Sexualkundeunterricht: "Da unten? So was geht gar nicht"

Vor 50 Jahren wurde der Sexualkundeunterricht eingeführt. Peinlich ist er für Jugendliche immer noch, sagt der Sexualpädagoge Dominik Mantey. Helfen könne das Sex-ABC. Interview:

Wie redet man mit einer Klasse Jugendlicher darüber, wie ein Kondom richtig benutzt wird? Was soll man sagen, wenn die eine über Pornos und der andere über Gangbang sprechen will? Sexualkundeunterricht zählt zu den großen Herausforderungen im Leben von Lehrerinnen und Lehrern – aber den Schülerinnen und Schülern ergeht es auch nicht besser. Wie fragt man in einem Alter, in dem einem eigentlich alles peinlich ist, Erwachsene, was Oralverkehr ist? Seit dem Start des neuen Schuljahrs vor 50 Jahren wird im Schulunterricht der Bundesrepublik über Sexualität gesprochen. Thematisch hat sich der Unterricht seitdem wenig verändert, sagt Dominik Mantey. Der Sexualpädagoge fordert mehr seriöse Informationsangebote auf YouTube.

ZEITmagazin ONLINE: In den Sechzigerjahren unterrichteten Lehrerinnen und Lehrer mit Hilfe eines Sexualkunde-Atlasses. Sex wurde darin nur auf 32 Zeilen beschrieben, der Fokus lag auf der anatomischen Schilderung der Geschlechtsorgane. Inwiefern hat sich der Unterricht seitdem verändert?

Dominik Mantey: Bei den Kernthemen nicht viel. Es geht immer noch um Körperaufklärung, Verhütungsmethoden, Schwangerschaft und sexuell übertragbare Krankheiten. Trotzdem hat sich der Unterricht weiterentwickelt. Sexualerziehung ist eng mit den Normen einer Gesellschaft verbunden und die haben sich in den letzten 50 Jahren verändert. Sex ist nicht mehr so stark tabuisiert. Im Unterricht merkt man das an der Sprache. Wenn ein Schüler das Wort Pimmel benutzt, wird er dafür nicht mehr gerügt. Außerdem darf über mehr gesprochen werden. Zum Beispiel darüber, dass Sexualität auch außerhalb der Ehe stattfindet.

ZEITmagazin ONLINE: Das klassische Familienmodell Mutter-Vater-Kind ist überholt, das dritte Geschlecht wurde anerkannt und das Hashtag MeToo regte zu einer öffentlichen Debatte über sexuelle Gewalt an. Geht es um diese Themen auch im Unterricht?

© Privat

Mantey: Wir wissen aus Studien, dass Lehrerinnen und Lehrer seltener über sexualisierte Gewalt und Homosexualität sprechen als zum Beispiel über Anatomie oder Verhütung. Jugendliche geben aber an, dass sie darüber gerne mehr erfahren würden. Transgender oder das Infragestellen von Geschlechtsnormen sind meiner Erfahrung nach ebenfalls selten Thema.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Themen wünschen sich Jugendliche noch?

Mantey: Unter anderem sexualisierte Gewalt, sexuelle Praktiken, Schwangerschaftsabbruch, Ehe und Partnerschaft. Auch Selbstbefriedigung, Pornografie und Prostitution kommen im Unterricht nur selten vor. 

ZEITmagazin ONLINE: Ist es sinnvoll, die Lehrpläne zu überarbeiten?

Mantey: Aus meinen Forschungsarbeiten weiß ich, dass Jugendliche Sexualkundeunterricht lohnenswert finden, wenn er ihre Interessen widerspiegelt. Deshalb würde ich einerseits sagen: Ja, der Unterricht sollte sich verändern. Andererseits ist die Schule nicht für alle Fragen der richtige Ort. Sexuelle Praktiken lassen sich beispielsweise schwer unterrichten, weil sie zu schambesetzt und tabuisiert sind. Sie passen nicht in die Schule.

ZEITmagazin ONLINE: Vor Ihrer Zeit als Wissenschaftler haben Sie lange als Sexualpädagoge Lehrerinnen und Lehrer beim Aufklärungsunterricht unterstützt. Welche Lehrer sind auf Sie zugekommen?

Mantey: Es waren zum einen Lehrer, die weiterführende Themen wie sexuelle Vielfalt oder Homosexualität behandeln wollten, aber nicht wussten, wie. Etwa weil in ihren Lehrbüchern nichts dazu stand. Oder denen bewusst war, dass die Schule nicht der richtige Lernort für diese Themen ist. Zum anderen kamen Lehrer zu uns, wenn es in ihrer Klasse Probleme gab. Wenn sie zum Beispiel Schüler hatten, die sich häufig sexuell grenzverletzend äußerten oder wenn Pornos im Klassenchat verschickt wurden.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern konnten Sie für Jugendliche eine bessere Ansprechperson sein als ihre Lehrer?

Mantey: Bei pro familia teilen wir Klassen geschlechtsspezifisch auf. Ich habe als Mann mit den Jungen gesprochen, eine Kollegin mit den Mädchen. Eine solche Trennung macht vor allem bei den sensiblen Themen Sinn, wie Pornografie oder sexualisierte Gewalt. Unsere Erfahrung zeigt, dass Jungs nicht so cool erscheinen wollen, wenn keine Mädchen im Raum sind. Viele Jungen machen sonst einen auf "Ich bin der Checker, der alles weiß" und tun so, als ob sie ständig Mädchen aufreißen würden.

Kommentare

153 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren