"Es ging mir nie darum, nur noch zu faulenzen" – Seite 1

Stress, nervige Kollegen, unfähige Chefs: Viele Menschen sind mit ihrer Arbeit unzufrieden, wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup gezeigt hat. Dennoch kommen diese Menschen täglich ins Büro. Zu sehr sind sie auf ihr Gehalt angewiesen, müssen die Miete bezahlen, vielleicht Geld für ein neues Auto sparen. Die Anhänger der FIRE-Bewegung wollen das anders machen. Sie bevorzugen, nur noch Zeit für Dinge aufzuwenden, die sie wirklich gerne tun. Und alles anderes zu vernachlässigen. Der Wirtschaftsingenieur Florian Wagner lebt nach diesem Prinzip und hat ein Buch darüber geschrieben.


ZEIT ONLINE: Herr Wagner, worauf mussten Sie zuletzt verzichten?

Florian Wagner: Auf gar nichts. Es ist ein gängiges Vorurteil, dass Sparen Verzicht und Einschränkung bedeutet. Aber das ist nicht der Fall. Mein Ziel ist es, das bestmögliche Leben zu gestalten, Lebensqualität ist die oberste Priorität. Ich würde nie eine Entscheidung treffen, die mir Freude nimmt, nur um Geld zu sparen. Ich versuche, mein Geld effizienter einzusetzen. Also die gleiche Freude für weniger Geld.

Florian Wagner ist Wirtschaftsingenieur und Blogger. In seinem neuen Buch "Rente mit 40" schreibt er, wie man auch ohne Arbeit genug Geld einnimmt – und wie er selbst nach diesem Prinzip lebt. © pomponetti

ZEIT ONLINE: Wie geht das?

Wagner: Das Wichtigste ist, nicht mit steigendem Einkommen automatisch die Ausgaben zu erhöhen. Im Studium kam ich wunderbar mit wenig Geld aus. Dann fing ich an, zu arbeiten, bekam mein erstes Gehalt, die erste Gehaltserhöhung. Und automatisch stiegen auch die Ausgaben. Das ist mir vor einigen Jahren aufgefallen und ich habe versucht, das zu entkoppeln.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie leben wie im Studium?

Wagner: Nein, ich gönne mir durchaus das, was ich möchte. Heute gehe ich ins Restaurant und trinke ein Feierabendbierchen, wenn mir danach ist. Ich habe dafür ein Level gefunden, das für mich optimal ist. Dabei geholfen hat mir, mein Budget einmal aufzumalen, um zu sehen, wofür ich eigentlich mein Geld ausgebe. Seitdem habe ich für den Weg zur Arbeit von der U-Bahn auf das Rad gewechselt. Ich hole mir seltener einen Döner auf dem Heimweg und koche häufiger selbst. Dadurch fühle ich mich besser und spare quasi nebenbei Geld.

"Geld spielt beim Frugalismus eine wichtige Rolle, weil es Unabhängigkeit ermöglicht."
Florian Wagner

ZEIT ONLINE: Es geht beim Frugalismus also nicht nur darum, so früh wie möglich in Rente zu gehen?

Wagner: Nein, überhaupt nicht. Der Titel des Buchs ist da vielleicht etwas reißerisch. Ja, ich beschreibe darin Beispiele von Menschen, die es geschafft haben, finanziell komplett unabhängig zu sein. Paradoxerweise ist es dafür nötig, sich erst mal viele Gedanken über Geld zu machen. Denn Geld spielt beim Frugalismus eine wichtige Rolle, weil es Unabhängigkeit ermöglicht. Außerdem beschäftige ich mich als Frugalist auch mit Glücksforschung und der Frage, was längerfristig zufrieden macht.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Wagner: Das kann sehr unterschiedlich sein. Ich bin nicht der Meinung, dass teure Reisen oder schnelle Autos an sich schlecht sind. Wenn das teurere Auto jemandem jeden Tag Freude bereitet, dann ist dessen Kauf eine frugalistische Ausgabe. Aber wenn ich es nur kaufe, um den Nachbarn zu beeindrucken, lohnt es sich nicht. Die Frage ist immer: Wie viel Lebensfreude bekomme ich langfristig durch die Ausgabe? Macht mich die teure Reise wirklich glücklicher, als mit meinen Freuden zum Badesee zu radeln? Brauche ich die neue Spielekonsole? Ich warte 30 Tage, bevor ich mir etwas Größeres anschaffe. Wenn ich es dann immer noch will, habe ich vermutlich auch danach noch lange Freude daran.

Ist Frugalismus nur etwas für Besserverdiener?

ZEIT ONLINE: Laut Ihrem Buch führen Genügsamkeit, zwischenmenschliche Beziehungen, Bewegung und Ernährung zum Glück – das klingt ein bisschen nach Kalenderweisheit. 

Wagner: Es sind im Grunde auch ganz einfache Prinzipien. Aber die meisten Menschen sind so im Alltagstrott gefangen, dass es ihnen schwerfällt, danach zu leben. Man muss die eigenen Gewohnheiten hinterfragen: Bringt mir der Cappuccino, den ich mir jeden Morgen kaufe, eigentlich Freude? Vielleicht kann ich mir solche Dinge sparen und dafür früher in Rente gehen. Dass das möglich ist, zeigen die Geschichten der Menschen in meinem Buch.

"Es gibt viele Bereiche in meinem Leben, die ich noch verbessern will."

ZEIT ONLINE: Bei den Beispielen entsteht manchmal der Eindruck, es gebe nur zwei Extreme: der ungesunde, konsumorientierte, geknechtete Lohnarbeiter auf der einen Seite und der finanziell unabhängige, gesund kochende, radfahrende, glückliche Frugalist auf der anderen. Gibt es auch eine Zwischenlösung?

Wagner: Ja, absolut. Letztlich bin auch ich nicht so extrem, es gibt viele Bereiche in meinem Leben, die ich noch verbessern will, die gesunde Ernährung zum Beispiel. Aber es geht gar nicht um ein verbissenes Ziel. Die Geschichten in meinem Buch sollen eher als Inspiration dienen, wie man mit diesen Ideen sein Leben ein bisschen besser machen kann. Meines haben sie besser gemacht.

ZEIT ONLINE: Auch, weil Sie aus dem "Hamsterrad", wie Sie es im Buch immer wieder nennen, ausgebrochen sind, also die Lohnarbeit als Angestellter hinter sich gelassen haben?

Wagner: Ich habe an sich gern angestellt gearbeitet, aber irgendwann hat es mich dann nicht mehr erfüllt. Deshalb habe ich gekündigt und arbeite an meinen eigenen Projekten. Ich bin jetzt viel selbstbestimmter.

ZEIT ONLINE: Und das sollten wir alle tun?

Wagner: Nein, nicht unbedingt. Wer zufrieden ist, sollte gar nichts ändern. Sicher ist nicht jeder Angestellte im Hamsterrad gefangen. Aber viele von ihnen sind unzufrieden mit ihrem Job. Da wäre es doch schön, zu wissen, dass man auch ohne Arbeit genug Einkommen hat und sich nicht weiter in einem ungeliebten Job quälen muss.

"Es ist wichtig, nicht all sein Erspartes nur auf dem Sparbuch zu lassen."

ZEIT ONLINE: Viele der Menschen, die das geschafft haben, hatten auch schon ohne Frugalismus viel Geld. Das Paar, dessen Vermögensaufbau Sie im ersten Kapitel beschreiben, hat ein Einkommen von mehr als 100.000 Euro. Ist Frugalismus nur etwas für Besserverdiener? 

Wagner: Mit 40 in Rente zu gehen, ist sicher nicht für jeden realistisch, das behaupte ich auch nicht. Für Besserverdiener ist es relativ einfach umzusetzen. Aber auch Geringverdiener können von den Tipps zu mehr finanzieller Unabhängigkeit profitieren und unnötige Ausgaben hinterfragen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Geld ist denn nötig für die Rente mit 40?

Wagner: Das ist schwer zu sagen. Eine Faustregel besagt, dass man von langfristig angelegtem Vermögen etwa vier Prozent jährlich entnehmen kann, ohne pleite zu gehen. Um von diesen vier Prozent leben zu können, muss also das angesparte Vermögen ausreichend groß sein. Das heißt, man braucht ungefähr das 25-Fache dessen, was man im Jahr zum Leben ausgibt. Um dieses Vermögen aufzubauen, kommt es sowohl auf das Einkommen als auch auf die Ausgaben an. Das wichtigste Kriterium ist die Sparquote, also der Anteil des Einkommens, der gespart wird. Meine beträgt ungefähr 60 Prozent, der deutsche Durchschnitt liegt etwa bei zehn Prozent.

Ich glaube nicht, dass ich mit 40 abrupt aufhöre, zu arbeiten

ZEIT ONLINE: Und das Gesparte legen Sie an der Börse an?

Wagner: Richtig, das Ziel ist es ja, passives Einkommen durch Kapitalertrag zu generieren, also durch Zinsen, Dividenden und steigende Kurse. Der Vermögensaufbau ist einer der Bausteine des Frugalismus.

ZEIT ONLINE: Muss man als Frugalist Aktienexperte sein?

Wagner: Nein, das kann jeder. In Deutschland wird in der Schule wenig darüber gelehrt, deswegen war mein Anspruch im Buch, einfach zu erklären, warum es wichtig ist, nicht all sein Erspartes nur auf dem Sparbuch zu lassen. Wichtig ist es dagegen, langfristig zu investieren, auf 20 oder 30 Jahre. Dann ist man auch von kurzfristigen Schwankungen unabhängig. Einen ETF-Sparplan auf einen Index, der die Konjunktur der Weltwirtschaft abbildet und in den man jeden Monat 50 Euro einzahlt, kann man beispielsweise in einer halben Stunde einrichten. Das ist meiner Meinung nach ein guter Weg, um über längere Zeit Geld zurückzulegen.

ZEIT ONLINE: Wenn alle Frugalisten werden und weniger Dinge kaufen, steigen aber vielleicht die Aktienkurse nicht mehr so schnell. Das wäre dann auch für Frugalisten, die an der Börse Geld verdienen wollen, nicht gut.  

Wagner: Ich wende mich ja nicht gegen Konsum an sich. Ich rate nur, bewusster zu konsumieren. Wenn wir das alle tun würden, würden manche Produkte vielleicht verschwinden, aber die Nachfrage nach nachhaltigen und qualitativ höherwertigen Produkten würde steigen. 

"Finanzielle Unabhängigkeit eröffnet Möglichkeiten und ich merke, dass mich das immer gelassener macht"

ZEIT ONLINE: Achten Sie bei Ihren Investitionen an der Börse auch auf Nachhaltigkeit?

Wagner: Es ist fast unmöglich, immer zu durchschauen, was genau hinter einer Investition steckt. Solche Kriterien sind nicht meine oberste Priorität, aber ich versuche, nicht in Unternehmen zu investieren, deren Praktiken offensichtlich nicht mit meinen Werten übereinstimmen.

ZEIT ONLINE: Sie sind jetzt 32, planmäßig sind Sie also in acht Jahren Rentner. Wie werden Sie denn Ihren Ruhestand verbringen?

Wagner: Ehrlich gesagt ist diese magische Grenze für mich immer unwichtiger geworden. Am Anfang meiner Überlegungen war das mein Ziel, mittlerweile glaube ich nicht, dass ich mit 40 abrupt aufhöre, zu arbeiten. Es ging mir auch nie darum, dann nur noch zu faulenzen. Ich glaube nicht, dass das glücklich macht. Aber es ist schön, die Option zu haben. Finanzielle Unabhängigkeit eröffnet Möglichkeiten und ich merke, dass mich das immer gelassener macht, auch wenn ich Stand heute noch gar nicht wirklich unabhängig bin.

ZEIT ONLINE: Also doch Arbeit bis 65?

Wagner: Irgendetwas muss ich ja tun. Aber ich kann es mir eben selbst aussuchen und nur die Projekte angehen, die mich begeistern. Ich unterstütze zum Beispiel schon jetzt ein Schulprojekt in Argentinien. Wenn ich für mein eigenes Auskommen gesorgt habe, könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, mich dort noch stärker zu engagieren.