Gestern hat der Reisekonzern Thomas Cook Insolvenz angemeldet. Neben rund 140.000 Touristen aus Deutschland sind davon auch die Reisebüros betroffen, die mit Thomas Cook zusammenarbeiten. Nils Hansen* leitet ein solches Reisebüro. Hier erzählt er, welche Auswirkungen die Pleite für ihn hat und weshalb er trotzdem optimistisch ist.

Seit mehr als 30 Jahren leite ich ein Reisebüro in Norddeutschland. Ich habe viele Höhen und Tiefen der Branche erlebt: den Aufstieg der Pauschalreisen in den Neunzigerjahren, das Internet als Konkurrenz und das Ausbleiben der jungen Kundschaft.

Die Nachricht, dass Thomas Cook insolvent sein soll, hat mich gestern trotzdem völlig überrascht. Klar wusste ich, dass es dem Unternehmen nicht gut geht, da habe ich ja schon einiges gehört. Aber pleite? Der ganze Konzern? Ich bin entsetzt.

Meinen Namen möchte ich nicht veröffentlichen, weil Thomas Cook sich in Deutschland noch nicht offiziell insolvent gemeldet hat. Wir sind Franchisenehmer der Marke. Sollte der deutsche Teil des Unternehmens doch weiter bestehen, weil er zum Beispiel durch Steuergelder gerettet wird, und ich mich öffentlich äußern, hätte ich ein Problem. Dann würde ich sicherlich bei dem Konzern auf einer Roten Liste landen und keine Aufträge mehr bekommen. Deshalb muss ich mich bis zur Anmeldung der Insolvenz an meinen Vertrag mit Thomas Cook halten.

"Wir rechnen mit enormen Provisionsausfällen."
Reisebüro-Betreiber

Seit uns die Nachricht von der Pleite gestern erreicht hat, klingelt ständig das Telefon. Viele Kundinnen und Kunden rufen uns an und sind verunsichert. Sie fragen sich, ob sie ihr Geld wiedersehen. Meistens müssen wir sie vertrösten. So genau wissen wir das selbst noch nicht.

Auch wir haben große Sorgen. Wir verdienen ja mit jeder Thomas-Cook-Reise, die wir verkaufen, Provisionen. Alle Provisionen und Anzahlungen für die kommende Wintersaison und die Reisen im nächsten Sommer sind nun weg. Wir rechnen mit enormen Provisionsausfällen. Geht Thomas Cook wirklich pleite, dürfen sie uns nichts mehr auszahlen.

Die Unsicherheit ist auch bei meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen groß. Sie müssen zwar nicht um ihre Jobs fürchten, da es unserem Reisebüro wirtschaftlich gut geht. Doch wie sich das alles entwickelt, kann keiner genau sagen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Flugsparte Condor durch den Staat gerettet wird. Wie es bei Öger Tours und Bucher Reisen aussieht? Wir sind ratlos. 

Das Mutterunternehmen wird sicherlich pleite gehen. Zu groß waren die Managementfehler. Eine Sache macht das gut deutlich: Thomas Cook Deutschland hat kein einziges Kreuzfahrtschiff. Wie konnte das Unternehmen diesen Trend verpassen? Gleichzeitig hat man sich in der Chefetage praktisch nur auf Reisebüros und nicht auf den Direktverkauf im Internet konzentriert. Ein großer Fehler, finde ich mit meiner Erfahrung als Reisebüroleiter. Dann sind da noch der Brexit und das schwache Pfund. Da ist nichts mehr zu retten, fürchte ich.

Zum Glück tragen wir nur den Namen von Thomas Cook, sind aber seit vielen Jahren vom Angebot her breiter aufgestellt. Neben den Pauschalreisen planen wir seit 25 Jahren auch Geschäftsreisen für Stammkunden und -kundinnen. Das macht mittlerweile mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus – und ist unabhängig von Thomas Cook.

Um unsere Kunden zu beruhigen, habe ich gestern Plakate an unsere Schaufenster geklebt. "Wir sind ein privat geführtes Reisebüro, das nur aus strategischen Gründen mit Thomas Cook zusammenarbeitet. Alle Reisen und Flugtickets bei uns sind sicher", steht darauf. Sobald das Unternehmen Insolvenz anmeldet, überkleben wir den Namen Thomas Cook an unserem Laden – alles andere wäre geschäftsschädigend.

Für uns persönlich glaube ich aber, dass es auch ohne Thomas Cook gut weitergehen wird. Die Leute wollen noch immer reisen und sich dafür von uns vor Ort beraten lassen.

*Nils Hansen möchte anonym bleiben, da er berufliche Nachteile befürchtet. Sein Name wurde von der Redaktion geändert, ist ihr aber bekannt.