen sie zusätzlich Geld ein.