Gestresst, überlastet und viel zu viel Druck – das kennt fast jeder. Eine neue Studie behauptet jetzt: Auch die digitalen Hilfsmittel, die uns eigentlich entlasten sollen, stressen. Jeder fünfte Arbeitnehmer fühlt sich davon sogar stark belastet. Aber was stresst uns eigentlich an der Arbeit? Seit wann sprechen alle von Stress? Und woher rührt das Gefühl, sich individuell um den eigenen Stress kümmern zu müssen? In den Konzepten von Achtsamkeit und Resilienz verbirgt sich die neoliberale Idee der Eigenverantwortung, sagt die Soziologin Greta Wagner.

ZEIT ONLINE: Frau Wagner, wie geht es Ihnen?

Greta Wagner: Gut, ich bin ganz ungestresst.

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen meines Umfelds antworten auf diese Frage mit: "Ganz gut, nur etwas gestresst." Warum sind denn alle so gestresst?

Wagner: Mit Stress werden sehr unterschiedliche Zustände kommuniziert. Die Beschreibung reicht von leichter Anspannung bis zu Gefühlen starker Überforderung, die auf lange Sicht auch krank machen können. Seit den Neunzigerjahren nimmt die Verwendung des Wortes zu. Das heißt nicht, dass Menschen in vorausgegangenen Epochen weniger Belastungen ausgesetzt waren. Aber jede Zeit hat ihre typischen Leiden. In unserer sind das Erschöpfung, Stress und Gefühle des Ungenügens.

Greta Wagner ist promovierte Soziologin am Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” in Frankfurt am Main. Bis vor Kurzem forschte sie am Institute for Advanced Study in Princeton. Sie publiziert zu Selbstoptimierung und Erschöpfung und führt aktuell ein Projekt zu den Ambivalenzen des Helfens in einer ungleichen Welt durch. © privat

ZEIT ONLINE: Aber empfinden die Verkäuferin in einer überfüllten Bäckerei, die Ärztin im OP-Saal und der Hartz-IV-Empfänger, der am Existenzminimum lebt, eigentlich den gleichen Stress?

Wagner: Es macht einen Unterschied aus, ob Stress ein temporärer Zustand ist, von dem man sich auch wieder erholen kann, oder ein Zustand, der auf andauernde Existenzangst verweist – ohne die Möglichkeit der Erholung. Man sollte also auf keinen Fall denken, dass wir alle in gleicher Weise psychisch von den ökonomischen Verhältnissen belastet sind. Die beschleunigte Gesellschaft betrifft uns zwar alle. Mit welcher finanziellen Ausstattung wir in ihr zurechtkommen müssen, ist allerdings entscheidend dafür, wie sehr wir unter ihr leiden. Insofern: Nein, es ist nicht der gleiche Stress. Doch können sich Angehörige unterschiedlicher Milieus mit dem Zustand identifizieren, den er bezeichnet – gerade, weil der Begriff so vage ist.

"Die Freizeit soll als Erholung von der Arbeit effektiv genutzt werden."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Bedeutet Stress eigentlich Angst?

Wagner: Stress hat Überschneidungen mit dem Gefühl von Angst, ist aber als Konzept viel jünger. Die Forschung dazu beginnt in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts in der US-amerikanischen Militärpsychiatrie. Als Alltagsempfindung popularisiert hat sich Stress aber erst seit den Siebzigerjahren und das in viel breiterer Weise. Zu dieser Zeit galt Stress als Ursache für alle möglichen Leiden und wurde gleichzeitig als Modethema kritisiert. Soziologisch ist Stress auf zwei Ebenen interessant: Zum einen diskursiv, insofern seit den Siebzigerjahren ein neues Sprechen über empfundene Belastungen durch Arbeit und Leistungsdruck Verbreitung findet. Zum anderen der Sache nach, insofern dieses Sprechen über Stress mit realen Veränderungen unserer Arbeits- und Lebenswelt korrespondiert.

ZEIT ONLINE: Um mit Stress zurechtzukommen, kann man Übungshefte für mehr Achtsamkeit im Alltag, Dankbarkeitstagebücher und Ratgeber kaufen. Solche Bücher locken mit Versprechen wie Entspannt schaffst du alles! oder Den Alltag entschleunigen lernen! Stimmt etwas nicht mit mir, wenn mich schon das Ausrufezeichen in diesen Titeln stresst?

Wagner: Ihre Intuition, dass es hierbei nicht nur um Erholung geht, sondern auch eine Aufforderung zur Anstrengung kommuniziert wird, ist richtig. Die Ausrufezeichen, die Sie ansprechen, verweisen auf die unausgesprochene Pflicht, die in vielen Arbeitsverhältnissen besteht, sich um die Regeneration der eigenen Ressourcen zu kümmern und dafür zu sorgen, dass man nicht krank wird – vor allem nicht psychisch krank, denn hier drohen die längsten Fehlzeiten. Durch Achtsamkeitsübungen die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit eigenverantwortlich zu ziehen, ist nicht nur persönlich von Vorteil, sondern auch Teil der Anforderungen im Job. Die Freizeit soll als Erholung von der Arbeit effektiv genutzt werden. In Vorstellungsgesprächen wird beispielsweise oftmals die Frage gestellt: "Was tun Sie denn für Ihre eigene Erholung?"

"Die Einstellung von mehr Personal würde den Stress oft effektiver mindern, aber zu höheren Kosten."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Erholung ist also zur Arbeit geworden?

Wagner: Ja, Stressmanagement gehört zur Arbeit am Selbst, die von Arbeitgebern auch mitunter erwartet wird. Denken Sie zum Beispiel daran, dass es Unternehmen gibt, die Yogaräume einrichten.

ZEIT ONLINE: Es gibt auch Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen sogenannte mindfulness trainings anbieten – auf Deutsch schlicht Achtsamkeitstrainings. Ist das nicht eigentlich sehr nett?

Wagner: Klar, viele Mitarbeiterinnen schätzen das auch. Die Idee der Achtsamkeit stammt aus der buddhistischen Lehre, wird jedoch seit den Siebzigerjahren auch zur Reduktion von Stress eingesetzt und dabei von ihren religiösen Wurzeln losgelöst. Große Verbreitung findet sie in den Tech-Unternehmen des Silicon Valley. Aber diese Strategien sind ambivalent, weil sie den Angestellten sehr viel Eigenverantwortung dafür übertragen, einen individuellen Umgang mit organisational verursachten Problemen zu finden. Oftmals würde die Einstellung von mehr Personal den Stress effektiver mindern, aber zu höheren Kosten. Mit mindfulness trainings lernen die Arbeitenden, Stress durch Termindruck und internationale Konkurrenz selbst auszugleichen, indem sie an ihrer eigenen psychischen Belastbarkeit arbeiten. Dieses kulturelle Muster findet sich eben in vielen Bereichen der Gegenwartsgesellschaft: Wer trotz Achtsamkeitstraining noch gestresst ist, ist selbst schuld.