"Meistens trifft es Menschen, die sich für unverzichtbar halten" – Seite 1

Burn-out ist allgegenwärtig, jeder zweite Deutsche fühlt sich davon bedroht. Der Psychiater Rainer Hellweg hat täglich mit Menschen zu tun, die arbeitsbedingt an Erschöpfung leiden. Manche Berufe scheinen auffällig oft krank zu machen.

ZEIT ONLINE: Herr Hellweg, wie kommt es zu Burn-out?

Rainer Hellweg: In der Regel fängt es damit an, dass Betroffene nach Feierabend oft an die Arbeit denken. Sie können nicht mehr richtig abschalten, grübeln viel und schlafen wenig. Sie sind müde. Dadurch können sie sich schlecht konzentrieren, ihre Leistung nimmt ab. Sie verlieren die Freude an ihrer Arbeit. Einige werden ihrem Arbeitgeber gegenüber zynisch. Die Menschen begegnen Kollegen gereizt oder ziehen sich zurück. Und sie arbeiten mehr, um das Leistungsdefizit auszugleichen. Was zur Folge hat, dass sie noch erschöpfter werden. 

ZEIT ONLINE: Was sind erste Anzeichen?

Hellweg: Das Burn-out-Syndrom ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Beschwerden – eine genaue Liste der Symptome gibt es aber nicht. Sie entwickeln sich über einen längeren Zeitraum und verändern sich im Lauf der Zeit. Oft wird von verschiedenen Phasen des Syndroms gesprochen. In der Anfangsphase sind viele Betroffene noch sehr engagiert im Beruf. Sie leisten immens viel, sind aber auch schon ständig müde. In der nächsten Phase werden sie immer erschöpfter, reizbar und innerlich unruhig. Die Müdigkeit wird chronisch. Die Endphase ist geprägt von Resignation, Konzentrationsstörungen und Antriebslosigkeit. Viele Betroffene sind dann auch sehr niedergeschlagen.

"In der Praxis sieht es oft so aus, dass Betroffene einen Burn-out und eine Depression haben"
Rainer Hellweg

ZEIT ONLINE: Klingt nach einer Depression.

Hellweg: Die beiden Störungen ähneln sich sehr, vor allem in den Symptomen. Es kommt vor, dass Patienten gesagt bekommen, sie hätten Burn-out, dabei haben sie eine Depression. Doch Burn-out-Patienten sind durch zu viel Arbeit in einen Erschöpfungszustand geraten, Depressive nicht unbedingt. Der Depressive wacht früh auf und grübelt, weil er glaubt, den nächsten Tag nicht zu schaffen. Der Burn-out-Patient schläft dagegen häufig schlecht ein. Und während ein depressiver Mensch überhaupt keine Freude mehr zu empfinden scheint, schaffen es "Ausgebrannte" manchmal noch, dem Leben abseits der Arbeit etwas abzugewinnen, im Urlaub beispielsweise oder wenn sie mit Freunden zusammen sind. Das zumindest in der Theorie. In der Praxis sieht es oft so aus, dass Betroffene einen Burn-out und eine Depression haben. Dementsprechend häufig werden beide Störungen bei einem Patienten festgestellt.

ZEIT ONLINE: Gibt es Menschen, die eher einen Burn-out erleiden als andere? 

Hellweg: Es gibt sicherlich genetische Faktoren, die noch nicht ausreichend erforscht sind. Auch führen manche Lebensereignisse eher zu einem Burn-out als andere. Meiner Erfahrung nach sind diejenigen gefährdeter, die ihre Arbeit nicht mehr für sinnvoll und beherrschbar halten. Meist glauben sie nicht, dass sie sie zu ihrer Zufriedenheit schaffen. Sie befinden sich in einem Zustand permanenter Überforderung.

ZEIT ONLINE: Oft heißt es, dass sehr perfektionistische Menschen eher dazu neigen. Stimmt das?

Hellweg: Tatsächlich trifft es häufiger Menschen, die sich stark mit der Arbeit identifizieren und sich für unverzichtbar halten. Sie haben hohe Ansprüche an sich selbst und an andere. Weniger Burn-out-Gefährdete nehmen es zum Beispiel gelassener, wenn sie eine Aufgabe nicht schaffen. Sie denken dann: "Hat die Zeit halt nicht gereicht, kann ich ja nichts dafür." Die anderen beziehen Fehler in der Arbeit häufiger auf sich und die individuellen Arbeitsbedingungen. Sie sind enttäuscht, weil sie nicht hundert Prozent oder mehr gegeben haben. Es gibt aber auch Arbeitsplätze, die überdurchschnittlich häufig mit psychischen Krankheiten einhergehen, unabhängig davon, wie kritisch eine Person mit sich selbst ist oder wie viel Stress sie aushalten kann. 

ZEIT ONLINE: Welche Berufsgruppen sind besonders gefährdet? 

Hellweg: Lehrer und Lehrerinnen zum Beispiel, sie empfinden ihre Arbeit oft als frustrierend. Von Eltern, Schülern und Kollegen erhalten sie häufig wenig Wertschätzung. Auch Krankenhauspersonal ist Burn-out-gefährdet. Es arbeitet unter Druck, schnell und viel. Dazu kommt, dass es manchen Patienten nicht helfen kann. Nicht jeder ist heilbar. Und nicht jeder Arzt kann gut mit der Ungewissheit umgehen, ob seine Arbeit überhaupt zum Ziel führt. Ebenso sind Polizisten und Feuerwehrleute in Gefahr, einen Burn-out zu bekommen. Von ihnen wird sehr schnell Leistung gefordert. Wenn sie ihre Schicht antreten, wissen sie oft nicht, was sie erwartet. Sie müssen viele Überstunden leisten. Und Topmanager erleiden nicht selten einen Burn-out, weil ihr Arbeitsalltag so ausgelegt ist, dass sie wenig Freizeit haben.

"Freizeit muss als Abwechslung zur Arbeit erlebt werden."
Rainer Hellweg, Psychiater

ZEIT ONLINE: Angenommen, jemand hat nun mal einen stressigen Job. Wie beugt er oder sie einem Burn-out vor?

Hellweg: Die Person sollte die Arbeit so organisieren, dass es auch Pausen gibt. Und es ist wichtig, die Zeit abseits der Arbeit wirklich zu genießen. Dabei ist es letztlich egal, ob sich die Person mit anderen trifft, Schach spielt oder bloß auf dem Sofa sitzt und Fernsehen schaut oder Musik hört. Sport hilft, um auch nach einem langen Tag am Abend mit müden Gliedern ins Bett zu fallen und einschlafen zu können. Wichtig ist: Freizeit muss positiv und als Abwechslung zur Arbeit erlebt werden.

Schlafprobleme als Alarmzeichen

ZEIT ONLINE: Wann sollte eine gestresste Person einen Arzt aufsuchen?

Hellweg: Wenn sie wiederholt Schlafprobleme hat. Sicher, manche Menschen brauchen mehr Schlaf als andere. Hier zählt, ob sich die individuelle Schlafqualität deutlich verschlechtert hat. Weitere Alarmzeichen sind, wenn die Konzentration merkbar nachlässt und der Umgang mit den Kollegen dauerhaft schwerfällt. Und sicherlich sollte jemand zum Arzt, wenn er sich über nichts mehr freuen kann, was auf eine depressive Symptomatik hinweist.

ZEIT ONLINE: Wie wird ein Burn-out behandelt?

Hellweg: In der Regel mit einer Psychotherapie. Bei der geht es darum zu schauen, warum der Betroffene sich so überfordert fühlt. Denkt er beispielsweise, dass er immer perfekt sein muss? Oder dass er nicht den Ansprüchen seiner Vorgesetzten genügt? Der Therapeut oder die Therapeutin wird sicherlich nach persönlichen Ressourcen suchen: Was macht der Patientin Freude? Was wünscht sie sich? Wo liegen die individuellen Stärken?

"Die Patienten sind nicht für alles und jeden verantwortlich"
Rainer Hellweg

Ich gebe meinen Patienten die Aufgabe, sich kleine Momente der Entspannung zu suchen. Sie sollen achtsam mit sich umgehen, also darauf achten, was sie stresst. Das zu erkennen ist ein wichtiger Schritt, um sich dann vor diesen Stressoren schützen zu können. Die Betroffenen sind nicht für alles und jeden verantwortlich, auch wenn sie das glauben. Und ich rate ihnen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Die Vergangenheit können sie nicht ändern, die Zukunft bereitet ihnen oft Sorgen. Sie können allerdings Lösungen für ihre aktuellen Probleme finden.

Auch Antidepressiva können nützlich sein. Wer ständig in Panik lebt, nicht schlafen kann und sowieso das Gefühl hat, dass es auf der Arbeit nicht läuft, der ist oft nicht in der Lage zu entspannen. Wenn Betroffene aber auch mal geschlafen haben, gelassener gegenüber Stressauslösern sind – das ist das, was diese Antidepressiva bewirken –, sind sie auch bereit, etwas zu verändern und Dinge anders zu bewerten.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert eine Therapie?

Hellweg: Wenn der Betroffene noch nicht so stark erkrankt ist, reichen vielleicht 20 Sitzungen. Ich habe Fälle erlebt, in denen es Patienten und Patientinnen schon nach zwei oder drei Sitzungen merkbar besser ging. Das sind dann meistens Menschen, die selbstkritisch sind und sich früh haben helfen lassen. Sie sind auch eher bereit, wenn nötig ein Antidepressivum zu nehmen. Und sie lernen, den Stress, den sie arbeitsplatzbedingt haben, als gegeben zu akzeptieren und ihn nicht wie zuvor an sich heranzulassen. Sie sollten akzeptieren, dass sie nie hundert Prozent bei der Arbeit geben können. Keiner ist perfekt, auch sie nicht. Burn-out-Patienten sind zu dieser Erkenntnis oft erst mal nicht in der Lage.

Viele Arbeitgeber reagieren nicht optimal

ZEIT ONLINE: Sollte eine Burn-out-Patientin zum Beispiel sofort aufhören zu arbeiten – oder gar kündigen?

Hellweg: Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Keinesfalls ist es für jeden gut, sich sofort von der Arbeit krankschreiben zu lassen oder zu kündigen. Oft haben Menschen, die einen Burn-out bekommen, auch außerhalb der Arbeit nicht viele soziale Kontakte und selbstwirksame Aktivitäten. Vielen fällt es schon allein deshalb schwer, etwas Schönes zu erleben. Auch Verreisen hilft nicht jedem. Wer im Moment nichts mit sich anzufangen weiß, fühlt sich möglicherweise im Urlaub noch schlechter als im Beruf. Das geht depressiven Erkrankten oft ebenso. Durch die Arbeit haben sie oft noch eine sie stützende Struktur. Haben sie Urlaub, fällt ihnen auf: "Alle sind fröhlich, nur ich nicht." Das belastet sie umso mehr.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Patienten, wie sie den Burn-out auf der Arbeit kommunizieren sollten?

Hellweg: Wenn ich ganz offensichtlich nicht mehr so viel leiste wie zuvor oder einen langen Klinikaufenthalt antrete, würde ich eventuell – allerdings nur mir sehr vertrauten Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten – mitteilen, was mit mir los ist. Das Gefühl, erschöpft zu sein, kennen wohl die meisten. Dafür braucht sich keiner zu schämen.

"Letztlich sind viele Vorgesetzte daran interessiert, dass Mitarbeiter hundert Prozent oder mehr leisten."
Rainer Hellweg

ZEIT ONLINE: Wie viel Rücksicht können Patienten von dem Arbeitgeber erwarten?

Hellweg: Das ist ganz unterschiedlich. Ich würde schätzen, dass etwa die Hälfte der Arbeitgeber nicht optimal reagiert. Nach außen hin zeigen sie sich oft verständnisvoll. Letztlich sind viele Vorgesetzte aber daran interessiert, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hundert Prozent oder mehr leisten. Einigen geht das über die Gesundheit der Leute. Ausnahmen gibt es aber, in denen Führungskräfte sehr verständnisvoll waren und sind: zum Beispiel, wenn sie selbst bereits etwas Ähnliches erlebt haben wie der Betroffene. Oder wenn sie den Ausfall einer Arbeitskraft durch eine andere vergleichsweise gut kompensieren können.

ZEIT ONLINE: Woran erkennen Mitarbeiter, dass die Vorgesetzte oder der Kollege vor einem Burn-out steht? 

Hellweg: Sie merken es zum Beispiel daran, dass die Person länger als sonst für ihre Aufgaben braucht. Auch wenn eine Kollegin, die bisher immer mitteilsam war, langsam einsilbiger wird, kann das ein Hinweis sein. Sie könnten mal hingehen und behutsam fragen, wie es ihr geht und ob sie helfen können. Bei größeren Firmen gibt es auch entsprechende Ansprechstellen. Allerdings sollten sich Kollegen mit vorschnellen Diagnosen zurückhalten, da diese das Gegenüber vor den Kopf stoßen können.

ZEIT ONLINE: Was können Arbeitgeber tun, um zu vermeiden, dass ihre Mitarbeiter einen Burn-out bekommen?

Hellweg: Sie könnten zum Beispiel dafür sorgen, dass die Beschäftigten nicht ständig erreichbar sind. Es gibt ja bereits Konzerne, die ihren Mitarbeitern am Feierabend untersagen, Dienstliches zu regeln. Das halte ich grundsätzlich für sinnvoll. Außerdem können sich Vorgesetzte bei ihren Mitarbeitern erkundigen, wie es ihnen geht, und gemeinsam überlegen, ob Arbeit gegebenenfalls umverteilt werden muss. Und auch wichtig: selbst auf sich achten, dass ihnen der Druck nicht zu viel wird. Dann sind sie auch bessere Führungskräfte.