"Erst seit wir etwas haben, haben wir auch etwas zu verlieren" – Seite 1

Diesen Sommer kündigten Großunternehmen wie die Deutsche Bank an, Tausende Stellen zu streichen und radikal umzubauen, um wieder profitabel zu werden. In dieser Woche sagte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, dass die deutsche Wirtschaft schwächelt. Die Digitalisierung sorgt für flexibleres Arbeiten, fordert aber auch mehr Flexibilität von den Arbeitnehmern. Viele Menschen fürchten um ihren Arbeitsplatz. Martin Booms, Professor für Wirtschaftsethik an der Steinbeis-Hochschule Berlin, sagt, dass wir lernen müssen, mutiger mit dieser Unsicherheit umzugehen.

ZEIT ONLINE: Herr Booms, was macht es mit Menschen, wenn sie hören, dass Stellen gestrichen werden und vielleicht auch ihr Arbeitsplatz betroffen sein könnte? 

Martin Booms: Solche Ankündigungen, gerade wenn man sie aus den Medien erfährt, sorgen für Verunsicherung. Wir hängen immer noch an der Vorstellung, dass wir lebenslang denselben Arbeitsplatz behalten und Vollzeit arbeiten. Das ist aber nicht mehr zeitgemäß. Menschen wechseln heute zigmal in ihrem Leben den Arbeitsplatz. Das hat auch damit zu tun, dass sich Arbeit durch die Digitalisierung und die Globalisierung grundlegend verändert. Das Problem ist, dass das Sicherheitsbedürfnis noch besteht, es aber nicht mehr zum Arbeitsmarkt passt. 

"Wenn wir versuchen, uns abzusichern, versuchen wir, die Zukunft verlässlicher zu machen. Und das ist nicht möglich."
Martin Booms, Wirtschaftsethiker

ZEIT ONLINE: Ist das Bedürfnis nach einem sicheren Job nicht unabhängig davon, wie lange ich bei einem Arbeitgeber angestellt bin?

Booms: Letztendlich ist es nie möglich, das Bedürfnis nach Sicherheit vollständig zu erfüllen, auch dann nicht, wenn wir einen unbefristeten Vertrag haben. Trotzdem suchen wir in jedem Angestelltenverhältnis nach Sicherheit. Das Problem daran ist: Wir wissen nicht sicher, was kommt. Wenn wir versuchen, uns abzusichern, versuchen wir, die Zukunft verlässlicher zu machen. Eine sichere Erwartung dafür zu schaffen, was zukünftig passieren wird. Und das ist nicht möglich.

ZEIT ONLINE: Wie definieren Sie Sicherheit?

Im Auftrag der ZEIT hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft quer durch alle Berufsgruppen 1.000 Menschen befragt, was sie sich von ihrem Arbeitsplatz wünschen. In der Serie "Mein Job und ich" auf ZEIT ONLINE zeigen wir die Ergebnisse und erzählen die Geschichten dahinter. © Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

Booms: Sie ist das Bestreben, die Zukunft zu beherrschen, indem wir Risiko und Unsicherheit kontrollieren. Menschen sind beispielsweise verunsichert von der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder auch von Terroranschlägen. Arnold Gehlen, einer der bekanntesten Anthropologen des 20. Jahrhunderts, hat den Menschen als das "riskierte Wesen" bezeichnet. Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch die Freiheit, die Zukunft zu gestalten, und das bedeutet immer eine gewisse Unsicherheit. Das ist an sich überhaupt nichts Schlimmes, problematisch ist es nur, wenn die Unsicherheit zu groß wird.

ZEIT ONLINE: Das scheint gerade in der Arbeitswelt zu passieren: Menschen haben Sorge, dass Roboter ihnen ihre Jobs wegnehmen. Sie fürchten sich vor dem möglichen konjunkturellen Abschwung und davor, dass wir wieder in eine Wirtschaftskrise geraten …

Booms: … Und so entsteht ein diffuses Gefühl von Bedrohung oder Unsicherheit. Die Zukunftserwartung ist nicht mehr von Utopien oder einer hoffnungsvollen Grundhaltung geprägt. Stattdessen wird das, was uns bevorsteht, zunehmend negativ konnotiert. Aber das muss nicht unbedingt mit objektiven Risiken korrelieren. Die Digitalisierung etwa muss nicht schlecht sein für uns. Der Sicherheitsdiskurs kam in modernen Gesellschaften erst auf, als viele Risiken minimiert wurden. Anders gesagt: Erst seit wir etwas haben, haben wir auch etwas zu verlieren und fragen uns, ob das in Zukunft noch da sein wird. Das sollten wir nicht allein als Bedrohung auffassen, sondern uns darauf einstellen.

Bei vielen Menschen ist noch das alte Ideal in den Köpfen

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Booms: Dass wir anders – auch mutiger – mit Unsicherheit umgehen sollten. In der jungen Generation findet das bereits statt. Der Gedanke, dass wir nicht mehr lebenslang einen einzigen Job haben werden oder vielleicht zwischendurch auch ganz ohne klassische Anstellung sein werden, hat sich etabliert. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Aber momentan ist bei vielen Menschen eben noch das alte Ideal in den Köpfen, deshalb besteht große Verunsicherung. Der Gedanke, dass wir nicht mehr lebenslang einen einzigen Job haben werden, kann aber umgekehrt auch ganz neue Chancen auf Sinnerfüllung und Lebensgestaltung bieten.

"In Umbruchzeiten geht es darum, Menschen nicht allein zu lassen."
Martin Booms

ZEIT ONLINE: Wenn ich meine Miete zahlen muss oder jeden Monat mein Haus abbezahle, hilft mir Umdenken nicht weiter.

Booms: Sie haben recht. Individuell betrachtet klingt das zynisch. In Extremsituationen, wenn sich etwa die gesamte wirtschaftliche Lage verändert, brauchen die Arbeitnehmer Unterstützung durch den Arbeitgeber. Denn der Einzelne allein kann das nicht tragen. In Umbruchzeiten geht es deshalb darum, Menschen nicht allein zu lassen, sondern neue gesellschaftliche Modelle von Unterstützung und Teilhabe zu etablieren. Das wird aber nur gehen, wenn wir uns vorher gedanklich frei machen und nicht aus bloßer Angst vor der Veränderung erstarren. 

ZEIT ONLINE: Von welcher Unterstützung sprechen Sie?

Booms: Wir sollten uns auf eine materielle Absicherung verlassen können, auf Arbeitsverträge, die uns Sicherheit bieten, und eine Absicherung wie das Arbeitslosengeld, das es ja bereits gibt. Das bindet finanzielle Absicherung aber an Leistungen, die der Einzelne zu erbringen hat. Dass Einkommen und existenzsichernde Erwerbsarbeit vom deutschen Staat mit seinen Sozial- und Arbeitsmarktreformen so eng aneinandergebunden wurden, führt dazu, dass Menschen sich unsicherer fühlen. Eine Möglichkeit, diesen Widerspruch zu lösen, könnte eine Grundsicherung wie das bedingungslose Grundeinkommen sein. Und das sollten wir ganz unideologisch diskutieren. 

"In Deutschland sind Arbeitsverhältnisse stark mit Anerkennung und Selbstwert gekoppelt."
Martin Booms

ZEIT ONLINE: Sind Menschen, die viel haben, zum Beispiel Führungskräfte, auch diejenigen, die besonders unsicher sind? Oder fühlen gerade sie sich besonders sicher?

Booms: Ich glaube nicht, dass sich die Angst verschiedener gesellschaftlicher Gruppen unterscheidet. Manager, die ihre Arbeit verlieren, leiden oft ganz massiv. Natürlich haben diese Menschen in der Regel andere Möglichkeiten, sich ökonomisch abzusichern, und das macht einen Unterschied. Aber sie leiden oft gar nicht so sehr unter den finanziellen Einbußen, sondern unter dem Bild, das mit Arbeitslosigkeit verbunden ist. Sie haben das Gefühl, nicht mehr zu zählen. Und das liegt vor allem daran, dass in Deutschland Arbeitsverhältnisse stark mit Anerkennung und Selbstwert gekoppelt sind. Und natürlich gibt es auch Menschen, die ihre gesamte Zeit in den Job investieren und ihre sozialen Beziehungen nicht pflegen. Wenn sie ihre Arbeit verlieren, verlieren sie also alles, was sie noch haben.

ZEIT ONLINE: Ist das überall gleich oder unterscheiden die Deutschen sich von Arbeitnehmern in anderen Ländern?

Booms: In der Tat ist Arbeitslosigkeit in Skandinavien beispielsweise nichts, was als Katastrophe empfunden wird. Das ökonomische Problem besteht dort vielleicht auch, aber das größere Problem ist das Selbstwertgefühl, das wir in Deutschland aus dem Job ziehen. Das ist auch der Grund, warum Arbeitslosigkeit uns massiv belastet, egal ob wir genug gespart haben oder nicht.

ZEIT ONLINE: Was muss in Zukunft passieren, um den Menschen wieder mehr Sicherheit zu bieten?

Booms: Unsere Welt ist enorm in Bewegung geraten und unsere ökonomischen Verhältnisse verändern sich. Sicherheit herstellen zu wollen, indem man Veränderungen ablehnt, funktioniert nicht. Wir müssen vielmehr neu lernen, die Unsicherheit anzunehmen, und uns darauf einstellen.