Deliveroo sitzt in London. Lieferando sitzt in Berlin. Martin Hawel, ebenfalls Lieferunternehmer, sitzt auf einer Holzeckbank in der Küche seiner Eltern im Allgäu. "Steffen, wie geht's?", sagt er ins Handy. Hawel, 32, telefoniert mal wieder mit einem seiner Fahrer. Sein Laptop liegt auf einem Platzdeckchen am Esstisch, er trägt einen Fünftagebart und ein silbernes Kettchen mit Kreuzanhänger. Hinter ihm hängen Kinderfotos, darauf zu sehen sind er und seine Schwester bei einem Westerncamp und der Erstkommunion. Vor eineinhalb Jahren ist Hawel wieder bei seinen Eltern eingezogen, in ein Reihenhaus am Rand der Kleinstadt Kaufbeuren. Seine Wohnung in München und einen sicheren Job bei einer Behörde hat er gegen die Selbstständigkeit eingetauscht.

Hawel hat Radkurier24 gegründet, einen neuen Lieferdienst, dessen Kuriere schon bald Pizza, Burger und Sushi liefern sollen, aber auch andere Waren wie neue Handys, Medikamente oder Supermarkteinkäufe zum Kunden. Schneller als Amazon soll die neue Firma sein, fairer als Lieferando. Noch im September soll der Dienst starten, sobald noch bestehende technische Probleme behoben sind. Hat das Start-up eine Chance?

Den Kurierdienst gründet er in einer Zeit, in der sich die bekannten Unternehmen der Branche zurückziehen oder zusammenschließen. Von den größeren Essenslieferdiensten ist in Deutschland eigentlich nur noch Lieferando übrig. Seit 2014 gehört die Firma zur niederländischen Muttergesellschaft Takeaway.com, die in zwölf Ländern Lieferdienste betreibt. 2019 übernahm das Unternehmen auch Lieferheld, Foodora und Pizza.de, die seitdem alle unter der Marke Lieferando laufen.

Martin Hawel hat seinen Job als Sachbearbeiter aufgegeben, um einen Lieferdienst zu gründen. © Privat

Ein Dienst für Großstädter

Experten bezeichnen den deutschen Markt als besonders hart. Die Deutschen bestellen relativ selten Lieferessen – im Durchschnitt nur sechsmal im Jahr. Bei den Briten zum Beispiel klingelt der Kurier doppelt so oft. 

Der große Wettbewerber Deliveroo verkündete erst letztes Jahr, sich nur noch auf fünf deutsche Großstädte zu konzentrieren, Mitte August gab das Unternehmen jedoch überraschend bekannt, dass es Deutschland ganz verlässt.

Ausgerechnet jetzt will Hawel also in diesen schwierigen Markt einsteigen. Als er vom Rückzug von Deliveroo aus Deutschland erfuhr, sah er das nicht als Warnung, dass das Liefergeschäft nicht so lukrativ ist wie erhofft, sondern als Chance. Es war eine Lücke frei geworden und nun will er sie neu besetzen. Und: Er will nicht genau das versuchen, womit andere erst groß geworden und dann gescheitert sind, sondern er will es besser machen, sozialer, umweltfreundlicher.

Auch um Geld zu sparen, geht Hawel in die Provinz – obwohl Essenslieferdienste vor allem in Metropolen funktionieren, allein schon wegen der vielen dort ansässigen Restaurants. Zum Vergleich: Zu Hawels Elternhaus kann er sich über Lieferando Essen von 17 Restaurants und Imbissen bringen lassen, hauptsächlich Pizza. Ins Münchner Glockenbachviertel liefern dagegen allein 220 Restaurants und Imbisse über die Plattform. Wenn Hawel seine Fahrer oder mögliche Kunden treffen will, muss er mit dem Regionalzug immer zuerst nach München, zum nächste ICE-Halt.

Neuer Arbeitsplatz: die Küche

Hawels Arbeitsplatz ist die Küche seiner Eltern. Hier gibt es keine bunten Sitzbälle oder Sitzsäcke wie in modernen Coworking-Spaces. Stattdessen: Landhausstil, holzvertäfelte Decken, beige Fliesen an der Wand. "In der Küche ist das Internet im Haus am besten", erklärt Hawel. Von hier aus hat er seine Website gebaut, hier telefoniert er mit App-Entwicklern und schreibt bisher rekrutierten Fahrern über eine Telegram-Gruppe. "Hallo zusammen", fängt er seine Nachrichten an, schickt Screenshots, wie die App aussehen soll, und organisiert Treffen in Köln oder Berlin. Seine Gruppennachrichten enden mit "LIEBE GRÜßE", in Großbuchstaben. Für die App beauftragt Hawel einen befreundeten Webdesigner für eine niedrige vierstellige Summe. "Bei dem geringen Preis, den ich zahle, dauert es eben etwas länger", sagt er.

Hawel hat weder BWL noch Prozessmanagement studiert. Vor seiner Idee kannte er sich weder mit Kurierdiensten noch mit App-Entwicklung aus. "Das war wie ein Gedankenblitz", sagt er. Er habe auf dem Weg zur Hochzeit eines Freundes in Zürich im Stau gestanden, so erzählt er es, da habe sich auf einmal ein Fahrradkurier durch die Reihen der wartenden Autos am Bellevueplatz geschlängelt. Hawel sagt, da habe er gedacht: "Das ist die Zukunft." Nicht nur für faule Städter, die Essen beim Lieblingsrestaurant bestellen wollen, sondern für alle. Hawel fragte sich, wie viel Lieferverkehr man sonst noch aufs Rad verlagern könnte, vor allem in Großstädten, die sich durch die Verkehrswende stark verändern: Parkplätze werden zu Radwegen, Straßen zu Fußgängerzonen. Das, was Eltern am Prenzlauer Berg mit ihren Lastenrädern im Kleinen schon für sich machen, will Hawel für alle als Service anbieten.