Ende Juli stieß ein Mann einen achtjährigen Jungen und seine Mutter vor einen ICE, der gerade in den Frankfurter Hauptbahnhof einfuhr. Das Kind wurde vom Zug erfasst und starb, die Mutter konnte sich retten. Nach Angaben der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer sterben in Deutschland zwischen 800 bis 900 Menschen im Jahr auf Bahngleisen. Was macht so ein Tod mit einem Lokführer? Das erzählt Volker Reinken, der Patienten aus unterschiedlichen Risikoberufen behandelt: zum Beispiel Soldaten, Rettungskräfte, aber auch Lokführer. Reinken ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Vincera Akutklinik für Psychotherapie in Bad Waldsee.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Problemen kommen Lokführer zu Ihnen?

Volker Reinken: Viele Lokführer erleben in ihrer beruflichen Laufbahn einen Schienentod: Durch einen Unfall oder Suizid stirbt ein Mensch vor ihren Augen. Und sie können nichts tun, sind dem Ereignis ausgeliefert. Das kann zu einem Trauma führen.

Volker Reinken, Jahrgang 1964, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist ärztlicher Direktor und Chefarzt der Vincera Privatklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Bad Waldsee. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Depressionen und Traumatherapie. © Klink Bald Waldsee

ZEIT ONLINE: Was genau ist ein Trauma?

Reinken: Das Wort ist gerade in Mode und wird für alles Mögliche verwendet. In der Psychiatrie sprechen wir von einem Trauma, wenn jemand eine außergewöhnliche Bedrohung oder eine Katastrophe erlebt und sich währenddessen machtlos fühlt. Das trifft auf Lokführer, die einen Schienentod miterleben, genau zu: Obwohl sie bremsen, kommt es oft zum Unglück und sie bekommen es unmittelbar mit. Auch wenn sie die Augen schließen, spüren sie den Aufprall und hören die Geräusche.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren sie darauf?

Reinken: Zuerst kommt der körperliche und psychische Schock. Die Betroffenen bekommen zum Beispiel Atemnot oder Zitteranfälle. Viele sind von den heftigen Gefühlen der Verzweiflung und Ohnmacht überfordert, fühlen sich wie betäubt oder wirken wie weggetreten. Das klingt meist nach ein paar Stunden ab und die Menschen glauben, das Ereignis überwunden zu haben. Das ist aber nicht immer so. Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung – oder kurz PTBS – tauchen meist nach vier bis sechs Wochen auf, manchmal auch erst nach einem halben Jahr.

ZEIT ONLINE: Welche Symptome sind das?

Reinken: Manche sind schreckhaft, gereizt, können nachts nicht schlafen und werden von den Bildern des Unfalls verfolgt. Oft kommt es zu sogenannten Flashbacks: Ein traumatisierter Lokführer fährt zum Beispiel mit dem Auto über eine Bordsteinkante. Es rumpelt ein wenig, wie es beim Autofahren nicht selten vorkommt. Bei ihm werden aber dadurch die extremen Emotionen ausgelöst, die er während des Zugunglücks hatte. Er erstarrt und fängt an zu zittern. Viele Betroffene bringen das aber erst mal nicht mit dem ursprünglichen Unfall in Verbindung und können sich ihren Zustand nicht erklären.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Therapie aus?

Reinken: Die Therapie besteht aus vier Phasen. Im ersten Schritt erklären wir den Betroffenen, was mit ihnen los ist. Viele fühlen sich falsch oder unnormal. Dabei zeigen sie eine ganz normale Reaktion auf ein katastrophales Ereignis. Um sich zu schützen, fragmentiert das Gehirn das Erlebte. Man kann sich das vorstellen wie einen Bibliothekar, der ein Buch, das ihn überfordert, auseinanderpflückt. Und dann ordnet er die einzelnen Teile in Bücherschränke ein, die nicht unbedingt dazu passen. Plötzlich finden sich Teile der traumatischen Erinnerungen in ganz alltäglichen Dingen wider.