Gründer sind miserable Manager, Bescheidenheit kann der Karriere schaden, und bei wichtigen Themen lohnt es sich, auf den Flurfunk zu hören. Daniel Rettig hat in seinem Buch "Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist: 77 schonungslose Jobwahrheiten" Studien und Experimente zusammengetragen, deren Erkenntnisse zunächst kontraintuitiv scheinen. Wir veröffentlichen einen leicht angepassten Auszug daraus.

Gerüchte haben einen zweifelhaften Ruf. Wer sie verbreitet, gilt schnell als Quatschtante und Geschichtenonkel. Wer von ihnen betroffen ist, würde sie am liebsten diskret beseitigen. Doch wo Menschen zusammenkommen, entstehen sie beinahe zwangsläufig. Manchmal unbewusst, meistens jedoch voller Lust.

Daniel Rettig, 38, ist Redaktionsleiter der digitalen Bildungsplattform ada. Zuvor arbeitete er knapp elf Jahre lang bei der "Wirtschaftswoche" im Ressort Erfolg, die letzten drei Jahre als Ressortleiter. Rettig absolvierte die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und studierte Volkswirtschaft an der Uni Köln. © Frank Beer

An dieser Stelle eine kurze Einordnung. Auch wenn der Volksmund Gerüchte und Geschwätz synonym verwendet, unterscheiden Psychologen streng zwischen den beiden Begriffen. Beim Klatsch und Tratsch geht es meistens um harmlose Lästereien unter Kollegen, die eher der Unterhaltung und Zerstreuung dienen: Hier hat der Chef in den Ferien zugenommen, da versagt dem Teamleiter in öffentlichen Auftritten immer die Stimme, dort vermasselt der überforderte Assistent mal wieder die Terminplanung. Alles nicht unbedingt freundlich, aber doch vergleichsweise harmlos. Gerüchte wiederum sind so etwas wie die erwachsene, ernst zu nehmende Schwester der Lästereien – und deshalb beschäftigen sich Psychologen seit Jahrzehnten mit ihrer Entstehung.

Eine wegweisende Arbeit zum Thema erschien bereits im Jahr 1947. In ihrem Werk Psychology of Rumor definierten Gordon Allport und Leo Postman ein Gerücht als "spezifischen Glaubenssatz, der von Person zu Person weitergegeben wird, in der Regel durch Mundpropaganda, ohne dass sichere Standards für Beweise vorliegen". Inzwischen ist klar: Gerüchte entstehen vor allem bei Unsicherheit. Wo ein Informationsvakuum herrscht, neigen die Menschen dazu, es schlimmstenfalls mit Halbwahrheiten und Spekulationen zu füllen, um zumindest ansatzweise eine Erklärung zu haben. Aber was genau ist an Gerüchten dran?

Flurfunk als Frühwarnsystem

Eine der ersten Studien in Sachen Gerüchte-TÜV veröffentlichte der US-Soziologe Theodore Caplow vor mehr als 70 Jahren. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs zwei Jahre lang Gerüchte bei einer Militäreinheit gesammelt. Fast 100 Prozent erwiesen sich bei näherem Hinsehen als korrekt: "Jede größere Operation, jeder Standortwechsel, jede wichtige administrative Änderung kursierte als Gerücht, bevor die Heeresleitung sie offiziell kommunizierte", schrieb er in seiner Studie. Offenbar handelte es sich beim Flurfunk um eine Art Frühwarnsystem. Und davon profitieren nicht nur Soldaten in einer lebensbedrohlichen Situation, sondern auch Angestellte auf dem Büroflur.

Zu diesem Fazit kam Jules Harcourt von der US-amerikanischen Murray State University im Jahr 1991. Der Kommunikationswissenschaftler verschickte einen Fragebogen an mehr als 3.600 Manager, immerhin 871 antworteten. Harcourt wollte herausfinden, aus welchen Kanälen die Befragten von Neuigkeiten erfuhren. Und siehe da: Jeder fünfte Befragte fand die Gerüchteküche für Informationen verlässlicher als die offizielle Kommunikation – insbesondere, wenn es um Beförderungen, Entlassungen oder neue Stellen ging, um Gehälter oder strategische Pläne der Unternehmensleitung.

Nicholas DiFonzo wundern diese Ergebnisse nicht. Der Psychologieprofessor vom Rochester Institute of Technology gilt als einer der weltweit führenden Gerüchteforscher. Zusammen mit seinem Kollegen und Co-Autor Prashant Bordia hat er ebenfalls die stille Post am Arbeitsplatz untersucht und mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht – in mindestens 80 Prozent der Fälle, sagt DiFonzo, sind die kursierenden Informationen tatsächlich wahr. 

Gerüchte entstehen vor allem bei Unsicherheiten

Das hat ihm zufolge vor allem drei Gründe: Erstens sendet der Flurfunk vor allem dann, wenn Unsicherheit, Angst oder Panik hinsichtlich der Zukunft des einzelnen Arbeitsplatzes oder des gesamten Unternehmens herrscht – nicht der richtige Augenblick für eine Märchenstunde. Zweitens: Wer ein Gerücht weitererzählt, möchte nicht beim freien Fabulieren ertappt werden. Denn den Ruf als Lügner wird man nicht so schnell wieder los. Und drittens sind die Netzwerke im Büro meist so eng geknüpft, dass sich nicht verifizierte Gerüchte schnell verifizieren lassen. Falls also doch mal eine Fälschung in Umlauf gerät, wird sie vom Flurfunk schnell wieder korrigiert. "Wahre Gerüchte sind im Arbeitskontext eher die Regel als die Ausnahme", sagt DiFonzo, "denn die Beteiligten sind an der Wahrheit interessiert."

Bleibt zum Schluss nur noch eine Frage: Wie reagiere ich als Opfer eines Gerüchts? Unabhängig vom Realitätsgehalt wäre Schweigen am schlimmsten, sagt der Gerüchteexperte DiFonzo – denn das erhöht die Unsicherheit nur noch mehr. Faustregel: Wenn es wahr ist, sollten Sie niemals leugnen, denn meistens kommt die Wahrheit ohnehin raus, und leugnen macht es nur noch schlimmer. Falls das Gerücht nicht stimmt, sollten Sie das auch kommunizieren. Und zwar so konkret und faktenbasiert wie möglich. Also nicht: "Das stimmt nicht!" plärren – sondern den genauen Inhalt adressieren und korrigieren.

Daniel Rettig: "Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist: 77 schonungslose Jobwahrheiten", 224 Seiten, 16,95 Euro