Immer mehr Frauen interessieren sich für den Beruf der Winzerin. Anette Closheim hat sich vor elf Jahren für diesen Beruf entschieden. Heute bewirtschaftet sie 14 Hektar Fläche in Rheinland-Pfalz. Hier erzählt sie, warum sie es als Winzerin schwerer hat als ihre männlichen Kollegen.

 ZEIT ONLINE: Warum haben Sie Ihren Job als Produktmanagerin aufgegeben und sind in das Familienweingut eingestiegen?

Anette Closheim: Das war eine Entscheidung, die sich über Monate angebahnt hat, in Gesprächen mit meinem Mann und engen Freunden. Als Produktmanagerin habe ich bei einem internationalen Börsenkonzern gearbeitet. Da war ich für schottischen Single Malt Whisky und Wodka verantwortlich. Ich bin viel gereist, hatte ein internationales Team. Aber die Arbeit bei so einem Konzern hat mir auch gezeigt, dass man schnell nur eine Nummer ist, irgendeine Mitarbeiterin unter vielen. Es geht oft nur um Performance und Geld. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Ich bin zurück in unser Familienweingut gegangen, weil ich dort die Freiheit habe, das zu tun, was ich möchte: Selbst ein Produkt zu formen und mit der Natur zu arbeiten. Außerdem wollte ich nicht, dass das, was meine Eltern aufgebaut haben, verloren geht.

"Meine Eltern haben mir immer zu verstehen gegeben: Das kannst du nicht allein machen, du brauchst einen Mann an deiner Seite."
Anette Closheims Vater

ZEIT ONLINE: Wie war der Einstieg bei Ihren Eltern?

Closheim: Nicht einfach. Meine Eltern haben mir immer zu verstehen gegeben: Das kannst du nicht allein machen, du brauchst einen Mann an deiner Seite. Ich habe darauf trotzig reagiert und gesagt: Das muss auch so gehen. Und am Anfang wollte ich nicht wahrhaben, dass mir noch Erfahrung fehlt. Beispielsweise wusste ich zu wenig über unsere Böden, ob sie anfällig für Trockenheit oder Staunässe sind und welche sich besser für Riesling oder Sauvignon Blanc eignen. Auf den ersten Blick sehen die Böden gleich aus, aber es sind die Feinheiten, die ich nach und nach von meinem Vater gelernt habe. Bis Ende des Jahres leiten wir das Weingut noch gemeinsam.

ZEIT ONLINE: Fällt es Ihrem Vater schwer, Ihnen das Weingut ganz zu überschreiben?

Closheim: Ja und Nein. Einerseits freut er sich, dass ich den Familienbetrieb weiterführe. Andererseits ist es nicht einfach für ihn, die Verantwortung ganz abzugeben. Als Winzer ist es schwer, von heute auf morgen ins Rentendasein abzutauchen. Man hat ein ganzes Leben für und mit Wein gelebt. So ein Einschnitt ist schwer. Und wenn eine Frau ein Weingut übernehmen will, kommen von der Elterngeneration auch teilweise Bedenken, was die körperliche Kraft angeht. Bei einem Mann heißt es eher: Der wird das schon machen. Als Frau muss man dann mindestens so gut sein wie ein Mann.

ZEIT ONLINE: Ärgert Sie das?

Closheim: Als ich mit dem Beruf angefangen habe, ja. Aber so was darf man nicht an sich ranlassen, man muss umso selbstbewusster und selbstsicherer sein. Unsere Erntehelfer behandeln mich nicht anders als meinen Vater. Sie kennen mich ja schon von früher und haben gleich akzeptiert, dass ich bald das Gut leite. Als Chefin habe ich generell, glaube ich, eine andere Herangehensweise als mein Vater. Er setzte weniger auf externe Unterstützung und mehr auf die Hilfe der anderen Familienmitglieder, auch wenn deren Freizeit dafür draufgeht. Ich dagegen möchte jemanden einstellen für die Büroarbeit, um mehr Zeit für die Weinherstellung und meine Kinder und meinen Mann zu haben.

"Manchmal vergleiche ich die Gärung zum Wein mit einem aufwachsenden Kind. Wenn Kinder klein sind, muss man schauen, dass man ihnen alles mitgibt."
Anette Closheim

ZEIT ONLINE: Welche Arbeit fällt auf dem Weingut an?

Closheim: Was zu tun ist, richtet sich sehr nach den Jahreszeiten. Grundsätzlich ändert sich das alle vier Wochen. Im Winter ist der Rebschnitt, von Frühjahr bis Herbst gibt es viel Arbeit im Freien, sobald der neue Jahrgang in den Verkauf kommt und vor allem vor Weihnachten, haben wir mehr mit Bestellungen und Verkauf im Büro zu tun. Es ist eine große Herausforderung, das alles im Blick zu haben – und auch für meine zwei Kinder genug da zu sein. Ich bin viel im Weinberg, gerade endet die diesjährige Weinlese. Da bin ich natürlich genauso wie jeder Erntehelfer dabei und schneide die Trauben ab. Das lasse ich mir nicht nehmen. Daneben habe ich eine Menge Arbeit im Keller.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie da genau?

Closheim: Im Keller werden die Trauben gepresst. Die wichtigste Arbeit ist für mich, die alkoholische Gärung zu kontrollieren. Manchmal vergleiche ich die Gärung zum Wein mit einem aufwachsenden Kind. Wenn Kinder klein sind, muss man schauen, dass man ihnen alles mitgibt. Wenn sie erwachsen sind, ist es schwierig, sie in ihrer Entwicklung noch zu beeinflussen. Ähnlich ist es bei Wein, der reift. Außerdem bin ich viel unterwegs, um unsere Weine zu vermarkten, mache Verkostungen in Restaurants, bei Händlern oder Privatkunden. Oft fängt mein Tag um sechs Uhr an und endet um 19 Uhr.