"Jeden Morgen nach dem Aufwachen dachte ich: Scheiße!" – Seite 1

Vor rund zwei Wochen haben wir Leserinnen und Leser aufgerufen, uns von ihrem Burn-out zu erzählen. Wie haben sie ihn bemerkt? Welche Symptome hatten sie? Was hat ihnen geholfen? Nur wenige Minuten später erhielten wir die erste, sehr persönliche und ausführliche Geschichte. Mehr als 70 weitere folgten. Die Menschen, die uns ihre Erlebnisse schilderten, haben einer anonymen Veröffentlichung zugestimmt. Viele äußerten ausdrücklich den Wunsch, ihre Erlebnisse zu erzählen, um anderen Betroffenen damit helfen zu können. Ihre Botschaft: Ihr seid nicht allein.

Wenn man die Geschichten liest, wird klar, dass die Ursachen eines Burn-outs vielfältig sind. Manche der Betroffenen gerieten erst in krank machenden Stress, als sie für ihre Mühen im Job keine Anerkennung mehr bekamen. Viele fragten sich nach dem Sinn ihrer Arbeit. Andere erlebten Mobbing. Private Probleme kamen oft dazu. 

Mit Schlafstörungen und Müdigkeit hatten fast alle der Betroffenen zu tun. Dennoch waren die Symptome des Burn-outs oft unterschiedlich – sie reichten von leichter Gereiztheit bis hin zu schmerzhaften körperlichen Erkrankungen wie Magenkrämpfen. Am Ende sind viele Betroffene verzweifelt, wie auch der Psychiater Rainer Hellweg erläutert.

Ein Großteil der Einsendungen kam von Männern, wobei auch viele Frauen uns schrieben. Die meisten von ihnen erlitten den Zusammenbruch im Alter von 45 bis 60 Jahren. Nach jahrelanger harter Arbeit rutschten sie in eine Krise. Wie soll es nur weitergehen? Schaffen sie das Pensum noch?

Die Jüngeren, die uns schrieben, waren zwischen 30 und 40 Jahren alt. Einige waren beruflich sehr eingespannt und betreuten dazu auch Kinder, hatten Schulden und Verpflichtungen. Sie funktionierten, bis es nicht mehr ging.

Was ihre Geschichten und auch andere zu dem Thema deutlich machen: Ein Burn-out kann jeden treffen, unabhängig von Job, Position und Bildung. Er geht oft einher mit mehr oder weniger starken körperlichen Auswirkungen. Die Geschichten zeigen auch: Die Zeit des Burn-outs ist für die Betroffenen eine große, existenzielle Krise. Und: Es gibt Hilfe.

Johanna, 54, Beraterin

Als Beraterin arbeitete ich rund zehn Stunden am Tag, oft auch am Wochenende. Urlaub nahm ich mir kaum, und wenn, dann nur wenige Tage am Stück. Mal zwei Tage Wandern, zwei Tage Weihnachten, der Rest ging für Familie und mein Ehrenamt in einem bundesweiten Verband drauf. 

Eines Morgens während eines Kongresses, zu dem ich reisen musste, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich saß in meinem Hotelzimmer und wusste nicht mehr, welcher Wochentag war oder was ich vorhatte, obwohl ich alles minutiös geplant hatte. Auch als ich mir meine Notizen vor die Augen hielt, half es nicht, denn ich konnte die Wörter nicht mehr verstehen. Kein Ort, kein Name und keine Uhrzeit ergaben mehr einen Sinn. Ich bewegte mich mechanisch, roboterhaft. Meine Stirn fühlte sich kühl und glatt an, zum Zerreißen gespannt. Als ich meinen Finger auf die Haut legte, spürte ich nichts.

Um wieder zu Bewusstsein zu kommen, beschloss ich, das Berufliche auszublenden und lieber ein paar Postkarten zu schreiben. Ich blieb im Bett des Tagungshotels, konzentrierte mich auf die Menschen, denen ich schrieb, und erzählte ihnen, wie das Wetter, das Essen und das Hotel seien. Ich redete sozusagen mit meiner Familie und meinen Freunden. Das erdete mich wieder. Langsam, ganz langsam, kehrte der Sinn für die Realität zurück und ich sagte mir: "Steh jetzt einfach nur auf und dusche. Mehr musst du für den Moment nicht tun. Dann frühstücken. Du musst nichts darüber hinaus planen, nur etwas essen, dann sehen wir weiter." Etwa eine Stunde später ging es wieder.

"Achtung! Gefahr! Ausruhen! Sofort!"
Johanna

Mein Partner, dem ich von dem Vorfall im Hotel nach meiner Rückkehr von dem Kongress erzählte, nahm die Situation so hin, wie sie war. Man muss dazu sagen, dass er ein leichtes Asperger-Syndrom hat. Das machte es leichter, denn er neigt nicht zu Emotionalitäten, sondern orientiert sich an den Fakten. Dass ich eine Menge liegen ließ, mich nicht des Haushalts annahm, stattdessen viel schlief, war für ihn einfach ein neuer Umstand, dem er sich irgendwie anpasste. Andere müssen sich möglicherweise Plattitüden anhören wie: "Das wird schon wieder" oder "Geh zum Arzt" oder "Ich habe dir ja schon immer gesagt, du ackerst zu viel". Ich war froh, dass er es hinnahm.

Ich habe nun gelernt, bei den ersten Anzeichen von Stress innezuhalten. Dann befehle ich mir, bewusst nichts zu tun. Ich lasse praktisch von jetzt auf gleich alles stehen und liegen, lege mich hin und ruhe mich aus und versuche, egal zu welcher Tageszeit, zu schlafen. Ich blende alle Gedanken, die mich davon abhalten wollen, aus. Stattdessen gebe ich mir den strikten Befehl: "Achtung! Gefahr! Ausruhen! Sofort!" Ich sage Dinge ab, verzögere, vertröste, bin ehrlich, ignoriere. Meist geht das erstaunlich gut.

"Ich knallte meinen Schlüssel auf den Tisch und kündigte"

Burn-out: wenn die Arbeit schwerfällt. © [M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE Foto: DEEPOL/​plainpicture

Hannes, 57, Gartenbauer

Als ich vor zehn Jahren als Gartenbauer anfing, wurde ich in der Mannschaft schnell zu einer Art Vorarbeiter. Ich bewegte alle Transporter, Kranwagen und Bagger. Wir arbeiteten bis zu zehn Stunden am Tag, mittags machten wir bloß eine halbe Stunde Pause. Für die körperlich sehr harte Arbeit bekam ich so gut wie nie Lob und wenig Geld, dafür herrschte immer Zeitdruck.

Nach zwei Jahren schrie ich immer häufiger auf der Baustelle herum, hatte ständig schlechte Laune und verletzte mich beim Arbeiten, weil ich nicht aufpasste. Als ich dann eines Morgens einen Eimer mit Pflanzen fallen ließ und noch auf der Stelle anfing, zu weinen, wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mittlerweile war ich über fünfzig Jahre alt. Jeden Morgen war mein erster Gedanke nach dem Aufwachen: Scheiße! Wie sollte es nur beruflich mit mir weitergehen? Wenn ich jetzt kündige, würde ich doch in meinem Alter keinen vernünftigen Job mehr finden, dachte ich. 

Irgendwann hatte ich permanente Schmerzen im Rücken, in den Schultern und Ellenbogen, in den Händen und Knien. Ich war oft traurig oder wütend. Dann schrie ich eines Morgens die versammelte Mannschaft in einem Wutanfall zusammen, was mir bis heute leidtut, knallte meinen Schlüssel auf den Tisch und kündigte. Auf Anraten eines Freundes ging ich zum Arzt, der mich sofort krankschrieb. Es folgten eine Reha und zwei Therapien. Leider verlor ich in dieser Zeit nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Freundin – und zwei Oldtimer, die ich aus finanziellen Gründen abgeben musste.

"Mich haben nur Menschen verstanden, die schon einmal in einer ähnlichen Situation waren wie ich"
Hannes

Damals haben mich nur Menschen verstanden, die schon einmal in einer ähnlichen Situation waren wie ich. Wenn ich anderen von meinem Burn-out erzählte, hatte ich oft das Gefühl, dass sie einfach nur dachten: "Jetzt stell dich mal nicht so an." Heute bin ich immer noch arbeitslos. Körperlich bin ich nicht mehr so belastbar. Eine Maßnahme des Jobcenters musste ich wegen Panikattacken abbrechen. Die wenigen Jobs, die ich wirklich gern gemacht hätte, zum Beispiel Tierpfleger im Tierheim oder Fahrradmonteur auf einer Nordseeinsel, wurden mit Fachkräften besetzt. Das kann ich verstehen. Frustrierend ist es trotzdem.

Ich kann allen nur raten, die ersten Anzeichen eines Burn-outs ernst zu nehmen. Je eher man dagegen vorgeht, desto besser. Man muss keine Angst vor Therapien haben. Du bist nicht verrückt. Unsere Arbeitswelt ist verrückt.

Mareike, 34, Sozialpädagogin

In meinem Beruf habe ich immer wieder mit Menschen zu tun, die psychisch erkrankt sind. Ich kenne mich also aus. Schon zwei Jahre vor meinem Zusammenbruch bemerkte ich die ersten Symptome eines Burn-outs an mir selbst. Irgendwann wusste ich, dass alles zusammenfallen würde, aber ich machte trotzdem einfach weiter. Ich hatte Angst, die Seiten zu wechseln. Ich fragte mich, was mich von meinen Klienten mit psychischen Krankheiten noch unterscheiden würde, wenn ich zugeben würde, dass es mir auch nicht gut geht.

Es fing damit an, dass ich immer müde war. An den Wochenenden schlief ich lang, wachte aber trotzdem erschöpft auf. Auch im Urlaub wurde es nicht besser. Dann musste ich immer wieder ohne Grund weinen. Alles wurde mir zu schnell. Ich hatte keine Lust mehr, mich zu verabreden. Meine Freunde nervten mich bloß noch. Mir wurde das Leben zu anstrengend. Ich hatte das Gefühl, dass alle etwas von mir verlangten. Dabei wollte ich doch bloß endlich meine Ruhe. Das bisschen Energie, das mir blieb, sparte ich mir für die Arbeit auf. 

Als ich immer ungeduldiger mit meinen Klienten umging, ließ ich mich von meiner Hausärztin krankschreiben. So unprofessionell wollte ich nicht mehr bei der Arbeit erscheinen. Die Ärztin empfahl mir eine Therapie, aber ich wollte keine, ich kannte mich schließlich aus und war mir sicher, dass ich es auch allein schaffen würde. Doch nach Monaten, in denen es nicht besser wurde, sah ich ein, dass ich Hilfe brauchte.

In einer Tagesklinik fand ich mich in bester Gesellschaft wieder, zwischen Lehrern, Polizisten, Erziehern und Studenten. Alle erzählten ähnliche Geschichten. Vielleicht war ich also doch nicht verrückt? Die Klinik half mir.

"Mein Chef sieht mich nicht mehr so wie vor dem Ausfall"
Mareike

Freunde und Familie hatten wenig Verständnis für meinen Zustand. Viele reagierten so, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Die Tagesklinik war für manche direkt eine "Klapse". Rückwirkend denke ich, die anderen waren mit meinem Verhalten überfordert und zogen sich zurück, anstatt offen mit mir darüber zu sprechen und einfach da zu sein. Mein Partner versuchte, mir zu helfen und eine Lösung für mein Berufsleben zu finden, er hat sich sehr viel Zeit für mich genommen. Er verstand aber nicht, warum ich es nicht mehr schaffte, den Haushalt zu machen, obwohl ich gerade die ganze Zeit zu Hause war. Aus Hilflosigkeit heraus schlug er vor, dass ich ja auch einfach Medikamente nehmen könne, wenn es nicht besser würde. Das hat mich geärgert. Ich fühlte mich in dieser Zeit oft allein und unverstanden.   

Meine Kolleginnen waren überrascht, als ich ihnen von meinen Problemen erzählte. Niemand hatte etwas geahnt. Ich hatte die Fassade bis zum Ende aufrechterhalten. 

Meine Ansprüche an mich selbst sind auch nach dem Burn-out noch sehr hoch, aber inzwischen versuche ich, auch Arbeit abzugeben und mich nicht für die Firma verantwortlich zu fühlen. Noch hat niemand etwas bemängelt. Schade finde ich nur, dass mein Chef mich nicht mehr so sieht wie vor dem Ausfall. Er verbietet mir, an bestimmten Terminen teilzunehmen, wahrscheinlich, um mich zu entlasten, aber ich fühle mich dadurch abgewertet. Als sei ich nicht mehr so gut wie die Gesunden.

"Mehr als fünf Jahre lang habe ich immer 120 Prozent gegeben"

Viele Burn-out-Betroffene erkennen sich selbst nicht wieder. © [M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE Foto: DEEPOL/​plainpicture

Jan, 49, Projektleiter

Vor neun Jahren habe ich ein Projekt für einen großen Konzern betreut, einen Zulieferer der Automobilindustrie. Es ist kein Geheimnis, dass in dieser Branche enormer Zeitdruck herrscht, überall gespart werden muss und dabei besonders hohe Qualität erwartet wird. Ich habe 70 Stunden in der Woche mit der Arbeit verbracht. Manchmal auch mehr. Für mich war das anstrengend, aber ich gewöhnte mich daran.

Für das Projekt führte ich mehrere Listen, auf denen ich aufschrieb, was noch zu tun war. Wenn ich die Listen ordentlich hielt und alles sauber eintrug, musste ich keine Angst haben, dass ich etwas Wichtiges vergaß. Aber irgendwann, als ich gerade keine Zeit hatte, weitere Punkte auf die Liste zu schreiben, fing ich an, mir stattdessen alles zu merken. Jede noch so kleine Sache, an die ich mich erinnern musste, behielt ich im Gedächtnis.

Anfangs bemerkte ich überhaupt nicht, welchen Druck das auf mich ausübte. Mir war nicht bewusst, dass ich im Kopf ständig diese Listen durchging. Eine Anspannung schlich sich ein. Auch in meiner Freizeit hörte ich nicht auf, die Listen abzuarbeiten. Ich veränderte mich langsam, ohne davon etwas mitzubekommen – bis zu dem Tag, an dem mich ein Kunde offen auf mein Verhalten hinwies.

"Ich fand heraus, dass ich längst keine gute Beziehung mehr zu meinen Mitarbeitern hatte"
Jan

Er sagte mir deutlich, dass ich meine Art der Kommunikation überdenken solle. Ich würde auf all seine Anfragen kategorisch mit Nein antworten – und dann erläutern, warum etwas nicht möglich sei. Mir war das überhaupt nicht aufgefallen. Danach sprach ich mit meinen Mitarbeitern und fand heraus, dass ich längst keine gute Beziehung mehr zu ihnen hatte. Ein Mitarbeiter, mit dem ich mich eigentlich immer gut verstanden habe, sagte mir direkt ins Gesicht, dass ich mich wie ein Arschloch verhalten würde.

Nicht einmal vier Wochen später wurde ich gekündigt. Sie hätten sich dem Willen des Kunden beugen müssen, sagten meine Chefs. Mehr als fünf Jahre lang habe ich immer 120 Prozent gegeben – und nun das? Die Sicherheit, die mir meine Arbeit gerade noch gegeben hat, war weg. Heute muss ich lachen, wenn ich daran denke, wie ich damals zu Hause saß und in der Firma anrief, um meinen Mitarbeitern zu sagen, woran sie unbedingt denken müssten. Es hat niemanden mehr interessiert. Ich war innerhalb von Minuten ersetzt worden.

Nach einer Zeit beruhigte ich mich wieder. Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. Ein Arzt sagte mir, dass ich überarbeitet sei und schrieb mich krank. Er gab mir auch die Nummer eines Psychotherapeuten. Ich rief ihn an, er half mir. Heute glaube ich, dass ich noch einmal gut davongekommen bin. Ich glaube fest daran, dass ich damals kurz vor einem richtigen Zusammenbruch stand – und dem nur entkommen bin, weil ich noch rechtzeitig gekündigt wurde.

Paula, 35, Grafikdesignerin

Mein Zusammenbruch ist schon mehr als zehn Jahre her. Damals, mit Mitte 20, kannte ich das Wort Burn-out nicht, aber ich denke, dass ich einen gehabt habe. Ich hatte Abschlussprüfungen an der Uni, nebenbei einen Job als studentische Hilfskraft. Was ich dort verdiente, brauchte ich nicht unbedingt zum Überleben, aber ich mochte es, nicht aufs Geld schauen zu müssen, wenn ich mir mal ein neues Shirt kaufen wollte. Oder ein Bahnticket. Außerdem dachte ich, dass ich den Studi-Job bräuchte, um später leichter eine Arbeit zu finden.

Meine Eltern kommen aus einfachen Verhältnissen, sie haben sich durch viel Fleiß ein bisschen Wohlstand erarbeitet. Wenn ich an sie denke, an meinen Vater, der auch am Wochenende ins Büro ging, als Erster, der in seiner Familie studiert hatte, und an meine Mutter, die fast täglich Überstunden machte, wundere ich mich nicht, warum ich mir früher so wenig Auszeiten gönnte. Freizeit, die muss man sich erst mal verdienen, dachte ich.

"Ich stand einfach nicht mehr aus dem Bett auf"
Paula

Vor den Prüfungen war ich aufgeregt. Um keine Panik zu bekommen, verbrachte ich möglichst viele Stunden in der Bibliothek und lernte. Oft büffelte ich danach noch zu Hause weiter, bis in die Nacht hinein. Wahrscheinlich hätte ich es geschafft, wie zuvor auch immer. Aber zwei Dinge passierten, die mich aus der Bahn warfen.

Zum einen trennte ich mich von meinem Freund, mit dem ich zwei Jahre eine On-Off-Beziehung geführt habe. Er wollte nicht akzeptieren, dass Schluss ist. Über Wochen schickte er mir Nachrichten, in denen er mich zu einem Neustart überreden wollte – oder mich wüst beschimpfte. Einmal rief er auch eine meiner Freundinnen an, versuchte auf sie Einfluss zu nehmen. Sie solle mit mir reden. Er war mir unheimlich. Ich befürchtete, dass er mir vor meiner Haustür oder der Uni auflauerte.

Zum anderen wurde bei meinem Vater bei einer Vorsorgeuntersuchung Prostatakrebs diagnostiziert. Er selbst ging sehr gefasst damit um. Er hat immer wenig über seine Gefühle gesprochen, nun war er noch ruhiger. Zwei Wochen lang wussten wir nicht, ob der Krebs gestreut hat. Das Warten auf die Untersuchung war schrecklich. Als wir dann die Nachricht erhielten, dass es keine Metastasen gibt, eine Chemo nicht nötig war, war mir klar: Es geht weiter.

"In meinem neuen Job darf ich auch mal krank sein"

Leider sah meine Mutter das nicht so. Sie fiel in der Zeit in eine tiefe Depression, redete nur noch davon, dass der Mann jetzt vielleicht stirbt. Sie bemitleidete sich und weinte oft. Ich ermahnte sie, sich zusammenzureißen. Sie müsse jetzt stark für meinen Vater sein. Aber das konnte sie nicht. Es kam mir vor, als ob ich nicht nur meinen Vater, sondern auch meine Mutter aufbauen muss.

Ich habe mich in dieser Zeit sehr allein gefühlt. Irgendwie schaffte ich es, die Prüfungen zu machen. Ich bekam eine Eins als Abschlussnote. Doch am Tag nach meiner letzten Prüfung stand ich einfach nicht mehr aus dem Bett auf. Auch nicht am nächsten Tag. Und am übernächsten. Ich erinnere mich nicht, wie lang ich im Bett lag, es muss eine knappe Woche gewesen sein. Wahrscheinlich war ich zwischendurch mal in der Küche oder ging auf die Toilette – die Grundbedürfnisse müssen ja da gewesen sein. Aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Mein Gedächtnis ist, was diese Tage anbelangt, ausgelöscht. Ich weiß nur noch, dass ich Tag und Nacht im Bett verbrachte.

Irgendwann klingelte das Handy, eine Freundin aus Berlin rief mich an. Sie sagte mir, ich solle mich sofort in den Zug setzen und zu ihr fahren. Das tat ich auch. Als ich dort war, entschied ich mich spontan, in der Stadt zu bleiben. In mein bisheriges Leben wollte ich nicht zurück. Ich suchte mir eine Wohnung in Berlin. Einen Job. Und einen Therapeuten.

"Im Nachhinein finde ich den Zusammenbruch nicht schockierend, eher skurril"
Paula

Rund zwei Jahre lang sah ich ihn ein Mal die Woche für je eine Stunde. Wir saßen in seiner altbacken eingerichteten Praxis mit der halbtoten Topfpflanze und der roten Couch, ich erzählte von meiner Kindheit. Von dem Gefühl, dass ich nur wer bin, wenn ich etwas leiste. Ich erzählte auch, dass es mir manchmal so vorkommt, als ob meine Freunde mehr Spaß hätten als ich. Der Therapeut hörte mir zu und zeigte Verständnis. Ich fing an, ihn sehr dafür zu mögen.

Nach vielen Sitzungen merkte ich: Ich muss nicht so sein wie alle anderen. Oder wie meine Eltern es sich wünschen. Ich brauche keinen Freund, um glücklich zu sein. Überhaupt brauche ich keine Männer.

Im Nachhinein finde ich den Zusammenbruch nicht schockierend, sondern eher skurril. Was war da nur los mit mir? Ich glaube, ich hatte Glück, dass ich noch so jung war. Ich habe seitdem viel über mich nachgedacht: darüber, was ich brauche, um abzuschalten. Und was mir guttut. Freizeit ist was Tolles. Ich erlaube mir heute, sie zu genießen. Und ich versuche, die Probleme der anderen nicht mehr so an mich ranzulassen.

Uta, 48, Fachkraft im Lebensmittelhandel

Ich habe mich früh selbstständig gemacht. Ich arbeitete im Feinkost-Einzelhandel, mit im Maximum 5 Filialen und 60 Angestellten. Schon mit Mitte zwanzig kannte ich ausschließlich Zwölf-Stunden-Tage. Auch am Wochenende musste ich immer arbeiten. Im Laufe eines Jahres kam ich vielleicht auf zwei Wochen Urlaub. In den ersten zehn Jahren konnte ich diese Belastung gut bewältigen. Es wurde erst kompliziert, als ich älter wurde und der Erfolg langsam nachließ.

Meine Tage begannen manchmal schon um 4 Uhr morgens und endeten erst um 20 Uhr oder später. Ich war ständig gereizt, immer müde und konnte kaum noch Empathie für andere Menschen empfinden. Ich hatte das Gefühl, gefangen zu sein und nichts an meiner Situation ändern zu können. Außerdem war ich aggressiv. Es war eine Zeit, in der ich mich heftig mit anderen stritt.

Als es dann noch im Privaten schwierig wurde, verschwand ich einfach. Setzte mich nachts ins Auto und fuhr los. Hunderte Kilometer in Richtung Norden. Ich mietete eine Ferienwohnung und blieb für eine Weile dort. Damit habe ich meine Firma aufgegeben. Ich habe damals viele Geschäftspartner enttäuscht, weil ich sie ohne Vorwarnung habe hängen lassen.

"Mein Zustand war für andere Menschen längst zu erkennen"
Uta

Trotzdem bekam ich Nachrichten, die voller Verständnis waren. Erst da wurde mir bewusst, dass mein Zustand auch für andere Menschen schon längst zu erkennen war, selbst für Geschäftspartner, die mich doch gar nicht richtig kannten. Ich habe von einem Moment auf den anderen den Stecker gezogen. Das hatte natürlich Konsequenzen: Ich musste Privatinsolvenz anmelden. Aber trotz der schlechten finanziellen Lage fühle ich mich heute wohler als in den dreißig Jahren zuvor. Das ist mir wertvoller als alles andere.

Nie wieder werde ich zur Selbstständigkeit zurückkehren. Heute arbeite ich als Verkäuferin in einer Fleischerei und bin angestellt. In meinem neuen Job habe ich Urlaub, darf auch mal krank sein und sobald ich das Büro verlasse, hat die Arbeit nichts mehr mit mir zu tun. Ich habe gelernt, mich mehr um mich selbst zu kümmern. Und seit einer Woche studiere ich sogar nebenbei. Management von sozialen Berufen. Es ist ein Neustart.