ZEIT ONLINE: Frau Bürgel, woran merke ich, dass ich urlaubsreif bin?

Ilona Bürgel: Daran, dass man sich während der Arbeit schlecht konzentrieren kann. Man läuft zum Beispiel los und weiß schon kurz darauf nicht mehr, was man eigentlich machen wollte. Vielleicht schläft man sogar schlechter und ist tagsüber ständig müde. Kurz gesagt: man kommt seelisch und körperlich an sein Limit.

ZEIT ONLINE: Laut einer Studie des Karriereportals Xing gerät ein Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besonders vor dem Urlaub in Stress, weil sie befürchten, nicht rechtzeitig alles abarbeiten zu können.

Bürgel: Vorurlaubsstress machen wir uns zum großen Teil selbst, weil wir uns zu viel vornehmen. Wir sollten uns daran erinnern, dass nicht alles vor dem Urlaub fertig werden muss – es gibt ein Leben nach dem Urlaub! Viele wollen sich den Urlaub erst verdienen und schuften sich deshalb kurz vorher kaputt. Das ist trügerisch, weil wir uns damit den Urlaubseffekt der ersten Tage kaputt machen.

Ilona Bürgel ist Psychologin und Sachbuchautorin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem richtigen Umgang mit Stress im Job und einer gesunden Work-Life-Balance. © Jörg Simanowski

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich Vorurlaubsstress vermeiden?

Bürgel: Indem man die Woche vor und nach dem Urlaub ganz bewusst plant und Freiräume lässt. Wir sollten uns fragen: Was muss jetzt wirklich fertig werden? Das gilt ganz besonders für zu Hause. Ich höre ganz häufig, dass vor der Abreise die Fenster geputzt werden, damit der Nachbar beim Blumengießen eine ordentliche Wohnung vorfindet. Mit solchen Aktionen verlangen wir zu viel von uns selbst. Es darf ruhig auch mal ein Berg ungebügelter Wäsche liegen bleiben.

ZEIT ONLINE: Wo erholen wir uns am besten: am Strand, bei einer Abenteuerreise oder beim Wandern?

Bürgel: Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Am besten erholen wir uns, wenn wir etwas tun, was wir im Alltag nicht machen. Für jemanden, der jeden Tag zwei Stunden im Fitnessstudio trainiert, kann das am Strand liegen sein. Für jemanden, der eine einseitige körperliche Arbeit verrichtet, kann eine geistige Beschäftigung toll sein. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir uns auf den Moment konzentrieren und nicht ablenken lassen.

"Ein riesiger Irrtum ist, dass Nichtstun die größte Erholung ist."
Ilona Bürgel

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel von unserem Smartphone?

Bürgel: Genau.

ZEIT ONLINE: Trotzdem wollen wir doch unsere Urlaubsbilder auf Instagram teilen.

Bürgel: Ein Tipp wäre, vorher mit seinen Mitreisenden Spielregeln zu vereinbaren. Wir wissen zum Beispiel, dass schon ein Handy, das einfach nur auf dem Esstisch liegt, für Unruhe sorgt. Es ist also grundsätzlich eine gute Idee, das Smartphone außer Sichtweite zu platzieren. Denn wenn ich in Gedanken nicht bei dem Ort bin, wo ich mich gerade erholen will, dann erhole ich mich nicht.

ZEIT ONLINE: Kann man sich auch im eigenen Zuhause richtig erholen?

Bürgel: Ja! Wichtig ist, dass man sich herausfordert. Man könnte zum Beispiel in ein Restaurant oder in ein Museum gehen, in dem man noch nie war. Oder man bucht einen Workshop und lernt etwas – das kann auch stricken sein. Ein riesiger Irrtum ist, dass Nichtstun die größte Erholung ist. Am besten fühlen wir uns, wenn wir ein bisschen Nervenkitzel haben.

ZEIT ONLINE: Apropos Nervenkitzel: Was passiert eigentlich in unserem Körper, wenn wir uns erholen?

Bürgel: Eine wichtige Rolle spielt das Kuschel- oder Entspannungshormon Oxytocin, dessen Ausstoß dazu führt, dass das Stresshormon Cortisol ausgeglichen wird. Oxytocin wird gebildet, wenn wir lächeln, wenn wir Menschen berühren, uns in die Augen schauen oder uns schöne Gedanken machen. Das alles haben wir im Alltag zu wenig. Das alles können wir im Urlaub mal anders machen. Viel Körperkontakt stellt für uns den größten Erholungsschatz dar.

"Nach ein bis zwei Wochen ist der Erholungseffekt verflogen – völlig unabhängig davon, wie lange man Urlaub gemacht hat."

ZEIT ONLINE: Ist es ratsamer, regelmäßig Kurzurlaube einzulegen oder vier Wochen am Stück zu verreisen?

Bürgel: Die Urlaubsforschung sagt, dass es besser ist, häufiger Urlaub zu machen. Nach ein bis zwei Wochen ist der Erholungseffekt nämlich verflogen – völlig unabhängig davon, wie lange man Urlaub gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Das ist ganz schön frustrierend.

Bürgel: Ich glaube, dass wir verlernt haben, wie Erholung geht. Im Alltag plagen wir uns ab und am Wochenende oder im Urlaub soll auf einmal der Stress ausgeglichen werden. Ich plädiere dafür, dass wir jeden Tag ein bisschen Urlaub machen.

ZEIT ONLINE: Wie geht Urlaub im Alltag konkret?

Bürgel: Das kann ein Telefonat sein mit einer netten Freundin oder eine gute Tasse Tee, für die man sich bewusst ein paar Minuten Zeit nimmt – irgendetwas, das für einen persönlich Entspannung bedeutet. Mit diesen Mini-Auszeiten trainieren wir Körper und Geist. Wenn das gelingt, können wir uns auch in kürzeren Urlauben gut erholen.

ZEIT ONLINE: Gibt es Tricks, mit denen man die Urlaubseuphorie etwas länger erhalten kann?

Bürgel: Es kann helfen, Rituale aus dem Urlaub in den Alltag zu integrieren. Sprich, die positiven Aspekte aus dem Urlaub nicht abzuhaken, sondern im Alltag weiterzumachen. Zum Beispiel in Form einer Yoga-Übung, die man jeden Morgen im Urlaub gemacht hat. Oder man bringt einen Duft aus dem Urlaub mit, der einem gut gefällt. Am Ende geht es immer um das Bewusstsein: ich tue mir selbst etwas Gutes. Das vergessen wir im Alltag viel zu häufig.