Der Frauenanteil in Spitzenpositionen deutscher Unternehmen steigt zwar langsam. In den Vorständen sind sie aber immer noch eine Seltenheit: In den Chefetagen aller 160 deutschen Börsenunternehmen sitzen nur 8,8 Prozent Frauen. Warum Vorständinnen es besonders schwer haben, erklärt Wiebke Köhler. Sie war Personalvorständin des Versicherungskonzerns Axa – verließ den Posten aber nach weniger als einem Jahr. Danach schrieb sie das Buch: "Schach der Dame! Was Frau (und Mann) über Machtspiele im Management wissen sollte".

ZEIT ONLINE: Frau Köhler, vier Spitzenfrauen haben dieses Jahr schon ihre Posten verloren, darunter Janina Kugel, Personalchefin bei Siemens, und zuletzt Valerie Holsboer von der Bundesagentur für Arbeit. Warum verlieren Ihrer Meinung nach so viele Frauen im Vorstand ihre Posten schneller als Männer?

Wiebke Köhler: Ich denke, man ist stärker sensibilisiert, weil weniger Frauen in Vorständen sind. Deswegen fällt das stärker auf. Auch bei Männern ist das ein Kommen und Gehen. Die Verweildauer in Vorstandsposten ist insgesamt sehr viel kürzer als noch vor 20 Jahren. Ein zweiter Grund: Frauen werden aus bestimmten Motiven in solche Positionen geholt; sicherlich, weil das der Diversität guttut. Dann stellt sich aber heraus, dass mit ihrem etwas anderen Führungsstil oder der anderen Arbeitsweise nicht immer gut umgegangen werden kann.

Wiebke Köhler ist studierte Diplom-Kauffrau und arbeitete 23 Jahre lang in Strategieberatungen (McKinsey und Roland Berger), in Linienaufgaben (u.a. bei Swiss Air Lines) und als Partnerin im Executive Search (Egon Zehnder, Heidrick & Struggles). Bis 2018 war sie als Personalvorständin beim Versicherungskonzern Axa. Danach schrieb sie zwei Bücher, leitete ein großes Forschungsprojekt über das Thema Mitarbeiterbindung und gründet derzeit eine eigene Strategieberatung. © privat

ZEIT ONLINE: Sitzt man als Frau in einer Führungsposition auf einem Präsentierteller, wo genauer hingeguckt wird: Welche Fehler macht sie?

Köhler: Ja, so scheint es mir. Sie fallen mehr auf, weil Frauen in höheren Positionen einfach in der Unterzahl sind. Außerdem glaube ich, dass bei Frauen mit anderen Messlatten gemessen wird. Wenn ein Mann mit einem modisch geschnittenen Anzug zum Meeting kommt, wird er auffallen, aber es werden sich nicht alle das Maul darüber zerreißen. Wenn Sie als Frau in einem roten Kleid zur Konferenz gehen, heißen Sie "die Frau in Rot". Und der Name trägt sich dann gerne in Folgemeetings weiter. An so einem einfachen Thema wie Outfits zeigt sich schon, dass Frauen anders kommentiert werden.

ZEIT ONLINE: Was läuft da schief? Das Problem kann ja nicht einfach ein rotes Kleid sein.

Köhler: Frauen denken häufig – und ich habe das in den letzten 23 Jahren gedacht – dass Loyalität beidseitig ist: Wenn ich loyal bin, gibt der andere mir Loyalität zurück. Sie glauben auch, dass Fleiß und inhaltliche Themen Erfolg bedeuten. Mein Eindruck aus sehr vielen Gesprächen und über 50.000 Reaktionen auf mein Buch ist: Es laufen sehr viele Machtspiele und Intrigen – und keiner redet darüber. Diese Machtspiele sind auf jeden Fall männlich – weil von Männern gemacht – und werden von Frauen anders interpretiert oder nicht erkannt. Dadurch entstehen Konflikte. Ich glaube, dass Frauen das oft zu spät verstehen und durch ihren Anspruch, fleißig zu sein und mit guter Leistung aufzufallen, an falscher Stelle Zeit investieren. Der Intrigensensor fehlt, weil ein Großteil der Arbeitsleistung von Frauen in Teambuilding und Inhalte fließt.

ZEIT ONLINE: Warum spricht man nicht darüber?

Köhler: Ich denke, hinter dem Schweigen steckt Angst. Die meisten befürchten, dass sie dadurch ihrer Karriere im Konzern schaden. Dass sie eine Beförderung nicht bekommen oder ausgegrenzt werden. Kritische Stimmen will man nicht in jedem Umfeld.

ZEIT ONLINE: Spitzenfrauen wie Kugel oder Holsboer sprechen auch nicht darüber, was eigentlich passiert ist. Wovor haben Frauen wie sie noch nach der Kündigung Angst?

Köhler: Zum einen sind es Interna, über die man öffentlich nicht sprechen sollte. Ich vermute zumindest, dass das bei den anderen Frauen auch so ist. Zum Teil ist es sicher vertraglich geregelt. Und einige haben sicher vor, weiter im Konzernumfeld Karriere zu machen und da ist es nicht angeraten, das in der Öffentlichkeit zu diskutieren.

ZEIT ONLINE: Auch Sie sprechen bisher nicht öffentlich über Ihre Zeit bei Axa und warum Sie dort nach so kurzer Zeit ausgestiegen sind. Warum?

Köhler: Ich habe Axa aus persönlichen Gründen im besten gegenseitigen Einvernehmen verlassen. Axa und ich haben uns auf diesen Wortlaut verständigt und ich halte mich an die vertragliche Vereinbarung.