ZEIT ONLINE hat alle Reden des deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Zu Hause arbeiten zu können, gilt heute als das Privileg hochausgebildeter Beschäftigter. Man denkt etwa an eine Programmiererin oder einen Texter, die ein paar Tage in der Woche ihren Laptop zu Hause aufklappen, um sich das Pendeln ins Büro zu sparen. Von außen sieht das entspannt aus, doch ist es das wirklich? Klar ist: Homeoffice ist in der Gesellschaft angekommen. Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse AOK, bei der mehr als 2.000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren befragt wurden, arbeiten heute schon rund 40 Prozent von ihnen regelmäßig außerhalb ihres Unternehmens, unabhängig von Ort und Zeit – viele von ihnen von zu Hause aus.

Mehr als zwei Drittel sagten aus, dass sie dort mehr Arbeit als im Büro erledigen. Ein Großteil der Befragten kann sich in der eigenen Wohnung gut konzentrieren. Doch gleichzeitig scheinen sich viele Beschäftigte dort ausgelaugt zu fühlen. Rund 73 Prozent von ihnen gaben das, dass sie in den vergangenen vier Wochen erschöpft waren. Bei den Büroarbeitern waren es nur 66 Prozent. Auch klagten deutlich mehr Heimarbeiter über Wut, Verärgerung, Nervosität, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen als Beschäftigte im Büro.  

Negative Folgen der Heimarbeit befürchteten bereits Bundestagsabgeordnete 1949 und Anfang der Fünfzigerjahre, als sie über diese Form der Beschäftigung diskutierten. Damals wollten sie vor allem einfache Arbeiter vor Ausbeutung schützen. Heimarbeiter arbeiteten damals meist mangels Alternativen zu Hause. Es waren zum Beispiel Kriegsinvaliden, die Spielzeug zusammenschraubten. Oder Kriegswitwen, die im Wohnzimmer webten und nähten – und so nebenher auf die Kinder aufpassen konnten. Sie arbeiteten im Auftrag von Firmen und wurden meistens nicht nach Arbeitszeit, sondern pro Stück bezahlt.

1951 verabschiedete der Bundestag das Heimarbeitsgesetz, das unter anderem die Pflichten des Arbeitgebers zum Unfall- und Gesundheitsschutz regelte. In den nächsten 20 Jahren ändert sich die Heimarbeit stark: Weniger Menschen als zuvor arbeiten zu Hause an Näh-, dafür mehr an Schreibmaschinen. Heimarbeiter leisteten zunehmend qualifizierte Tätigkeiten. Anfang der Siebzigerjahre diskutierte der Bundestag darüber, die Gesetzgebung anzupassen und verabschiedete 1974 das Heimarbeitsänderungsgesetz. Damit bekamen zum Beispiel auch Autorinnen, Künstler und Schauspielerinnen, die nicht angestellt, aber dennoch vom Arbeitgeber wirtschaftlich abhängig waren, das Recht, mit den Arbeitgebern Tarifverträge abzuschließen.

In den Achtzigern und Neunzigern veränderten Computer die Arbeitswelt. Das Wort Telearbeit zieht in die Bundestagsdebatten ein. Einerseits ist die Hoffnung groß, dass "Bildschirmarbeitsplätze" zu Hause die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Andererseits fürchten viele, dass Telearbeit sozialversicherte Arbeitsplätze bedroht sowie zur Ausbeutung führt – und vor allem Frauen unter der Flexibilisierung leiden. In einer Bundestagsrede 1984 wettert zum Beispiel die Grünenabgeordnete Marieluise Beck gegen die Vorstellung, dass Telearbeit Mütter entlastet: "Sie sollen von beidem etwas haben: den Haushalt umsonst, für Gotteslohn, daneben kapazitätsorientierte Lohnarbeit nach Bedarf", sagt sie. "Ihre angepasste Ideologie lautet: Frauen, besinnt euch, wie schön ist ein Heimcomputer! Da könnt ihr so praktisch alle Pflichten zugleich erledigen: sowohl die Pflichten gegenüber der Familie als auch die Erwerbsarbeit."

Der große Boom der Telearbeit bleibt jedoch aus, ab 2010 wird der Begriff auch langsam von Homeoffice abgelöst. Die Bundestagsdebatten drehen sich weniger um deren Gefahren, sondern darum, wie die Nutzung von Homeoffice für mehr Beschäftigte möglich wird. Die Grünen und die SPD fordern inzwischen sogar ein gesetzliches Recht auf Homeoffice. "Früher kämpften Gewerkschaften gegen die Telearbeit", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, der zu Heimarbeit forscht. "Inzwischen ist Homeoffice ein Thema von Beschäftigten, die das unbedingt wollen – und es sich leisten können: Juristen, Ingenieure, Manager." Dass Heimarbeit Familien entlastet, hält der Forscher allerdings für falsch. "Für Kriegswitwen in den Vierzigerjahren war es vielleicht die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen", sagt er. Zu denken, dass die Doppelbelastung aus Kindern und Arbeit weniger werde, nur weil man nicht ins Büro müsse, sei aber fahrlässig: "Das Arbeitspensum bleibt dasselbe, allerdings kann man selbst entscheiden, wann man arbeitet und man spart sich die Fahrt zum Betrieb."