Ermöglichen Maschinen den Menschen mehr Freizeit oder vernichten sie Millionen von Arbeitsplätzen? Die Philosophin Lisa Herzog plädiert in ihrer Kolumne "Besser arbeiten" in unregelmäßigen Abständen für die Rettung der Arbeit.

Der amerikanische Verhaltenswissenschaftler Amos Tversky, der lange an der Universität Stanford arbeitete, wird mit der Aussage zitiert, seine Kollegen arbeiteten zu künstlicher Intelligenz, er dagegen untersuche natürliche Dummheit. Gemeinsam mit Daniel Kahneman, der später dafür den Nobel-Gedächtnispreis erhielt, war Tversky ein Pionier der Forschungsrichtung, die die Abweichungen menschlichen Verhaltens von der perfekten Rationalität analysiert. Lange hatten Ökonomen ihren Modellen diese Rationalität zugrunde gelegt – gefährlich, wie Tversky und Kahneman zeigen konnten.

Künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit – oder sagen wir, höflicher, unvollständige Rationalität –, diese beiden Faktoren spielen auch in vielen digitalen Anwendungen zusammen, und zwar sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf der gesellschaftlichen. Denn Algorithmen unterscheiden, wenn sie aufbauend auf unseren Klicks und Likes Vorhersagen treffen, nicht zwischen den Klicks und Likes, die wir nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Alternativen, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen, machen – und denen, bei denen wir uns im Modus unvollständiger Rationalität befinden. Zu den Dimensionen dieser unvollständigen Rationalität, die Tversky, Kahneman und andere Verhaltensökonomen untersucht haben, gehören beispielsweise Verzerrungen in unserer Risikowahrnehmung, Abweichungen zwischen kurz- und langfristigen Präferenzen oder auch Neid auf andere und Abneigung gegen Ungleichheit.

Wenn ich mich gelegentlich in den sozialen Medien tummele, würde ich am liebsten Posts sehen, in denen Freunde und Bekannte interessante Artikel über die politische Situation in ihren Ländern verlinken, über die man dann gemeinsam diskutieren könnte. Vielleicht wäre ich sogar gelegentlich bereit, auf eine Werbeanzeige zu klicken, wenn sie mir zum Beispiel interessante Bücher empfehlen würde. Offenbar bin ich jedoch anfällig dafür, auch mal länger, als mir bewusst und lieb ist, auf ein Kochvideo zu starren – und so zeigen mir die Algorithmen gnadenlos ein Kochvideo nach dem anderen. Das mag noch harmlos sein. Doch die Kombination aus künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit findet sich auch in größerem Maßstab, auf Arten und Weisen, die gesellschaftlich relevant sind. 

Künstliche Intelligenz wird zur Gewinnmaximierung eingesetzt

Viele Diskussionen beschäftigten sich in den letzten Jahren mit der These von den "Echokammern", denen zufolge die algorithmische Sortierung von Nachrichten die Leute in ihren eigenen Meinungen bestärkt. Zwar deutet empirische Forschung inzwischen darauf hin, dass das ein Mythos ist, aber dennoch verbreiten sich sensationslüsterne Nachrichten, am besten mit irgendeiner Horrorbotschaft in der Überschrift, oft rasend schnell im Netz. Ob es jedoch das "bessere Selbst" der Individuen ist, das zu dieser Weiterverbreitung beiträgt, ist fraglich – vielleicht würden viele von ihnen eigentlich lieber ein sachliches, ausgewogenes Bild der politischen Lage haben, können aber dem Reiz, bestimmte Nachrichten zu teilen, nicht widerstehen. Wenn diese natürliche Dummheit dann auf künstliche Intelligenz stößt, ist das eine toxische Mischung. 

Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz insgesamt scheint viel mit natürlicher Dummheit zu tun zu haben, im Sinne von kurzfristiger, einseitiger Fokussierung. Man könnte ja denken, dass künstliche Intelligenz vor allem dafür eingesetzt würde, die größten Probleme der Menschheit zu lösen. Es mangelt nun wahrlich nicht an Kandidaten: Armutsbekämpfung, Reduktion von CO2-Emissionen, Aufdeckung von Diskriminierung – es gibt zahlreiche Felder, in denen wir gut daran täten, menschliche durch künstliche Intelligenz zu ergänzen, Probleme zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. Doch der Einsatz von künstlicher Intelligenz ist in vielen Fällen auf Gewinnmaximierung ausgerichtet – und damit, wie der Kapitalismus insgesamt, anfällig dafür, unserer natürlichen Dummheit anheimzufallen.