"Ich unterrichte für weniger als sieben Euro die Stunde" – Seite 1

Wenn Beate Strenge an der Tafel steht, sitzen vor ihr Akademiker aus Russland, Zuwanderer aus der Türkei, Geflüchtete aus Syrien. Manche haben nur drei Jahre lang eine Schule besucht, andere lernen gerade das Alphabet. Strenge buchstabiert Begriffe, erklärt das Grundgesetz, Pressefreiheit, Demokratie. "Ich ermögliche das, was in allen Politikerreden gefordert wird: Integration", sagt sie. Eine wichtige Aufgabe. Doch richtig honoriert wird sie nicht – zumindest nicht finanziell.

Strenge arbeitet an einer Volkshochschule in Berlin. Damit gehört sie zu den schlechtbezahltesten Dozenten und Dozentinnen des Landes. Während Lehrer an Gymnasien oder Berufsschulen laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft im Schnitt zwischen 3.600 und 5.000 Euro im Monat bekommen, verdienen Dozenten an der Volkshochschule brutto lediglich zwischen 1.900 und 2.600 Euro – wenn es gut läuft. "Da fühlt man sich wie eine Lehrerin zweiter Klasse", sagt Strenge.

Im gesamten Bundesgebiet gibt es 895 Volkshochschulen – viele davon bestehen seit genau 100 Jahren. In 581.000 Kursen werden an ihnen jährlich 18 Millionen Unterrichtsstunden für Erwachsene gehalten. In Sprachkursen oder Fortbildungen in Bereichen wie Gesundheit, Sport, Kunst oder Kultur. Jede einzelne Schule ist eigenständig, die meisten werden kommunal verwaltet oder sind in gemeinnützigen Vereinen oder Gesellschaften organisiert. Und jede gibt die eigenen Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor.

Seit vielen Jahren unterrichtet Maria Müller an einer Volkshochschule in Bremen. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen – aus Angst vor den Konsequenzen bei der Aufstellung der neuen Semesterpläne. Wie vor jedem Semester bangt die Dozentin für Sport und Bewegung, ob sie eine ausreichend hohe Anzahl an Kursen halten darf. "Manchmal hat man zehn Kurse in einem Semester und im anderen werden nur fünf bewilligt", sagt Müller. 

"Die Arbeitgeberrisiken werden auf die Dozenten abgewälzt"
Ansgar Klinger, Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft

Müller unterrichtet Arbeitnehmerinnen, Studenten, Freiberuflerinnen. Leben kann sie davon nicht. Für eine Unterrichtsstunde erhält sie 23 Euro brutto. Abzüglich der Abgaben für Renten-, Pflege- und Krankenversicherung und Steuern. Für die Vor- und Nachbereitungszeit von Kursen bekommt sie kein Honorar. Netto bleibt nicht viel: "Ich unterrichte für weniger als sieben Euro die Stunde. Da bekommt man es schon mit Existenzängsten zu tun", sagt Müller. Auch das versprochene Urlaubsentgelt, das an ihrer Volkshochschule Dozentinnen eigentlich zusteht, sei bisher nicht überwiesen worden. Müller sagt: "Honorarkräfte haben einfach keine Rechte. Doch wo wäre die Volkshochschule ohne uns?"

87 Prozent der Lehrkräfte an Volkshochschulen arbeiten auf Honorarbasis – freiberuflich. In keinem Zweig der Weiterbildung sei der Anteil an Honorarbeschäftigten so hoch wie bei den Volkshochschulen, sagt Ansgar Klinger von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Mit spürbaren Folgen für die Dozenten: "Das Honorar ist viel zu niedrig, die Arbeitgeberrisiken werden auf die Dozenten abgewälzt." Dass nur wenige von ihnen fest angestellt an Volkshochschulen arbeiten, liegt auch in der hundertjährigen Tradition der Institution begründet. Die ursprüngliche Idee der Volkshochschule war es, Menschen eine Möglichkeit zu geben, aus ihrem Berufsleben erworbenes Wissen in Abend- und Wochenendkursen zu unterrichten. Doch "wenn diese Beschäftigung dem Lebensunterhalt der Dozenten dient, braucht es mehr soziale Absicherung", sagt Klinger. Seine Gewerkschaft fordert deshalb feste Stellen für Dozierende, die dauerhaft unterrichten. "Für alle anderen braucht es einen Tarifvertrag mit angemessenen Bedingungen wie Urlaubsgeld und Ausgleich für die soziale Absicherung der Dozenten", sagt Klinger.

Berlin zeigt, dass der Druck auf einzelne Träger wirken kann

Karl Kirsch, Dozent an der Volkshochschule in Leipzig, ist einer dieser Menschen, die mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit bei einer Volkshochschule verbringen. Sie gelten damit offiziell als arbeitnehmerähnliche Beschäftigte. Die Schulen müssten ihnen ausgefallene Kurse teilerstatten, Zuschüsse zu Sozialversicherungen zahlen, etwas mehr Sicherheit bieten. "Doch legal, illegal, scheißegal. Daran hält sich fast keine Stadt", sagt Kirsch. Seit 1993 ist er freiberuflicher Deutschlehrer, hin und wieder gibt er auch Kurse in Englisch und Spanisch. Er kommt auf 30 Schulstunden pro Woche, Lehrer an Regelschulen auf 25. "Der Stress ist groß. Das ist fast schon gesundheitsschädigend", sagt Kirsch.

Für eine Unterrichtseinheit erhält er in Deutsch 33 Euro, für eine in Englisch manchmal nur 22 Euro. "Hinzu kommt, dass ich auch ausschließlich nur die gehaltene Stunde bezahlt bekomme." Ist Kirsch krank oder wird ihm ein Kurs aufgrund einer zu geringen Anmeldezahl abgesagt, geht er leer aus. Zuschüsse zu den Sozialversicherungen gibt es in Leipzig genauso wenig wie Festanstellungen. "Dabei bin ich nur auf dem Papier selbstständig", sagt Kirsch. Sein Fazit: "Die Bezahlung ist gemessen an dem, was wir leisten, absolut lächerlich."

Die Proteste zeigen Wirkung

Auch der Dachverband der deutschen Volkshochschulen ist sich der Problematik bewusst: "Wir wünschen uns faire Honorare in der Weiterbildung. Leider liegt das nicht in unserer Macht", sagt Sascha Rex von der Geschäftsstelle des Verbands. Das Problem: "Jede Kommune kann ihre Entscheidungen selbst treffen, also auch darüber, wie viel sie den Kursleitern auszahlen kann", sagt Rex. Die Volkshochschulen werden zu jeweils einem Drittel von den Kommunen, aus EU-Geldern und durch Kursgebühren finanziert. Bei den Integrationskursen konnte der Dachverband höhere Honorare erreichen, weil der Auftraggeber eine Bundesbehörde ist. Bei allen anderen Kursen liegt die Entscheidungsgewalt über den Lohn für die Dozenten beim jeweiligen Träger.

In Berlin hat sich gezeigt, dass es sich lohnen kann, Druck auszuüben. Beate Strenge hat dort 2011 mit ihren Kollegen und Kolleginnen auf dem Deutschen Volkshochschultag demonstriert. Sie trug eine Schlinge vom Armbruch ihrer Tochter, eine Augenklappe, eine Bandage vom letzten Kreuzbandriss. "Wie eine wandelnde Krankenstation", sagt sie. Gemeinsam verteilten sie eigens angefertigte Postkarten, sprachen Politiker an, sammelten Unterschriften für eine Petition. Dann der Erfolg: Seit 2014 werden Volkshochschuldozenten in Berlin ab dem vierten Krankheitstag 80 Prozent der entfallenen Honorare bezahlt. "Das ist in Deutschland wohl einmalig", sagt Strenge.

Sie und ihre Mitstreiterinnen setzten sich auch danach weiter für bessere Arbeitsbedingungen ein. Mit erneutem Erfolg. Seit August 2019 erhalten in Berlin nun alle Dozenten für insgesamt 90 Minuten Unterricht und Vorbereitung eine Vergütung von 35 Euro. Dazu gibt es jetzt auch Zuschläge der Stadt, Dozenten kommen so auf 44 Euro für die Unterrichtseinheit. "Eine satte Steigerung, aber noch lange nicht genug", sagt Strenge.